Sammlung

«Skulptur des Monats» März 2004
Archaische Löwen – Löwenskulpturen aus Olympia und Milet

Originale

Datierung: 7. Jh. v. Chr. (Nr. 926) und 6. Jh. v. Chr. (Nr. 402)
Standorte: Olympia, Museum (SH 926) und Berlin, Pergamonmuseum, Inv. 1790 (SH 402)
Fundorte: Olympia und Milet
Material: Kalkstein bzw. Marmor
Längen: 78,5 cm (926); 171 cm (402)

Abgüsse

Inv.-Nr.: 57-1 (SH 402) und 69-8 (SH 926)
Herkunft: Gipsformerei Berlin (SH 402)
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der kleinere der beiden Löwen, jener im Berliner Museum, wurde 1878 in Olympia (in der Nähe der Kultstätte des lokalen Heroen Pelops) ausgegraben. Die aus Kalkstein bestehende Skulptur ist das früheste bekannte rundplastische Löwenbild der griechischen Kunst; sie entstand bereits in der ersten Hälfte des 7. Jhs. v. Chr.

Das Tier hockt mit eingezogenem Bauch auf allen vier (nur teilweise erhaltenen) Füssen und hält den Kopf zwischen seinen Vorderpranken gesenkt; dies entspricht der Haltung, welche die Löwen unmittelbar vor dem Sprung einnehmen. Die Modellierung des mageren Körpers ist schlicht gehalten. Umso eindrücklicher hebt sich davon die ornamental gezeichnete Vorderpartie des Löwen ab. Die Mähnenzotteln sind als eingekerbte Schuppen wiedergegeben, die merkwürdigerweise nach oben gerichtet sind. Mehrfache Wülste umrahmen die kugeligen Augen und das weit aufgerissene Maul. Die expressive Gestaltung des Gesichtes verleiht dem Löwen eine bedrohliche Ausstrahlung. Am Original sind noch Reste der einstigen kräftigen, braunroten Bemalung an Mähne, Maul und Augen erhalten, die verstärkend zum wilden Aussehen des Löwen beigetragen hat.

Lowe aus Olympia Abbildung 1: Der Löwe aus Olympia in der Skulpturhalle.

An seiner Unterseite weist der Kalksteinlöwe eine tiefe Aushöhlung für eine Röhre auf, die bis in den Rachen geführt hat; der Löwe hat somit als Wasserspeier einer Brunnenanlage gedient. Möglicherweise stand diese in der Nähe zum Fundort, wo alte Wasserleitungen nachgewiesen sind. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand der Skulpturoberfläche deutet darauf hin, dass die Figur in einer überdachten Anlage gestanden ha-ben muss. Löwen als Brunnenfiguren sind ausser dem Exemplar aus Olympia ansonsten nur in wenigen Beispielen aus dem 6. Jh. v. Chr. bezeugt. Sie sind Vorläufer der Wasserspeier in Form von Löwenköpfen, die an der Traufleiste der griechischen Marmortempel angebracht waren, um das Regenwasser abzuleiten.

Der grössere, aus Milet stammende Löwe lagert auf seiner linken Körperseite. Das linke Hinterbein ist unter den Leib geschoben, so dass dessen Tatze nur in Unteransicht erscheint. Der Kopf ruht auf der rechten Vorderpranke. An der Rückseite des Löwen wird der scharfe Grat sichtbar, der die Wirbelsäule bis hinab zum Schweif betont. Der Bildhauer hat auf die Oberflächengestaltung besonderen Wert gelegt; meisterhaft ist das gestaute Fell am rechten Hinterlauf wiedergegeben. Am Original ist noch die feine Strichelung der gesamten Hautoberfläche sichtbar. Flammenartige Haarzotteln rahmen das birnenförmige Gesicht ein. Der melancholisch wirkende Gesichtsausdruck unter-streicht die ruhige, würdevolle Wirkung des Raubtiers. Man vergleiche dazu den kampflustigen früharchaischen Löwen aus Olympia!

Löwe aus Milet
Abbildung 2: Der Löwe aus Milet in der Skulpturhalle.

Die griechischen Maler und Bildhauer kannten Löwen nicht aus eigener Anschauung, sondern haben sie als Bildmotiv aus dem orientalisch-ägyptischen Darstellungsrepertoire übernommen.

Besonders frühe griechische Löwenbilder weisen noch enge übereinstimmung mit ihren Vorbildern aus dem Nahen Osten auf: Der Kalksteinlöwe aus Olympia deutet sowohl im Liegemotiv (der sogenannten «Sprunglage»), als auch in den Einzelformen auf hethitische Modelle. Die Umformungen einzelner Merkmale, etwa die Vervielfachung der Brauenbogen, verraten jedoch den griechischen Ursprung des Kalksteinlöwen. Im Bereich der griechischen Kunst lässt er sich am ehesten mit Löwenbildern auf protokorinthischer Keramik vergleichen – man weist ihn deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit einem korinthischen Bild-hauer zu.

Im Gegensatz zum Olympia-Löwen orientiert sich der Marmorlöwe aus Milet nicht wie üblich an orientalischen, sondern an ägyptischen Vorbildern; er ist das schönste erhaltene Beispiel einer zeitlich und örtlich eng begrenzten Sondergruppe unter den archaischen Löwenskulpturen, die aus der kleinasiatischen Küstenstadt Milet stammen. Die «milesischen Löwen» präsentieren sich in einem ähnlichen Liegemotiv wie die ägyptischen Löwen, aber mit einer typischen Abwandlung; sie liegen nämlich nicht wie die ägyptischen Löwen mit überkreuzten Vordertatzen und erhobenem Kopf da. Die veränderte Haltung lässt die milesischen Löwen natürlicher und bedächtiger erscheinen.

Die ägyptisierenden Löwen aus der Gegend um Milet wurden alle zwischen etwa 570 und 540 v. Chr. geschaffen. In dieser Zeitspanne ist auch der Löwe in Berlin entstanden. Die grosse Beliebtheit des Löwen in Milet erklärt sich aus der Tatsache, dass er ihr Stadtsymbol (Wappentier) war.

Die meisten milesischen Löwenfiguren wurden in Heiligtümern gefunden und sind somit als Weihgaben an eine Gottheit zu verstehen. Der Fundort des Berliner Löwen deutet allerdings auf eine andere Funktion hin; entdeckt wurde der Löwe 1906 am Kazartepe, einem Kalksteinhügel südlich der Stadt. Gleichzeitig wurde das Hinterteil eines genau gleich gestalteten Löwen gefunden, der heute ebenfalls in Berlin aufbewahrt wird. In archaischer Zeit befand sich an der Fundstelle der beiden Löwen ein aufwendig gestaltetes Grab, bestehend aus einer Grabkammer und einem langen Zugang (dromos). Die ganze Anlage wurde durch eine Erdaufschüttung geschützt. Die zwei Marmorlöwen waren vermutlich als Pendants oberhalb des Grabeingangs aufgestellt.

In diesem Fall sind beide Löwen also eindeutig auf ein Grab zu beziehen, was über ihre einstige Funktion Aufschluss gibt. Einerseits diente das Tier als symbolischer Grabwächter; es sollte also die potentiellen Grabschänder abschrecken. Andererseits kündet der Löwe als Grabmal auch von Mut und Stärke des Verstorbenen. Die Bedeutung der seit etwas 650 v. Chr. bezeugten archaischen Grablöwen ist durch Grabinschriften gesichert.

Vera Stehlin

Auswahl an Literatur