Der Parthenon in Basel
Die Giebel
In den beiden Tempelgiebeln sind bewegte Szenen aus der mythologischen Vorzeit Athens dargestellt. Die rundplastisch gearbeiteten Figuren sind zwischen 438 und 432 v. Chr. entstanden. Sie haben seit dem Ende der Antike stark gelitten; vor allem die mittleren Skulpturen wurden durch christlichen Bildersturm, Kriege, Raum und Verwitterung fast vollständig zerstört. Dank den Einlassspuren im Giebelboden und bildlichen Zitaten in anderen griechischen Kunstwerken, aber auch mit Hilfe der von Jacques Carrey 1674 erstellten Zeichnungen der damals noch vollständiger zu sehenden Bauplastik, konnte Ernst Berger vor bald 30 Jahren die Giebelszenen weitgehend rekonstruieren. Verlorene Figuren bzw. Teile wurden vom Bildhauer Ludwig Stocker in Styropor angedeutet bzw. plastisch ergänzt. Der griechische Schriftsteller Pausanias, der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebte und den Parthenon in vollständiger Pracht bewundern konnte, umschrieb das Thema der beiden Giebel folgendermaßen: «Tritt man in den Tempel (...), so bezieht sich die ganze Darstellung im Giebel auf die Geburt der Athena, (...) im rückwärtigen Giebel ist der Streit des Poseidons gegen Athena um das [attische] Land dargestellt».
Abbildung 1: Umzeichnung des Ostgiebels des Parthenon
Im Giebel der Hauptseite des Tempels (d. h. der Ostseite), an der sich auch der Eingang zum Tempelinneren befindet, stellt die zentrale Hauptszene die Geburt der Athener Stadtgöttin dar. Im Zentrum des Geschehens thront, von der geflügelten Siegesgöttin Nike bekrönt, Göttervater Zeus auf der Bergspitze des Olymps. Seine Gattin Hera stand an seiner rechten Seite. Die eben erst aus dem Kopf des Zeus geborene Athena, steht, bereits voll ausgewachsen und mit Lanze, Helm und Schild ausgerüstet, auf der anderen Seite. Bei der Geburt war auch der Schmiedgott Hephäst zugegen, der mit seiner Axt den Kopf des Zeus spaltete und damit Athenas Geburt ermöglichte. Er steht zur Linken der jungen Göttin. Neben Hera wird, als Pendantfigur zu Hephäst, Eileithyia vermutet, die Göttin der Geburt (wörtlich: «die [zu Hilfe] Kommende»).
Abbildung 2: Rekonstruktion des Zentrums des Parthenon-Ostgiebels.
Das Hauptgeschehen wird jeweils von einem nicht erhaltenen Gespann und zwei ebenfalls verloren gegangenen Begleitfiguren (Ares und Iris bzw. Charis und Hermes) gerahmt. Die Zäsur zwischen der beschriebenen Geburtsszene und ihrer kosmischen Umrahmung wird von zwei Gestalten gebildet: trotz unterschiedlicher Deutungen sind sie wohl am ehesten als Hore (Torhüterin des Olymp) und als Apollon zu bezeichnen. Hinter Hore können Demeter und Kore, sowie der liegende Dionysos erkannt werden, wobei die hinter Apollon sitzenden Figuren Leto, Artemis und Aphrodite darstellen. Die Pferdeköpfe in den Giebelecken deuten auf die Gespanne der Sonne und der Nacht hin, wodurch die Szene in einen kosmischen Kontext miteinbezogen wird.
Abbildung 3: Umzeichnung des Westgiebels des Parthenon
Die Figuren der Westseite sind noch enger mit der mythologischen Geschichte Athens verbunden als am Ostgiebel. Als Carey 1674, also nur wenige Jahre vor der verheerenden Explosion, die gesamte Bauplastik abzeichnete, waren die Darstellungen der Westseite viel besser erhalten als an der Ostseite, sodass sichere Rückschlüsse auf die dargestellten Figuren und ihre Deutung möglich sind. Carrey’s Zeichnungen erlauben außerdem, die heute verlorenen Fragmente zu ergänzen. Die zwei um das Land Attika streitenden Götter, Athena und Poseidon (Figuren L und M), stehen diagonal auseinanderdrängend in der Mitte des Giebels. Der Meeresgott hielt einst den Dreizack. Mit diesem liess er, als Zeichen seines Herrschaftsanspruchs über das Land, eine Salzquelle aus dem Fels der Akropolis herausspringen. Die Göttin hingegen spendete den ersten Olivenbaum, und wurde daraufhin zur Siegerin erkoren. Poseidon, der seine Niederlage nicht eingestehen wollte, musste von Zeus mit einem Blitz, den man sich unter der Giebelspitze denken muss, zur Räson gebracht werden. Dieser Einschlag erklärt auch das heftige Zurückweichen der beiden Götter zu den Seiten. An die beiden Kontrahenten schliessen sich die jeweiligen« Verbündeten» an; das Gespann links der Athena wird wohl von einer attischen Stammmutter (H) gelenkt und von der Siegesgöttin Nike (G) begleitet – dasjenige des Poseidon wird von seiner Gattin Amphitrite (O) gefahren und von der Götterbotin Iris (N) flankiert. Hinter den Gespannen befinden sich weitere Gestalten (A*–F bzw. P–U*), die als mythologische Urahnen und Heroen Athens gedeutet werden. Die liegenden Figuren in den Giebelzwickeln stellen die Personifikationen der athenischen Flüsse Kephissos (A) und Illissos (V) dar.
Über der Giebelspitze war das Tempeldach durch Akrotere (griechisch: «oberste Ecke») gekrönt. Diese haben die Form von kunstvoll stilisierten Akanthenpflanzen. Aus den überlieferten Fragmenten konnte Bildhauer Michele Cordasco die in der hinteren Hallenecke ausgestellte Rekonstruktion wiedergewinnen
© Skulpturhalle Basel 2008 (barmasse.org)
