Sammlung

«Skulptur des Monats» Juli 2003
Der sogenannte «Sophokles»

Original

Datierung: Römische Kopie einer um 330 v. Chr. im Athener Dionysostheater aufgestellten Statue
Standort: Rom, Vatikanische Museen
Fundort: Terracina (1839)
Material: Marmor
Höhe: 204 cm

Abguss

Inv.-Nr.: SH 220
Herkunft: Ecole Nationale des Beaux-Arts, Paris (wohl vor 1850)
Material: Gips (restauriert durch Niklaus Deschler 2002)

Werkbetrachtung

Die Marmorstatue ist im Jahre 1839 in Terracina, südlich von Rom entdeckt worden. Sie ist die am besten erhaltene Bildnisstatue des griechischen Tragödiendichters Sophokles. Ergänzt wurden lediglich die Nase, die rechte Hand, beide Füsse und die Rollenkapsel.

Der Dichter trägt Sandalen und einen Mantel, der seinen Körper eng umhüllt, über der Brust nach hinten umgeschlagen ist und über seiner linken Schulter am Rücken hinunterfällt. Die kräftigen Falten betonen die starke Anspannung des Gewandes und lassen die Körperformen hervortreten.

Statue des Sophokles in der Skulpturhalle
Abbildung 1: Statue des Sophokles in der Skulpturhalle.

Der Dichter wird in für Dichterbildnisse ungewöhnlich selbstbewusster Haltung gezeigt. Sein linkes Bein ist nach vorne gesetzt und der linke Arm ist auf die Hüfte gestützt. Auch der Kopf ist leicht zu seiner linken hin gewendet. Haltung und Blickrichtung deuten an, dass zur Linken des Sophokles ursprünglich eine Pendantstatue gestanden haben dürfte, wohl Euripides oder ein anderer griechischer Tragödiendichter.

Der Kopf wird durch fülliges Kopf- und Barthaar umrahmt, eine Binde umspannt den Schädel. Am Gesicht fallen der leicht geöffnete Mund und die tief modellierten Augen auf. Die Stirnfalten geben dem Dichter einen energischen und konzentriert wirkenden Ausdruck.

Neben und leicht hinter dem Fuss des Standbeines befindet sich die Rollenkapsel – ein scrinium, in dem der Dichter seine Schriftrollen gebündelt hat.

Sophokles, 497 v. Chr. in Kolonos auf der Peloponnes geboren und 406 v. Chr. gestorben, lebte und arbeitete sein ganzes Leben in Athen. Er genoss hohes Ansehen, ging er doch 18mal als Sieger aus den Theater-Wettbewerben hervor, ausserdem bekleidete er in Athen wichtige Staatsämter. Seine hohe Bildung und tiefe Frömmigkeit schlagen sich in seinem Werk nieder, das von einer kunstvollen Handlungsführung und psychologischer Vertiefung der Konflikte lebt. Allerdings sind von seinen zahlreichen Tragödien nur sieben erhalten: «Aias», «Elektra», «König Ödipus», «Antigone», «Trochinierinnen», «Philoktet» und «Ödipus auf Kolonos».

Büste des Sophokles im Vatikan
Abbildung 2: Büste des Sophokles im Vatikan.

Nach seinem Tod wurde Sophokles in den Status eines Heroen erhoben, u. a. auch darum, weil er den Asklepios-Kult in Athen eingeführt hat. Die frühen, wohl unmittelbar nach seinem Tod errichteten Statuen und Bildnisse zeigen ihn bei übereinstimmenden Gesichtszügen und Merkmalen (wie dem zweigeteilten Bart) jeweils mit der Heroenbinde. Eine Büste im Vatikan, die wohl auf eine jener lebensnahen Bildnisse zurückgeht, trägt die Beischrift «Sophokles». Sie erlaubt die Identifizierung auch der später entstandenen Bildnistypen, wie dem durch die Kopie aus Terracina überlieferten. Das entsprechende griechische Original dürfte mit jener Statue identisch sein, die laut antiken Schriftquellen ein gewisser Lykurgos gegen 330 v. Chr., also rund ein Dreivierteljahrhundert nach dem Tod des Dichters, zusammen mit einer Euripides- und einer Aischylos-Statue im Athener Dionysos-Theater hat aufstellen lassen.

Tomas Lochman

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