Historisches

Kleine Geschichte der Skulpturhalle

Ernst Berger, Sonntagsbeilage der National-Zeitung, 3. März 1963

Zur Eröffnung der Skulpturhalle

Die Anfänge der Basler Abgussammlung gehen in die dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Nach dem Beispiel des 1825 begründeten «Akademischen Kunstmuseums» in Bonn begann man in jener Zeit fast an allen Universitäten des deutschen Typus die verstreuten plastischen Vorbilder der Antike für die Studierenden und kunstfreudigen Laien in Abgüssen zusammenzustellen. In Basel wurde diese Sammlung zunächst im Museumsbau an der Augustinergasse (1849) mit der Gemäldesammlung, der Naturhistorischen Sammlung und der Universitätsbibliothek zusammen aufbewahrt und als ein integrierender Bestandteil unseres Kulturgutes empfunden. Schon bald wurde der zur Verfügung stehende Raum zu klein. Mit Hilfe des Staates, des Kunstvereines, der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft, des Freiwilligen Museumsvereins und vor allem durch die grosszügige Spende von Herrn Oberst Johann Jakob Merian-Iselin wurde an der Klostergasse hinter der Kunsthalle ein eigenes Heim geschaffen und am 22. Oktober 1887 als neue Skulpturhalle eingeweiht. Hier erweiterte man auch die Ziele der Sammlung, indem man auch die Werke des Mittelalters und der Renaissance einschloss. Diese Skulpturhalle wurde bald innerhalb der Schweiz führend und auch im Ausland beachtet.

Augustinergasse
Abbildung 1: Alte Aufstellung der Abgüsse im Museum an der Augustinergasse.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts begann die Sammlung abermals an Raumnot zu leiden. Neue Kunstzweige traten überdies in den Vordergrund und verlangten neue Räumlichkeiten. Eine von Grund auf neugestaltete Disposition der Basler Museen drängte sich immer stärker auf. Um die damit zusammenhängenden Verschiebungen und Umzüge zu ermöglichen, räumte die Abguss-Sammlung zunächst ihr eigenes Heim – allerdings erst, nachdem der Grosse Rat am 2. Juni 1927 ausdrücklich die Verpflichtung übernommen und ausgesprochen hatte, für eine neue, adäquatere Unterkunft besorgt zu sein. Dieser Verpflichtung ist erst heute entsprochen worden.

Pläne und Provisorien

Der erste Plan der zwanziger Jahre, die Abguss Sammlung mit der Gemälde Sammlung des Kunstmuseums zu vereinen, liess sich nicht verwirklichen – er wäre auch gar nicht sinnvoll gewesen. Aus diesen Grund entschied der Regierungsrat im Jahr 1930, dass für die Abguss-Sammlung wiederum ein besonderes Gebäude errichtet werde, und er hat dafür schon damals das heutige, in der Nähe der Universität gelegene Terrain an der Mittleren Strasse in Aussicht genommen und durch Grossrats Beschluss vom 23. Oktober desselben Jahres angekauft. Das darauf von den Architekten E. und P. Vischer entworfene und vom Grossen Rat in reduzierter Form gebilligte Projekt kam aber infolge der wirtschaftlichen Krisen nicht zur Ausführung. In einer Volksabstimmung vorn Jahre 1936 wurde das ganze Vorhaben verworfen.

Kunstmuseum
Abbildung 2: Alte Aufstellung der Abgüsse im Kunstmuseum Basel.

Die seit 1927 im Keller der ehemaligen Brauerei zum Cardinal am Viadukt notdürftig magazinierten Abgüsse blieben also weiterhin verborgen und jeder Benützung entzogen. Mancher kulturbeflissene Basler hatte diese Situation damals mit Recht als Barbarei empfunden, und Zeitungsartikel wie «Die Götter in der Unterwelt» oder «Die Güter Griechenlands und die Basler Finanzmisere» gingen mit hehren Gefühlsausbrüchen durch die Tagespresse.

Ein erster Lichtblick für die Sammlung war das im Jahre 1941 geschaffene und bis zum jetzigen Umzug gebliebene Provisorium in den mietweise übernommenen Räumen der ehemaligen Leonhard Gesslerschen Fabrik. Bevor man mit der Aufstellung beginnen konnte, mussten die Gipsabgüsse, die durch die Magazinierung stark gelitten hatten, restauriert und gereinigt werden.

Schon während dieses Provisoriums der vergangenen 20 Jahre hatte aber die Sammlung ihr gebührendes Ansehen bis zu einem gewissen Grade wieder erlangt. Vor allem hat sie trotz der Raumnot wieder in den Dienst der Kunst- und Archäologiestudenten und des Zeichnungs- und allgemeinen Bildungsunterrichtes der Basler Schulen gestellt werden können. Seit Jahren hält nämlich hier die Gewerbeschule ihren Zeichenunterricht ab; in weiteren Stunden wird die Sammlung von den übrigen Basler Schulen benützt. Die archäologischen Seminare werden dort seit Jahren regelmässig durchgeführt. Auch der Basler Freizeitaktion und den anderen ähnlichen Verbänden stand seit 1941 die Halle immer zur Verfügung.

Cardinal
Abbildung 3: Depot der Skulpturen im Keller der Brauerei Cardinal.

Der kunstbeflissene Laie kam aber bei dieser provisorischen übergangslösung zu kurz. Die ursprünglich ganz anderen Zwecken dienenden Räume erlaubten keine adäquate Aufstellung der Sammlung; ein grosser Teil blieb überhaupt magaziniert. Eine antike Plastik sollte ferner nicht nur in ein gutes und starkes Oberlicht gestellt werden, sondern auch in einer gewissen Isolierung erscheinen. Der Betrachter sollte eine Skulptur vor allem auch umschreiten können, Nur so wird ihr plastischer Charakter voll erfassbar.

Der Neubau

Diesen Forderungen konnte nun im eben fertiggestellten Neubau weitgehend Rechnung getragen werden. An Ausstellungsfläche steht etwa ein Drittel mehr zur Verfügung (1060 m2 gegenüber 750 m2) – darüber hinaus noch ein grosser Kellerraum (von rund 800 m2), der im nächsten Jahr zu einem Studiensaal für die Werke von speziellem Interesse hergerichtet werden soll. Es wird also möglich, die jetzt noch etwas dichte Aufstellung des Hauptsaales im Erdgeschoss in Zukunft lockerer zu gestalten. Auch bleiben für die dringend notwendigen Ergänzungen und Erweiterungen der Sammlung genug Ausweichmöglichkeiten.

Die Abgüsse werden patiniert

Im Hinblick auf diese neuen Voraussetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten hat man schon während der letzten Jahre begonnen, die Gipsabgüsse in der Tönung der Originale sukzessive zu patinieren. Nach Vollendung dieser Arbeit wird die Sammlung auch auf den Laien noch einen lebendigeren Eindruck machen. Er kann hier die Hauptwerke des klassischen Altertums, die in den verschiedensten Museen der Welt aufbewahrt sind, vergleichend betrachten. Er findet beispielsweise die überragenden Bildwerke vom Parthenon, die zum grössten Til in das Britische Museum gekommen sind, mit den in Athen und anderswo befindlichen Beständen vereinigt. Er findet hier auch Werke, die inzwischen (vor allem in den Wirren des 2. Weltkrieges) zerstört oder verschleppt worden sind.