Sammlung

«Skulptur des Monats» Oktober 2005
Der sogenannte «Perikles»

Original

Datierung: Römische Marmorkopie des Kopfes einer Bronzestatue des Kresilas auf der Athener Akropolis aus der Zeit um 430 v. Chr.
Herkunft: Im Jahre 1779 bei Tivoli gefunden
Standort: London, British Museum
Material: Marmor
Höhe: 59 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 14-8 (SH 95)
Herkunft: Gipsformerei D. Brucciani, London. 1914 angeschafft.
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Die Londoner Periklesbüste ist die besterhaltene von vier überlieferten römischen Kopfrepliken einer Bildnisstatue des athenischen Strategen Perikles (494–429 v. Chr.), die der Bildhauer Kresilas um 430 v. Chr. in Bronze gegossen hat. Nach antiken Schriftzeugnissen muss diese Statue gleich am Eingang der Athener Akropolis gestanden haben. Die Identifizierung des Bildnistypus ist durch die Namenaufschrift ([Π]ΕΡΙΚ[Λ]ΗΣ) gesichert.

Periklesbüste in London
Abbildung 1: Periklesbüste im British Museum in London.

Perikles trägt einen kurzen gepflegten Vollbart und gelocktes Haar sowie einen über die Stirn zurückgeschobenen korinthischen Helm (der als Hinweis auf sein Amt als Stratege zu deuten ist). Das Gesicht selbst ist von ebenmässiger Schönheit und weist keine individuellen Züge und auch sonst keine Hinweise für die tatsächliche Physiognomie und Charaktermerkmale des Dargestellten auf. Das Bildnis ist ein Musterbeispiel für die idealisierten Bildnisse, wie sie in der klassischen Zeit Griechenlands üblich waren.

Periklesbüste im Vatikan
Abbildung 2: Periklesbüste auf einem Hermenschaft im Vatikan.
Namensbeischrift: «Perikles, Sohn des Xanthippos, aus Athen».

Perikles ist 494 v. Chr. als Sohn des Xanthippos und der Agariste in der Nähe von Athen zur Welt gekommen. Als junger Mann kam er mit der Lehre der Sophisten in Berührung, die sich gegen althergebrachte Gebräuche und Moralvorschriften stellten und religiöse Vorstellungen durch rationale Erklärungsmodelle zu verdrängen suchten. Politisch trat Perikles erstmals im Jahre 463 v. Chr. als Ankläger des Pro-Spartaners Kimon hervor. Er schloss sich den Verfechtern radikaler Demokratie um Ephialtes an und unterstützte dessen Reformen. Nach dem Tod des Ephialtes wurde Perikles Anführer der Demokraten und gewichtigster Politiker Athens. Als brillanter Redner wusste Perikles den Demos hinter sich zu bringen und festigte dank Massnahmen zugunsten ärmerer Bevölkerungsschichten seine eigene Machtstellung. Solche Erfolge brachten ihm auf der anderen Seite aber auch stetige Ablehnung und Missgunst unter seinen Gegnern ein. Trotzdem blieb Perikles wie kein anderer exponierter athenischer Politiker während langen Jahren an der Macht; zwischen 443–429 v. Chr. wurde er alljährlich neu ins höchste attische Amt wiedergewählt, in das des Strategen, und wurde nie Opfer des Ostrakismos. Diese Art von Volksabstimmung (zu deutsch «Scherbengericht») ist eine typisch athenische Einrichtung, um allzu einflussreich werdende Politiker aus der Stadt zu verbannen und damit gefährlichen Machtkonzentrationen vorzubeugen (vgl. Abb.3).

Ostrakon
Abbildung 3: Ostrakon mit Perikles’ Namen.

Anfeindungen setzte sich Perikles auch durch seine zweite Ehe mit Aspasia aus. Diese stammte aus Milet, war also eine sog. Metökin (= Eingewanderte) und keine gebürtige Athenerin. Ausserdem erlangte Aspasia umstrittene Berühmtheit durch ihre Kurtisanentätigkeit.

429 v. Chr. starb Perikles an der in jenen Jahren in Athen grassierenden Pest.

Für die Nachwelt gilt Perikles als der bedeutendste athenische Politiker aller Zeiten; unter seiner Führung ereichte seine Heimatstadt den Höhepunkt ihrer Macht und kultureller Vorherrschaft. Als visionärer Bauherr liess er die langen Mauern, die Athen mit dem Hafen Piräus ver­banden, errichten, und vor allem setzte er den Wiederaufbau der Akropolis, die 480 von den Persern zerstört wurde, in Gang. Zu seiner Zeit wurden die beiden wichtigsten Bauten – der Parthenon mit der kolossalen Kultstatue der Athena sowie die Propyläen – neu errichtet. Die künstlerische Oberaufsicht über diese prestige­reichen Bauten lag in den Händen des befreundeten Bildhauers Phidias. Die Freundschaft zwi­schen Politiker und Künstler erregte vielfach Missmut und Neid, der in einem Unterschlagungsprozess gegen Phidias gipfelte. Tatsache aber ist, das beide Namen eng mit dem Aufschwung Athens und mit der Kunstepoche der Hochklassik (450–420 v.Chr.) verbunden sind.

Noch im 20. Jh. sahen Forscher in Perikles das leuchtende Vorbild für die Demokratie – doch in dieser Hochschätzung liegt auch eine Gefahr: Sowohl Faschisten wie auch Kommunisten haben sich auf Perikles berufen und sein historisch-politisches Vermächtnis für ihre Doktrinen benutzt. Faschisten hoben ihn wegen seinen Führungsqualitäten hervor, Kommunisten verehrten ihn als Organisator eines Sozialstaates. Paradox ist, dass beide genannten politischen Bewegungen letztlich zur Aushöhlung der Demokratie führten, mit der Perikles so stark in Verbindung gebracht wurde.

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur