Sammlung
«Skulptur des Monats» Dezember 2004
Der sogenannte «Molosserhund»
Original
Datierung: römische Kopie nach einem griechischen Werk des 3. Jhs. v. Chr. (?)
Material: Marmor
Standort: ehemals Palazzo Pighina, Rom, seit 1770 im Vatikan (Belvedere-Hof, Nr. 64)
Höhe: 124 cm (inklusiv Plinthe)
Abguss
Inv.-Nr.: 1887-2 (sh 257)
Herkunft: Geschenk des Bildhauers ferdinand Schlöth (1887)
Material: Gips (restauriert 2001 von Felix Forrer), Oberkiefer am Abguss beschädigt
Werkbetrachtung
Der ausserordentlich lebendig gestaltete Molosserhund ist eine der bekanntesten Tierdarstellungen der Antike. Das grossgewachsene Tier mit zottigem Fell sitzt mit breit aufgestützten Vorderbeinen auf seinen Hinterpfoten. Seinen Kopf hat es nach oben erhoben und zur linken Seite gewendet. Der Mund ist drohend geöffnet, die Ohren sind gespitzt; der Hund scheint auf ein Geräusch aufmerksam geworden zu sein.
Unter der Bezeichnung ‹Molosser› wurden in der Antike alle doggenähnlichen Hunde zusammengefasst. Der Hauptstamm dieser Hundegattung war im antiken Epirus (NW-Griechenland) heimisch und von der epirotischen Stadt Molossi leitet sich denn auch der Rassenname ab. Er wird noch heute als Oberbegriff für alle Doggenarten und Berghunde verwendet. Die Molosser wurden in Griechenland als Hirten- und Hofhunde gehalten, gelegentlich wurden sie sogar als Kampftiere eingesetzt. Von Fremden und Eindringlingen war der Molosser seiner Kraft wegen ebenso sehr gefürchtet wie er von seinen Meistern für seine Sanftmut geliebt wurde. Unter Alexander verbreitete sich der Molosser über den gesamten hellenischen Raum und von den Römern wurde das Tier auch nach Italien überführt. Von hier aus dürfte es sich über das übrige Europa vermehrt haben. Alle heute bekannten Doggen und Berghunde sind mit dem Molosser verwandt, wie etwa der Boxer, der Bernhardiner, der Pyrenäen-Berghund und andere.
Abbildung 1: Der «Molosserhund» in der Skulpturhalle.
In der Antike waren weitaus weniger Hunderassen bekannt als heute; man unterschied bloss vier Familien. Neben den mächtigen Molossern sind die eleganten Lakoner (geschätzte Jagdhunde), und Kreter (eine Windhundsorte) sowie die niedlichen Melitäer (kleine Spitze, die als eigentliche Schosshündchen gehalten wurde) bezeugt. Darstellungen von Hunden finden sich in der bildenden Kunst Griechenlands seit dem 6. Jh. v. Chr., vor allem auf Grabstelen, wo die Vierbeiner stets zusammen mit ihrem verstorbenen Herren zu sehen sind. In der Frühzeit sind es vor allem die beliebten Lakoner, die man auf solchen Grabbildern erkennt. In späterer Zeit erscheinen auch die kleineren Hunderassen, vorab auf Grabreliefs von Kindern als deren Spielgefährten. Molosser tauchen in der Grabkunst erstmals in der spätklassischen Zeit auf. Eine von zwei aus dem späten 4. Jh. v. Chr. stammenden Marmorstatuen eines sitzenden Molossers hat sich im Grabbezirk des Lysimachides vor Athen erhalten. Echte Hundestelen, also Grabmäler für einen Hund sind vor allem für die römische Zeit bezeugt. Römer hatten eine noch innigere Beziehung zum Hund als die Griechen; besonders kleinere Welpen sind oft als reine Schmusetiere verhätschelt worden.
Auch wenn im antiken Griechenland vielfach verwilderte Hunde durch die Gegend streunten und ‹Hund› oft als Schimpfwort verwendet wurde, galt der Hund in der Antike doch insgesamt als treuer Begleiter und Freund des Menschen. Bereits in den homerischen Epen tauchen Hunde auf, wie der Argos, der Hund des Odysseus, der für seine Treue gelobt wird. Homer unterscheidet die Hunde noch nicht nach ihrer Rasse, sondern nach ihrer Funktion und zählt den Jagdhund, den Hirtenhund, den Wach- und Tischhund auf.
Erste ausführliche Rassenbeschreibungen von allen Hunden verdanken wir Xenophon’s kynegetikos. Explizit auf den Molosser geht Aristoteles in seiner historia animalium ein. Die lustigste literarische Passage zum Molosser findet sich in Petronius’ satyrica. Im berühmten Abschnitt über das Gastmahl des Trimalchio wird berichtet, wie der Gastgeber den geladenen Dinergästen seinen imposanten Wachhund namens Scylax vorführte. Derselbe Trimalchio erzählt seinen Freunden auch, dass er eine Statue seines Molossers über seinem Grab aufstellen lassen möchte. Vermutlich erfüllte der Vatikaner Molosser ursprünglich ebenfalls eine Grabwächterfunktion.
Der Vatikaner Molosser ist eine römische Kopie nach einem griechischen Werk aus dem 3. Jh. v. Chr., das ein berühmtes Werk war, da es verschiedentlich in weiteren Wiederholungen überliefert ist (u. a. ein zweites Exemplar im Vatikan, zwei weitere in Florenz).
Abbildung 2: Ein spiegelbildliches Pendant zum Vatikaner Molosser, von F. Schlöth in Gips geformt, heute verschollen (Ausschnitt von einem Foto aus dem Jahre 1892).
Den hier gezeigten Gipsabguss hat der Basler Bildhauer Ferdinand Schlöth (1818–1891) während seiner 30jährigen Schaffensperiode in Rom erworben. Er hat zum Abguss sogar eigenhändig ein spiegelbildliches Pendant in Gips geformt (siehe Abb. 2). Als er nach seiner Rückkehr nach Basel in das Komitee für den Bau der ersten Skulpturhalle gewählt worden war, schenkte er zur Eröffnung des Baus im Jahre 1887 beide Molosserfiguren. Leider wurde das von Schlöth geformte Gegenstück im mittleren 20. Jh. weggeworfen, da es kein Abguss eines antiken Stückes war und daher als kulturell wertlos angesehen wurde! Wenigstens hat sich der Schlöthsche Molosser auf einer alten Aufnahme von einer Retrospektive in der alten Skulpturhalle von 1892 bildlich erhalten.
Die Skulpturhalle hat den Abguss des Vatikaner Molosserhundes im Monat der Eröffnung der Schlöth-Ausstellung «Klassische Schönheit und vaterländisches Heldentum – Der Basler Bildhauer Ferdinand Schlöth» zum Objekt des Monats gewählt, um dem fast vergessenen Bildhauer und Mitbegründer der Skulpturhalle ihre Reverenz zu erweisen.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Walther Amelung, Die Sculpturen des Vaticanischen Museums II (1908) 162ff. Nr. 64–65 Taf. 17–18.
- Margarete Bieber, The Sculpture of the Hellenistic Age (1981) 155f. Abb. 660.
- Stefan Hess – Tomas Lochman (Hg.), Klassische Schönheit und vaterländisches Heldentum. Der Basler Bildhauer Ferdinand Schlöth, 1818–1891 (Ausstellungskatalog der Skulpturhalle Basel, 2004), Nr. WVZ 99a–b.
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