Sammlung
«Skulptur des Monats» Dezember 2005
Die sogenannte «Eirene mit dem Plutosknaben»
Original
Datierung: Römische Marmorkopie einer Statue des Kephisodot des Älteren, kurz nach 374 v. Chr.
Herkunft: Aus Rom, einst in der Villa Albani
Standort: München, Glyptothek (Inv. 219)
Material: Marmor
Höhe: 207 cm
Abguss
Inv.-Nr.: SH 179
Anschaffungsjahr: 1872
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Diese schöne Gruppe geht auf ein bekanntes Werk des athenischen Bildhauers Kephisodot d. Ä. zurück. Sie zeigt die Friedensgöttin Eirene mit dem kleinen Plutos, dem späteren Unterweltgott. Kephisodot, Vater des noch berühmteren Bildhauers Praxiteles, wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. Seine ‹Eirene mit dem Plutosknaben› existiert als Original leider nicht mehr; dafür ist sie in einzelnen unterschiedlich erhaltenen römischen Marmorkopien überliefert. Bei der hier zu sehenden Statue handelt es sich um die vollständigste Kopie in der Münchner Glyptothek. An ihr sind allerdings der rechte Arm der Göttin, die Finger der linken Hand mit dem Gefäss als auch Arme und Kopf des Knaben modern ergänzt. Der Restaurator hat der linken Hand der Göttin fälschlicherweise eine Kanne hinzugefügt; ursprünglich umfasste Eirene aber ein mit Früchten ausgestattetes Füllhorn, wie athenische Münzen aus der Kaiserzeit (Abb. 3) und der Plutosknabe von einer römischen Kopie aus dem Piräus an dem sich ein Rest des Füllhorns erhalten hat (vgl. Abb. 2), beweisen.
Abbildung 1: Abguss der Eirene in der Skulpturhalle.
Die Statue zeigt eine ruhig dastehende, in langen Mantel gehüllte matronale Göttin. Mit der erhobenen rechten Hand umfasste sie einst ein Zepter, auf dem linken Arm trägt sie den Plutos. Der kleine nackte Knabe streckt sein Ärmchen zum Kinn der Friedensgöttin aus und erwirkt ihre ganze Aufmerksamkeit.
Plutos ist der im zarten Knabenalter verstandene Hades, der – als Erwachsener – die Unterwelt beherrscht, hier aber als Spender des aus den Tiefen der Erde spriessenden Wachstums und Gedeihens wirkt und deshalb auch den Namen Plutos, ‹Reichtum›, führt. Das Füllhorn unterstreicht als Fruchtbarkeitssymbol diesen Sinngehalt. Friede bringt Wohlstand ist die metaphorische Botschaft dieses sehr ansprechenden Denkmals.
Die Gruppe hat Kephisodot im Auftrag seiner Vaterstadt Athen, höchstwahrscheinlich unmittelbar nach einem Waffenstillstand mit Sparta im Jahre 374 v. Chr. angefertigt. Aufgestellt wurde sie auf der Athener Agora.
Abbildung 2: Plutosknabe von einer Replik aus dem Piräus (Athen, Nationalmuseum), ergänzter Gipsabguss.
Die Eirene mit dem Plutosknaben ist – da sie mit einem schriftlich überlieferten Bildhauer verbunden und recht genau datiert werden kann – ein wichtiges Schlüsselwerk für die antike Kunstgeschichte. Sie ist ein beredtes Beispiel für die griechische Kunst des 4. Jhs. v. Chr., da sie aufs Schönste die damals eintretende, neue Hinwendung der griechischen Gesellschaft und der Künste zum Abstrakten und Schicksalhaften illustriert.
In dieser Zeit entstanden überall in Griechenland u.a. zahlreiche Statuen der immer wichtiger werdenden Schicksals- und Glücksgöttin Tyche. In vielen Städten wurde sie insbesondere als Städtebeschützerin verehrt. Entsprechende Statuen zeigen sie mit der Mauerkrone, aber auch – wie bei Kephisodots Eirene – mit dem Wohlstandsattribut Füllhorn.
Abbildung 3: Athenische Münze aus der römischen Kaiserzeit mit der Eirenestatue.
An einer solchen Stadttyche, und zwar an derjenigen von der arkadischen Stadt Megalepolis, hat Kephisodot ebenfalls gearbeitet – und zwar zusammen mit seinem Bildhauerkollegen Xenophon. Diese Marmorstatue stand im Zeus Soter-Heiligtum von Megalepolis neben den Statuen des thronenden Göttervaters und einer stehenden Artemis Soteira und präsentierte sich, ähnlich wie die Eirene, mit Zepter und Horn und vielleicht auch noch mit einem Plutosknaben im Arm. Ein Plutosknabe ist jedenfalls für eine weitere Stadttyche, die Xenophon (diesmal unter Beteiligung eines Kallistonikos) für die Stadt Theben geschaffen hat, von Pausanias ausdrücklich bezeugt: Der griechische Reiseschriftsteller überliefert alle erwähnten Statuen nämlich in folgender Passage (Paus. IX 16,2):
«In Theben befindet sich (...) ein Tycheheiligtum; sie [d. h. die Tychestatue] trägt den Plutosknaben. Wie die Thebaner sagen, schuf der Athener Xenophon Hände und Gesicht der Statue, der Einheimische Kallistonikos das übrige. Auch das ist eine kluge Erfindung dieser Künstler, einen Plutos der Tyche als Mutter oder Amme in die Hände zu geben, nicht weniger klug wie die des Kephisodotos. Denn auch dieser schuf den Athenern die Statue der Friedensgöttin mit dem Plutosknaben.»
Aus dieser Textquelle geht hervor, dass die Eirene allgemein bekannt war, weshalb sie als Referenz für verwandte Statuen dienen konnte. Ihre Botschaft, wonach nur in Friedenszeiten Fruchtbarkeit und Wohlstand gedeihen können, ist auch heute noch uneingeschränkt gültig und erklärt die ungebrochene Beliebtheit und Aktualität dieser schönen Gruppe.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur:
- G. E. Rizzo, Prassitele (1932) S. 4–7 Taf. 1–9
- Barbara Vierneisel-Schlörb, Klassische Skulpturen des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. Katalog der Skulpturen, Bd. II, (Glyptothek München 1979) S. 255–273 Nr. 25 Abb. 119–127.
- John Boardman, Griechische Plastik. Die spätklassische Zeit und die Plastik in Kolonien und Sammlungen, Mainz 1998, 68f. 79 Abb. 24.
- Tomas Lochman, in: Basilea. Ein Beispiel städtischer Repräsentation in weiblicher Gestalt, hrsg. von Stefan Hess und Tomas Lochman, Begleitpublikation zur Ausstellung «Basilea – Die unbekannte Stadtgöttin», 23. 05. – 11. 11. 2001, 41–42 Abb. 34.
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
