Sammlung

„Skulptur des Monats“ April 2003
Der sogenannte „Doryphoros des Polyklet“

Original

Datierung: Römische Kopie nach einem Bronzeoriginal des Polyklet um 440 v. Chr.
Standort: Minneapolis, Institute of Arts
Herkunft: unbekannt
Material: Marmor
Höhe: 204 cm

Abguss

Inv.-Nr.: SH 1393
Herkunft: Abgussformerei Bertolin München
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der aus Argos in der Peloponnes stammende und in Athen wirkende Bildhauer Polyket war neben Phidias der bedeutendste Bildhauer der griechischen Klassik. Er wirkte zwischen 450 und 420 v. Chr. und schuf wohl über 30 Bronzestatuen, meistens von nackten Jünglingen und Heroen. Keines seiner Werke hat im Original überlebt; von den wichtigsten Werken wurden in römischer Zeit aber unzählige Marmorkopien hergestellt. Allein von seinem Hauptwerk, dem Speerträger, sind heute noch mindestens 70, unterschiedlich erhaltene Kopien bezeugt, von denen sich die zwei vollständigsten in den Museen von Neapel und Minneapolis befinden. Obwohl Polyklet schon zu Lebzeiten grosse Bewunderung genoss und seine Werke Generationen von Bildhauern auch noch nach Jahrhunderten beeinflussten, ist sein Werk in den überlieferten schriftlichen Texten relativ spärlich thematisiert. Die wichtigste Quelle geht auf Plinius de Ältere aus dem 1. Jh. n. Chr. zurück. Er schrieb in seiner Naturkunde, der Naturalis historia (34, 55–56) folgende Sätze:

„Polyklet ... schuf ... einen speertragenden mannhaften Knaben (doryphorus). Auch verfertigte er eine Statue, welche die Künstler als Kanon bezeichnen; und aus diesem Kanon leiten sie die Grundregeln der Kunst wie aus einer Art Gesetz ab; er allein ist es unter den Menschen, dem zuerkannt wird, die Kunst als solche durch ein Kunstwerk offenbart zu haben. ... Eine Besonderheit von ihm ist die Erfindung, Statuen auf einem Bein stehen zu lassen...“

Es fällt auf, dass Plinius den Doryphoros nur knapp nach dem motivischen Sachverhalt benennt und nicht weiter ausführt, wen die Statue darstellt. Aufgrund der überlebensgrösse kann nur ein Gott oder Heros gemeint sein; Achill wäre aufgrund des Speeres naheliegend, doch ist eine solche Deutung nicht endgültig zu beweisen.

Doryphoros des Polyklet
Abbildung 1: Der „Doryphoros“ in der Skulpturhalle.

Unbestritten ist aber, dass der Speerträger auf ein um 440 v. Chr. geschaffenes Hauptwerk des Meisters zurückgeht und dass in ihm der polykletische „Kanon“, der im Text gleich anschliessend angesprochen wird, verkörpert wird.

„Kanon“ ist der programmatische Titel einer Theorieschrift des Bildhauers, die leider ganz verloren ist, die aber – wie wir aufgrund von überlieferten Inhaltsangaben wissen – Proportionierungen seiner Standbilder abhandelte. Tatsächlich sind die Statuen Polyklets, und allen voran der Doryphoros, nach präzisen Proportionsvorgaben strukturiert. Ausserdem ist allen die Ausgewogenheit der Komposition gemein, auf die auch schon Plinius hindeutet. Bei allen polykletischen Werken ist der klassische Kontrapost, d. h. die Unterscheidung eines Spiel- und eines Standbeines, stark ausgeprägt. Das Gewicht des ganzen Körpers ist auf das rechte (Stand)bein verlagert, während das linke (Spiel)Bein entlastet ist und dessen Fuss nach hinten versetzt ist. Der sich dadurch ergebende Gegensatz von Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung sowie Hebung und Senkung erfasst sämtliche Teile des Körpers. Die Schräglage des Beckens wird durch die Entgegenneigung der Schultern ausgeglichen; folglich umschreibt der Rumpf einen bogenförmigen Schwung, der besonders gut in der tief eingefurchten Wirbelsäule am Rücken ersichtlich wird. Das Knochengerüst ist unter der glatt gespannten Haut gut sichtbar und am Kopf tritt das haubenartig eng anliegende Haar kaum in Erscheinung, umso mehr die solide Schädelform. Auffällig sind auch die Enden der Rippenknochen, die zusammen den eigentümlichen Bogen ergeben, sowie die prägnant abgesetzte Leistenlinie, die wie ein Gelenk zwischen Unter- und Oberkörper vermittelt. Polyklet ging es bei der Gestaltung seiner Statuen darum, den inneren Aufbau eines menschlichen Körpers und das zugrundeliegende Knochengerüst auch von Aussen her sichtbar zu machen und damit die Einzelteile auch in ihrer organischen Funktionalität verständlich zu machen.

Doryphoros des Polyklet mit Berger’schen Messlatten
Abbildung 2: Der „Doryphoros“ mit Berger’schen Messlatten.

Unzählige Forscher haben versucht, anhand von Messungen am Doryphoros den Kanon zu entschlüsseln. Das plausibelste Erklärungsmodell geht auf den Basler Bildhauer Ludwig Stocker und den Archäologen Ernst Berger zurück, das die Körpergrösse zum Ausgangsmass wählt. Da der Jüngling im Kontrapost da steht, ist die Statuenhöhe nicht mit der eigentlichen Körpergrösse identisch. Wenn der Heros aufrecht stehen würde, würde er eine Grösse von 200 Daktylen des pheidonischen Masssystems, das in dieser Zeit in Griechenland Verwendung fand, erreichen. Die Mitte der Körpergrösse liegt an der Standbeinseite genau auf der Höhe des Rollhügels, also an jener Stelle, wo der Oberschenkelknochen in den Becken greift. Aus der Körpergrösse von 200 Daktylen lassen sich alle Teilhöhen und Strecken im ganzen Körper ableiten. Die Breite der Schultern (von Gelenk zum Gelenk gemessen) beträgt beispielsweise 1/5, die Taille 1/6, die Hüfte nochmals 1/5 der Körperlänge. Die Höhe des Kopfes macht 2/15, die Höhe des Gesichts 1/10, dessen Teilpartien (Mundpartie, Nase, Stirn) jeder genau ein Drittel des Gesichtes aus, also jeweils 1/30, usw. Jede Strecke des Körpers verhält sich somit in einem präzisen Verhätnis zur Gesamthöhe des Körpers. Hier wird klar, dass Polyklet seine Statuen nicht nach lebendigem Modell formte, sondern eine höchst künstliche Idealgestalt nach festgelegten Masssystem schuf. Dieses erklärt auch, warum alle polykletischen Jünglinge untereinander derart ähnlich sind. Vermutlich diese Prinzipien und Massverhältnisse hielt Polyklet in seiner Theorieschrift fest. Die Tatsache, dass Kanon nicht nur ‹Richtschnur› bzw. ‹Leitfaden› bedeutet, sondern auch ‹Messlatte› meint, scheint Ernst Bergers Erklärungsmodell zu stützen, das darüber hinaus den Vorteil bietet, den komplexen Sachverhalt einer Unmenge von Detailproportionen mit einer simplen Ausgangslage zu verbinden.

Tomas Lochman

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