Sammlung
«Skulptur des Monats» Oktober 2002
Der sogenannte «Kleobis»
Original
Datierung: Anfang 6. Jh. v. Chr.
Material: Marmor
Standort: Delphi Museum (Statue Inv. 467. Plinthe Inv. 980)
Abguss
Inv. Nr.: SH 11
Werkbetrachtung
Die überlebensgrosse Jünglingsstatue aus Inselmarmor und die zugehörige Plinthe wurden 1893 im Apollonheiligtum in Delphi aufgefunden. Auf der Oberseite der Plinthe erhielt sich in fragmentarischer Form nur der Rest der Künstlersignatur: «Der Argiver [Poly]medes hat [die Statue] gemacht.»
Ein Jahr später kam in Delphi – in einem weniger guten Erhaltungszustand – eine zweite, der ersten sehr ähnliche Statue zum Vorschein.
Abbildung 1: Gesamtansicht des «Kleobis».
Die beiden Skulpturen sind beredete Vertreter der hocharchaischen Zeit. Sie stehen - wie alle archaischen Jünglinge - frontal da, das eine Bein vorgestellt, die Hände zu Fäusten geballt und an die Hüfte gepresst. Im Körperaufbau fallen die massigen und blockhaft abgehobenen Gliedmassen sowie das unausgewogene Verhältnis zwischen dem zu kurzen Oberkörper einerseits und dem Kopf und den Beinen andererseits.
Bei aller ähnlichkeit bestehen zwischen den beiden zweifelsohne gleichzeitig gearbeiteten Jünglingsstatuen auch gewisse Feinunterschiede: Die erste ist leicht grösser/kleiner und weist in der Frisur 6 Zöpfe, während das Haar der anderen in sieben Zöpfe unterteilt ist. Diese Detailunterschiede verbieten es, bei den Statuen an ein Zwillingspaar zu denken, etwa an das mythische Dioskurenpaar, das die Forschung immer wieder als Deutung vorgeschlagen hat, den die wissenschaftliche Diskussionen um die Identifizierung dieser Gruppe setzten seit dem Auffinden beider Jünglinge auf.
Abbildung 2: Detail des Kopfes des «Kleobis».
Die verlockendste Benennung dieser Gruppe, die bis heute als die Wahrscheinlichste gilt, basiert auf einer Textstelle des antiken Autoren Herodot. Herodot seinerseits wiederholt eine Geschichte die Solon um 590 v.Chr. erstmals überliefert haben soll. Es ist die Geschichte von Kleobis und Biton, zweier aus Argos stammenden Brüder. Diese beiden Brüder waren ob ihrer gewaltigen Körperkräfte bei Kampfspielen vielfach mit Siegespreisen bedacht worden. Anlässlich eines in Argos stattfindenden Festes zu Ehren der Göttin Hera musste die Mutter der Jünglinge, eine Hera-Priesterin, in den Tempel gefahren werden, und weil die Zugrinder noch auf dem Felde benutzt wurden und die Zeit eilte, spannten sich die Brüder selbst ins Joch und zogen den Wagen mit der Mutter über eine Distanz von 45 Stadien zum Tempel. Das Volk von Argos pries die Mutter ob solch tüchtiger Söhne. Sie selbst trat vor das Kultbild der Göttin und bat Hera, ihren Söhnen besondere Gunst zu gewähren: Nachdem Kleobis und Biton am Opfer und am anschliessenden Mahl teilgenommen hatten, legten sie sich im Tempel zur Ruhe und wachten aus ihrem Schlaf nicht mehr auf; damit wurde Ihnen die höchste Gnade, die sterbliche Menschen im antiken Griechenland erhoffen konnten, zuteil.
Abbildung 4: Hinterteil des «Kleobis» mit Bruchstelle.
Die Argiver liessen Standbilder herstellen und weihten sie in das Heiligtum nach Delphi als Bild edler und wackerer Männer. Es ist sehr naheliegend, die beiden delphischen Statuen mit dieser argivischen Votivgruppe zu verbinden, zumal der Bildhauer ein Argiver war. Kleobis wäre der unserem Abguss vorhandener Jüngling, sein Bruder Biton die andere Statue in Delphi.
Die Statuen des Kleobis und Biton sind keine Porträts im heutigen Sinne sondern sind vielmehr als Sinnbilder menschlicher Stärke, Tüchtigkeit und Ergebenheit zu verstehen.
Ute W. Gottschall
Auswahl an Literatur
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
