Sammlung

«Skulptur des Monats» August 2003
Die sogenannte «Aphrodite Kallipygos»

Original

Datierung: Römische Marmorkopie einer griechischen Statue aus der Zeit um 100 v. Chr.
Herkunft: Rom (angeblich aus der Domus Aurea Neros)
Standort: Ehemals in der Sammlung der Farnese in Rom, seit 1802 in Neapel, Archäologisches Nationalmuseum
Material: Marmor
Höhe: 152 cm

Abguss


Inv.-Nr.: 2003-1
Herstellungsort: Gipsformerei Bertolin, München
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die Venus aus Neapel ist die wohl pikanteste weibliche Statue der Antike: Die Göttin der Liebe hat nämlich ihr Gewand hochgezogen und betrachtet, den Kopf über ihre Schulter gewendet, ihren eigenen Po. Dass ihr Gesäss schön ist, deutet der griechische Beiname dieser Skulptur, kallipygos (von kalos = schön und pygos = Gesäss), an. Diese Bezeichnung geht auf antike Schriftquellen zurück, die uns von einer «Aphrodite mit dem schönen Hintern» in einem Tempel in Syrakus berichten. Bei Athenaios, in seinem etwa um 200 n. Chr. verfassten Philosophen-Gastmahl (Deipnoisophistai) lesen wir:

«Einst waren die Menschen so sehr den Sinnenfreuden ergeben, dass sie sogar einen Tempel der Aphrodite ’mit dem schönen Hintern’ weihten. Der Grund dafür war folgender: Ein Bauer hatte zwei schöne Töchter. Diese stritten sich einmal, wer von ihnen den schöneren Hintern habe. Um den Fall entscheiden zu lassen, gingen sie an die Landstrasse. Als ein junger Mann, künftiger Erbe eines alten reichen Vaters, vorbeikam, präsentierten sie sich ihm. Er sah sie an und entschied für die ältere. Dabei verliebte er sich in diese, kam in die Stadt zurück und wurde vor Sehnsucht krank. Da beichtete er seinem jüngeren Bruder den Vorfall, der nun seinerseits aufs Land ging und die Mädchen inspizierte, sich seinerseits in die jüngere verliebte.» Trotz des Standesunterschiedes kam es zu einer Doppelhochzeit, «und die jungen Frauen, nun im Besitze eines glänzenden Vermögens, stifteten der Aphrodite einen Tempel und gaben der Göttin den Beinamen ‹mit dem schönen Hintern› ...»

Aphrodite Kallipygos
Abbildung 1: «Aphrodite Kalipygos» in der Skulpturhalle.

Die Statue ist sowohl in kompositorischer Hinsicht als auch in motivischer Hinsicht gewagt; durch die starke Torsion im Körper ist die Hinterseite zur Hauptansichtseite geworden und das entblösste Göttinnen-Hinterteil zum zentralen Mittelpunkt der Komposition geworden. Ein derart exhibitionistisches Entblössen wäre in der klassischen Zeit des 5. und 4. Jhs. v. Chr. undenkbar, zumal Nacktheit bis zum 4. Jh. v. Chr. in der Kunst nur männlichen Körpern vorbehalten blieb. Erst mit der um 340 v. Chr. gefertigten Aphroditestatue aus Knidos (der sog. Knidia) wagte es der athenische Bildhauer Praxiteles zum erstenmal, eine weibliche Figur, selbstredend eine Aphrodite, in völliger Nacktheit zu präsentieren. Die Nacktheit der Knidia wirkt aber natürlich, weil sich Praxiteles’ Göttin zum Bad entkleidet und der Blicke der Betrachter nicht gewahr wird. Die Kallipygos hingegen stellt ihre Reize bewusst zur Schau und mit dem zum eigenen Po blickenden Kopf fordert sie den Betrachter geradezu auf, ihre entblössten Reize zu bewundern.

Aus besagten motivischen und kompositorischen Gründen kann die Statue nicht in klassischer Zeit entstanden seit. Am wahrscheinlichsten ist, dass das griechische Werke im Späthellenismus, ca. um 100 v. Chr. gearbeitet wurde.
Die Replik aus Neapel ist trotz der Ergänzung von Kopf und Armen, die der klassizistische Bildhauer Carlo Albacini im 18. Jh. angefügt hat, die beste und vollständigste Replik dieser ansonsten nur noch in kleineren Fragmenten zusätzlich belegten hellenistischen Schöpfung.

Es ist klar, dass eine derartige Venus-Statue in Künstlerkreisen und unter Kunstliebhabern grosse Berühmtheit und Bewunderung auf sich gezogen hat, wie zahlreiche Wiederholungen in den diversesten Grössen und Materialien seit dem 18. Jh. belegen – auch wenn im 19. Jh. einige Stimmen meinten am undelikaten Motiv Anstoss nehmen zu müssen.

Anstössige Sloggi-Werbung
Abbildung 2: Werbung des Unterwäsche-Labels «Sloggy».

Mit der fetischistischen Betonung der Gesässpartie wurde hier zum erstenmal in der abendländischen Skulptur der weibliche Po zum Thema erhoben. Das Gefallen an diesem Körperteil ist seitdem zeitlos; wohlgeformte und feste Frauenpopos sind heute mehr denn je ein Wunsch der meisten Frauen und begehrtes Blickobjekt bei den meisten Männern. Dabei scheinen die ästhetischen Vorstellungen über die ideale Form des Po’s – weder zu gross noch zu klein, dafür knackig – nach Augenschein vor der Kallipygos und beim Vergleich mit heutigen Bildern – unverändert geblieben zu sein. Als modernes Anschauungsdokument soll die abgebildete Sloggi-Werbung aus dem Jahr 2003 dienen; die Schweizer Plakatkampagne mit den mehr enthüllten denn verhüllten Damenpos hat aber auch gezeigt, dass die öffentliche Zur-Schau-Stellung des Hinterns auch heute nicht allen gleich gefällt, analog wie im 19. Jh.

Tomas Lochman

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