Sammlung

„Skulptur des Monats“ September 2003
Die sogenannte „Marcia Furnilla“

Original

Datierung: 90/100 n.Chr.
Herkunft: angeblich aus der sogenannten Villa der Flavier bei Frattocchie, unterhalb Albano
Standort: Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek Inv. 711/Sc. 541
Material: Marmor
Höhe: 191 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 2003-2
Herstellungsort: Kopenhagen
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die angeblich aus einer Villa der kaiserlichen Familie der Flavier stammende Venusstatue zeigt eine römische Dame in Gestalt einer nackten Venus; die Füsse von einer zierlichen Nebenfigur links stammen sicherlich von einem kleinen Eros. Die Damenstatue ist ein sprechendes Beispiel für eine spezifisch römische Gattung von Standbildern privater Personen in Göttergestalt, die in Gräberbezirken bzw. Ahnengalerien aufgestellt waren; es sind Marmorkopien bekannter griechischer Götterstatuen, denen statt des ursprüngliches Hauptes ein Porträtkopf des jeweiligen Bestellers „aufgepfropft“ wurde.

Marcia Furnilla
Abbildung 1: Die „Marcia Furnilla“ in der Skulpturhalle.

Eine sterbliche Person in einem Standbild einer Gottheit anzugleichen, diese gleichsam zu vergöttlichen, wiederspiegelt zwar eine in der Antike weit verbreitete Vorstellung, dass Menschen mit dem Tod in göttliche Sphären aufsteigen, galt aber in dieser „anmassenden“ Art selbst für römische Sichtweisen als zu übertrieben. Auftraggeber waren denn auch nicht alteingesessene italische Familien, sondern vorab zu Reichtum gekommene freigelassene Sklaven (libertini) – meist kaiserliche Freigelassene, denen diese Art Privatapotheose auch ein wichtiges Mittel der Selbstdarstellung war. Falls obige Statue tatsächlich aus einer kaiserlichen Villa stammt und mit Marcia Furnilla, der zweiten Frau des Kaisers Titus, zu identifizieren ist, wäre sie eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Fast alle statuarischen Privatapotheosen dieser Art sind in Rom zwischen dem frühen 1. Jh. n. Chr. und dem späten 3. Jh. n. Chr entstanden. Als Vorlage wurden zumeist bekannte griechische Vorbilder gewählt, die in den römischen Bildhauerwerkstätten auch so schon vielfach kopiert wurden. Bei den Männerporträts waren als Vorbilder vor allem Merkur- und Herkulesstatuen beliebt, bei Frauenstatuen herrscht Venus vor.

Der Körper der Kopenhagener Damenstatue entspricht dem Typus der sogenannten Kapitolinischen Venus, der auf ein griechisches Original aus dem mittleren 2. Jh. v. Chr. zurückgeht (siehe Abbildung 2): Die Göttin steht in leicht geknickter Haltung da, ihre beiden sind Arme angewinkelt, wobei die linke Hand die Scham, die rechte die Brust verdeckt. Im ursprünglichen Statuentyp wendet die Göttin ihren Kopf stärker nach links als der Porträtkopf der römischen Matrone. Letzterer fordert den Betrachter unvermittelt zur Kenntnisnahme auf, was im Widerspruch zur eher verschämten Haltung des Venuskörpers steht. Zu diesem Kontrast gesellt sich auch die Dissonanz zwischen dem jugendlich zarten Körper und der harten Mimik einer schon älteren Matrone.

Kapitolinische Venus
Abbildung 2: Kapitolinische Venus.

Auffallend am Kopf ist die Frisur mit dem hohen Stirntoupet, der für flavische Zeit charakteristisch ist. Diesen schrillen Frisurtyp haben die Damen am Hof der flavischen Kaiser (Vespasian [69–79 n. Chr.]; Titus [79–81 n. Chr.]; Domitian, [81–96 n. Chr.]) zur Mode gemacht, die dann auch von anderen Frauen nachgeahmt wurde.

Die Höhe des Stirnhaartoupets, seine Beschaffenheit mit den Ringlöckchen, die direkt über der Stirn dicht gegeneinander drängen, sowie die hinten zum festen Knoten zusammengenommenen Zöpfe entsprechen der spätdomitianischen Mode, weshalb die Statue ins letzte Jahrzehnt des 1. Jhs. n. Chr. zu datieren ist.

Der schon oben erwähnte Vorschlag, hinter dieser Dame eine Porträtstatue der Kaiserin Marcia Furnilla zu sehen, steht auf wackligen Füssen, da keines der mit dieser Kaiserin verbundenen Porträts (darunter eine weitere Büste in der Kopenhagener Carlsberg Glyptothek [Inv. Sc. 663a]) wirklich gesichert ist.

Tomas Lochman

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