Sammlung

„Skulptur des Monats“ März 2005
Der sogenannte „Münchner König“

Original

Datierung: kaiserzeitliche Marmorkopie nach einem griechischen Bronzewerk aus der Zeit um 450 v. Chr
Herkunft: ehemals in der Villa Albani, 1815 in Paris für Glyptothek München erworben
Standort: München, Glyptothek
Material: Marmor
Höhe: 2,22 m (inkl. Plinthe 2,38 m)

Abguss

Inv.-Nr.: 73-8 / SH 1052
Herstellungs-Werkstatt der Skulpturhalle (Zweitabguss nach einem Gips aus der Archäologischen Sammlung Zürich)
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der nach seinem heutigen Standort und aufgrund der Kopfbinde (als Attribut eines königlichen Heros) so benannte „Münchner König“ gibt eine überlebensgrosse Gestalt in heroischer Nacktheit wieder. Der bärtige Heros steht auf dem linken Bein, während das rechte entlastet und nach hinten geführt ist. Der Oberkörper gleicht mit einer leichten Ausdrehung nach links die Kontrapoststellung aus. Auch der Kopf ist zur Linken gewendet und gesenkt. Der Heros blickte auf einen Gegenstand, den der angewinkelte linke Arm hielt, während der rechte passiv herunterhing. Die Tatsache, daß die beiden Vorderarme der Skulptur weggebrochen sind und damit auch jegliche Attribute fehlen, erschwert die Zuschreibung und Benennung der Figur.

Der Münchner König
Abbildung 1: Der „Münchner König“ in der Skulpturhalle.

Bei unserem Abguss wurde die baumförmige Stütze weggelassen. Diese ist eine Zutat des römischen Marmorkopisten, der eine ursprünglich bronzene und stützlose Statue kopiert hatte. Dieses heute nicht mehr erhaltene griechische Original darf aufgrund stilistischer Beurteilung in die Mitte des 5. Jhs. v. Chr. datiert werden. Auf dasselbe klassische Werk gehen – nebst anderen Wiederholungen – noch ein Torso (SH 940) und ein Kopf (SH 1596 Abb. 2) aus zwei weiteren römischen Repliken zurück, die beide aus Capua stammen. Der Kopf der Münchner Kopie und der Kopf aus Capua unterscheiden sich nur geringfügig. So sind u. a. beim Capuaner Kopf die Augen durch eine Binnenzeichnung hervorgehoben; die Iris ist sorgfältig geritzt und die Pupille mit einem Bohrloch angegeben, während der Kopf des sogenannten „Münchner Königs“ flache Augäpfel zeigt.

Kopf einer weiteren Replik des Münchner Königs
Abbildung 2: Kopf einer weiteren Replik des „Münchner Königs“ (SH 1596).

Ernst Berger hat diese römischen Kopien versuchsweise mit dem Herakles von einer kolossalen Herakles-Zeus-Athenagruppe in Verbindung gebracht, die der attische Bildhauer Myron für das Heiligtum der Hera auf der Insel Samos geschaffen hatte (vgl. Abb. 3). Danach wäre unser „König“ als Herakles zu verstehen, der – nach Fürsprache der Athena – von Zeus in den Olymp aufgenommen wird. In seiner Linken hielte er demnach die Hesperidenäpfel und mit der gesenkten Linken umfasste er die Keule. Genau diesen Sachverhalt gibt eine römische Bronzestatuette aus Zagreb wieder, hinter der Berger die vollständigste Konzeption des myronischen Urbildes sah. Die Mittelfigur des Zeus glaubte er im Torso vom Marcellustheater in Rom (SH 896) fassen zu können.

Zeichnerische Teilrekonstruktion
Abbildung 3: Zeichnerische Teilrekonstruktion der ursprünglich dreifigurigen samischen Gruppe des Myron mit Herakles und Zeus.

Nach den Beschreibungen des im 1. Jh. v. Chr. lebenden Geographen Strabon (XIV, 637) standen die drei kolossalen Figuren auf einer einheitlichen Basis. Diese Basis konnte auf Samos bei Ausgrabungen im frühen 20. Jh. tatsächlich wiederentdeckt werden, allerdings ohne die dazugehörigen Bronzefiguren. Dank Strabon wissen wir auch, daß Marc Anton die Statuen in Samos geraubt hatte und dass Augustus nach seinem Sieg über Marc Anton die Figuren von Herakles und Athena nach Samos auf die alte Basis zurückbringen ließ, den Zeus hinge-gen auf das Kapitol in Rom überführte.

Auswahl an Literatur