Historisches

Antike Plastik in Abgüssen

Herbert A. Cahn, Sonntagsbeilage der National-Zeitung, 3. März 1963

Zur Eröffnung der Skulpturhalle

Basel bereitet sein Antikenmuseum vor. Es soll eine Stätte der Kunst werden, wie sie in weitem Umkreis nicht gefunden wird, wo Originalwerke eine umfassende Anschauung der Kunst der Antike bieten sollen. Direkt und klar soll die Ansprache der Kunstwerke sein, ohne Vermittlung von Lehre und Wort. Die Wirkung dieser Neugründung wird durch die Qualität der Bestände und durch die Art und Weise ihrer Aufstellung bestimmt werden. Was bisher gesammelt wurde, der Zuwachs der letzten Zeit, die zu erwartenden Leihgaben aUs Privatbesitz, schliesslich die Pläne der Ausgestaltung des Berri-Hauses am St. Albangraben und der Neubau des Annexes, all das berechtigt zu grossen Hoffnungen. Eines allerdings wird das Basler Antikenmuseurn nie nachholen können: zum Aufbau einer Skulpturensammlung von hohem Rang kommen wir spät, vielleicht zu spät.

Blick in die neue Skulpturhalle
Abbildung 1: Blick in die neue Skulpturhalle an der Mittleren Strasse.

Dafür haben wir jetzt die neue Skulpturhalle. Die Sammlung von Gipsabgüssen antiker Plastik hat ihr Provisorium in der Gesslerschen Fabrik an der Mittleren Strasse verlassen und zwei Häuser weiter in einem Anbau der Adullam Klinik ihr endgültiges Heim gefunden. Hochgeschätzt von den Kunstfreunden des 19. Jahrhunderts, hatte sie unter der Leitung des Ratsherrn Wilhelm Vischer – jenes bedeutenden, im Schatten von Burckhardt, Bachofen und Nietzsche still wirkenden Hüters und Förderers des humanistischen Erbes in Basel – 1849 einen würdigen Platz im Museum an der Augustinergasse erhalten. Der Umzug in die eigentliche Skulpturhalle, dem Erdgeschoss des alten Kunstvereingebäudes an der Klostergasse 1887 unter Johann Jakob Bernoulli bekam ihr schlecht. Die strenge Aufstellung im alten Museum, im Geist des späten Klassizismus, war einem historisierenden Kunterbunt gewichen. Bald geriet die Sammlung in Vergessenheit; sie wurde 1927 magaziniert. Der Initiative Ernst Pfuhls, Eduard Preiswerks und Karl Schefolds ist es zu verdanken, dass unsere Abgüsse 1941 ein provisorisches Heim in der Gesslerschen Fabrik fanden, rechtzeitig bevor sie durch Schmutz und Feuchtigkeit gänzlich verrotteten.

Mit primitiven Mitteln hatten Schefold und Preiswerk in gut beleuchteten Räumen eine logische und durchdachte Aufstellung zustande gebracht, die sich in den mehr als zwanzig Jahren ihres Lebens trotz Raumnot bewährte. Es verbinden sich mit der alten Skulpturhalle manche guten Erinnerungen aus der Doktorandenzeit mitten im Kriege, als dem einzigen Ort, wo für uns, inmitten der Isolierung, das Licht von Hellas strahlte, wo man die ersten holprigen Versuche unternahm, in Führungen dem weiteren Publikum etwas von halbverdautem Wissen zu vermitteln, mit wechselndem Erfolg. Kunstadepten der Gewerbeschule begannen das Gipsmuseum zu bevölkern, Studenten wurden vertrauter mit dem unentbehrlichen Hilfsmittel des Abgusses, und die anfeuernden Führungen Karl Schefolds zogen immer weitere Kreise. Unvergessen sind auch drei Vorträge von Ludwig Curtius gleich nach dem Krieg, in denen der grosse Wortzauberer die ganze Intensität seiner Interpretationskunst an wenigen Skulpturen zu nachhaltigster Wirkung brachte. Besonders hat sich mir die Betrachtung des Apoll von Belvedere eingeprägt, wobei Curtius die Lockenpracht des Gottes als Zierde des freien Mannes hervorhob, im Gegensatz zum «g’scherten Lackel», dem kurzhaarigen Unfreien.

Das Forschungsinstrument

Und heute? Nutzen und Notwendigkeit einer Abgussammlung antiker Skulpturen für Forschung und Lehre können nicht genug geschätzt werden. An Gipsen kann der Archäologe verstreute Teile einer Plastik zusammenführen. Adolf Furtwängler setzte in Gips einen berühmten Frauenkopf von Bologna einer Statue der Pallas Athene in Dresden auf, die einen nicht zugehörigen Kopf besass: er fügte die «Athena Lemnia» zusammen, und es erstand von neuem – in Gips – das einzige Götterbild des Meisters Phidias, das einigermassen sicher und in Originalgrösse überliefert ist. Humpfrey Payne bewies mit Abgüssen, dass Oberkörper und Kopf einer archaischen Frauenfigur in Lyon auf einen Unterkörper auf der Akropolis, und dass der sog. «Rampin’sche Jünglingskopf» im Louvre auf einen Akropolisreiter passten; er liess so zwei archaische Meisterwerke wiedererstehen. Der Eros vom Parthenon Ostfries, durch Lord Elgin in Gips abgeformt, ist im Original verloren. Nur an Abgüssen kann man plastische Experimente machen, Köpfe vertauschen, Gruppen zusammenstellen, wie etwa die einleuchtende Rekonstruktion der Tyrannenmördergruppe durch Karl Schefold in Basel.

Blick in die neue Skulpturhalle
Abbildung 2: Blick in die neue Skulpturhalle an der Mittleren Strasse.

Unersetzlich ist die Anschauung von Gipsabgüssen für das Studium der Kunstgeschichte. Das gilt ganz besonders für griechische Skulptur, denn ihrer Körperhaftigkeit wird keine Abbildung gerecht. Griechische Plastik muss im Raum gesehen, muss umschritten werden. Kann man auf einer Photographie erkennen, worin sich, abgesehen von der Grösse, der delphische «Kleobis» von dem kolossalen Kuros von Sunion unterscheidet? – dass der Jüngling von Sunion in sich ruhende Kraft verkörpert, der von Delphi aber gesammelte, auf ein Ziel zustrebende Energie, was erst offenbar wird, wenn man das Schreitmotiv vergleicht,: erfassen kann der Betrachter solche Unterschiede nur, wenn er die beiden Skulpturen in einem Blick zusammenfasst und dann vergleichend um sie herumgeht. Oder die beiden Tierbilder in ihrer Andersartigkeit: der massige Löwe von Milet und das lebenssprühende, durchartikulierte Pferd von der Akropolis. Vor dem Abguss wird der Student der Kunstgeschichte solche Unterschiede klarer formulieren und ihre historische Bedeutung besser erkennen als vor der besten Photographie.

Basel ist mit seiner Abgussammlung privilegiert. In ganz Amerika besteht unseres Wissens keine einzige annähernd umfangreiche Sammlung; die mangelnde Anschauung antiker Plastik ausserhalb der Museen von New York und Boston mag mitbewirkt haben, dass die amerikanische Archäologie sich so wenig für kunsthistorische Probleme interessiert. Auch wenige der grossen europäischen Universitäten können sich rühmen, über ein solches Arbeits und Forschungsinstrurnent zu verfügen.

Die Skulpturhalle als Museum

Aber, wird man einwenden, ist denn ein solcher Aufwand für ein reines Studieninstrument berechtigt? Die Skulpturhalle will mehr sein. Sie wendet sich an Künstler und an das grosse Publikum. Was kann also einem heutigen Menschen ein Museum von Abgüssen noch bieten? Ist es nicht verständlich, wenn es den Kunstschüler, der viele Stunden seiner Ausbildung mit dem Skizzieren nach Gipsmodellen verbringen muss, juckt, die von ihm nicht sehr verehrten Modelle mit Schnurrbärten zu versehen, ihnen Hüte aufzusetzen und sie gar zu verstümmeln? Oder der Laie, hat er Respekt vor Reproduktionen in der toten Materie, die der Gips nun einmal ist? Wir sind doch weit weg von der Goethezeit, in der der Gebildete sich in seinem Heim mit Abgüssen umgab, die ihm nicht nur Symbole der Bildung, sondern Gegenstände echten Kunstgenusses waren. Damals bedeutete eine Reise nach Italien, gar nach Griechenland, ein Wagnis, das nur einige Privilegierte unternahmen; antike Skulpturen gab es nördlich der Alpen nur in wenigen Museen zu sehen, ihre Abbildung wurde durch inadäquate Stiche verbreitet; noch hatte man kaum die heute jedem Laien geläufige Unterscheidung des griechischen Originals von der römischen Nachbildung gemacht. Goethe selbst hatte sein erstes grosses Erlebnis antiker Plastik in der Abgussammlung in Mannheirn, gleich nach dem Abschied von Sesenheim (Sommer 1771: Dichtung und Wahrheit, Elftes Buch, Schlusskapitel).

Blick in die neue Skulpturhalle
Abbildung 3: Blick in die neue Skulpturhalle an der Mittleren Strasse.

Heute kommt antike Kunst durch preiswerte und gute photographische Reproduktion und in vorzüglichen Bildbänden in jedes Haus. Eine Sizilienreise, eine Griechenlandfahrt sind kein Luxus mehr, ja in einer Weise allgemeines Bedürfnis geworden, die geradezu beunruhigt. Denn viele Menschen reisen in die klassischen Gegenden ohne Vorwissen in ihrem geistigen Gepäck; dort sind sie eher bestürzt und verwirrt von ihren Eindrücken, stossen sich am Fragmentarischen der Denkmäler und wenden sich ab, dem leichteren Genuss von Landschaft und Menschen zu. Denn griechische Kunst ist herb und anspruchsvoll. Wenn das Erlebnis einer Griechenlandreise mehr sein soll als noch ein Bildeindruck mehr in unserem schon reichlich überfütterten optischen Stoffwechsel, so ist eine Vorbereitung unerlässlich: Raum und Zeit sollten mit ein paar historischen Fakten, der Begriff «griechische Kunst» mit etwas mehr als mit flüchtig wahrgenommenen Abbildungen gefestigt sein. Da kann ein Besuch unserer Skulpturhalle helfen: die plastischen, räumlichen Eigenschaften griechischer Plastik werden hier erlebt; das Erlebnis wird am Original gesteigert und vertieft werden. Das, was der Gips nicht wiedergeben kann: die Handschrift des Künstlers, die Wirklichkeit des Geschaffenen, wird dann um so stärker empfunden. Und wenn dieses Erlebnis anhält, so senkt es sich noch tiefer in uns ein beim erneuten Besuch der Skulpturhalle, nach der Rückkehr, so wie ein Landschaftseindruck durch die selbst aufgenommene und oft wieder betrachtete Photographie gestützt wird.

Die neue Skulpturhalle kommt dem Bedürfnis des grossen Publikums auf halbem Wege entgegen. Prof. Karl Schefold hat den Bau geplant; der Direktor des Antikenmuseums, Dr. Ernst Berger, und seine Assistentin, Dr. Margot Schmidt, haben die Aufstellung durchgeführt. Man war sich bewusst, einen Kompromiss zu erzielen zwischen archäologischer Werkstätte und Museum. Ganz geglückt ist die Lösung nicht. Der Neubau, mit sparsamen Mitteln errichtet, eingeklemmt zwischen Mietshäusern und Klinik, hat keineswegs kleine Raumverhältnisse. Der Lichteinfall aus Oberlichtlaternen genügt an nur etwas trüben Tagen nicht; die Beleuchtung rnuss durch Röhrenlicht oft am hellichten Tag bereichert werden. Manche Räume, so der archaische, der frühklassische, sind sehr gut geraten, andere weniger. Schön der Durchblick zum Poseidon vom Artemision, der wie im Athener Nationalmuseum vor einem Vorhang steht, gepaart mit dem Torso von Milet; anregend die einfallsreiche Aufstellung der Parthenonskulpturen, bei der allerdings das Zusammenbringen von Figuren aus Ost und Westgiebel auf der gleichen Basis etwas verwirrt; besonders glücklich der hellenistische Raum, der der Explosivität dieser Skulpturen so gerecht wird.

Zwei Utopien

Es sei hier das Wunschbild einer Gipssammlung eingeschaltet, das vor kurzem eine befreundete Archäologin mir brieflich entworfen hat: «Man sollte versuchen, das gewisse klassizistische Etwas, das ein Gipsabguss nun einmal besitzt, diskret ironisierend hervorzuheben. Es hat mir immer vorgeschwebt, man müsse Gips im Wedgwoodstil präsentieren. Natürlich eignen sich Abgüsse klassizistischer Skulpturen mit vielen Bildungsassoziationen (Doryphoros, Amazonen) am ehesten zur Wedgwood Aufstellung, die antike Kunstwerke bekanntmachen und an den Klassizismus als geistesgeschichtliche Erscheinung, an den bedeutsamen Beginn der Auseinandersetzung mit antiker Kunst erinnern soll. Wenn ich also jemals in Utopia ein exquisites kleines Gipsmuseum einrichten dürfte, würde ich darin den Wedgwood Stil konsequent zum Triumph führen: mausgraue und blasslila Wände, kleinere, gelegentlich runde Räume, intelligent einfach gebaut, ganz vereinzelt zitatähnliche Andeutung klassizistischer Bauglieder, allerliebste kleine Scherenschemel, nicht zu viele, schneeweisse Gipse, das Ganze in einem nicht zu grossen Garten von mathematischem Grundriss. Und jeder Besucher müsste sofort merken, dass er ein bisschen Ironie mitbringen und den Gips nicht allzu todernst nehmen dürfte.»

Nach dieser Lektüre stellte ich mir selbst die Frage, wie denn in Utopia meine Skulpturenhalle aussehen würde. Ich wusste mich mit der Korrespondentin einig, dass sie «intelligent einfach» gebaut sein müsse, und dass die Abgüsse besser nicht getönt wären, sondern schlicht als Gips kein anderes Material vortäuschten. Aber beim Wort «blasslila» wuchsen mir Bedenken. Wäre dieses Kulissengebilde im Geschmack von 1810 für die Dauer haltbar, würde es uns nicht einen verblassten, uns fernen Geschmack aufzwingen?

Ein einfaches Gebäude, ja; mit möglichst klarer Raumdisposition, die den Besucher zu einem Rundgang vom Archaischen über die Klassik, den Hellenismus zur Römerzeit einlädt. Möglichst wenig Farben. Dafür an den Wänden ein paar grosse Photos zur Andeutung von Architektur und Landschaft. Die Räume sollten in sich geschlossen sein, aber dennoch etwas Provisorisches, Werkstatthaftes, nichts museal Fixiertes an sich haben. Dies wäre zu erreichen durch grosse Beweglichkeit der Abgüsse, die ungefährdet von Raum zu Raum versetzt werden könnten, und durch verschiebbare Wände. Durchwegs Oberlicht, lieber zuviel als zu wenig, denn ein Zuviel lässt sich je nach Tageslicht korrigieren. Abgesondert vom Rundgang ein oder zwei Säle für Beispiele ausserhalb der historischen Ordnung: z. B. drei Junglingsfiguren – der Kuros von Tenea, der Tiberapoll, der Schaber von Ephesos; Bildnisreihen; fünf Pferdeköpfe – von einem archaischen Akropolisreiter, der Bührle’sche Kopf, vom Parthenon, vom Mausoleum, vom Gespann des Helios am Pergamonfries usw. Ein Saal mit Vorstufen, die in Basel so schwer vermisst werden: mindestens zwei Statuen des Alten Reiches, ein Gudea, je ein Vertreter der altbabylonischen, der assyrischen und der hethitischen Skulptur, ein grosses kykladenidol. Und im Zentrum ein grosser Saal, in dem zumindest einer der grossen griechischen Giebel vollständig und in guter Distanz zu sehen, wäre, am liebsten der Westgiebel vom Zeustempel in Olympia.

Vielleicht denken sich andere Besucher unserer neuen Skulpturhalle andere Wunschbilder aus. Es wird ihnen klar sein müssen, mit den vorhandenen Mitteln und durch die Raumverhältnisse an der Mittleren Strasse vielen Wünschen recht enge Grenzen gezogen waren. Um so dankbarer soll man für das Erreichte sein.

Man möchte hoffen, dass Basels Kunstfreunde sich bald in diesem Sälen heimisch fühlen, dass hier Künstler für oder gegen die Klassik kämpfen, dass Archäologen in langen Diskussionen Deutungen, Zuweisungen, Chonologien behaupten, verteidigen und bestreiten, und dass jeder, der die Räume betritt, ein wenig von der Strahlung auffängt, die griechische Plastik auh durch das unvollkommene Medium des Abgusses aussendet.