Sammlung

«Skulptur des Monats» Mai 2006
Der sogenannte «Kritios-Knabe»

Original

Datierung: Kurz vor 480 v. Chr.
Material: Parischer Marmor
Fundort: Athen, Akropolis
Standort: Athen, Akropolismuseum 698
Höhe: 86 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 1896-2 (SH 55)
Herkunft: Gipsformerei Athen
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Die Entwicklung der griechischen Kunst erfolgte in einem fortdauernden Prozess. Deshalb sind Epochenbegriffe wie «archaisch» oder «klassisch» lediglich moderne Ausdrücke, die uns als Hilfs­konstruktionen dienen, um die Geschichte der griechischen Plastik chronologisch und stilistisch unterteilen zu können. Allerdings haben sich einige Werke erhalten, die eine kunsthistorische Übergangszeit sehr gut bildlich wiedergeben können. Der sog. Kritiosknabe bezeugt gerade die Entstehung der klassischen Kunsttra­dition am Anfang des 5. Jhs. v. Chr. Das Thema der Skulptur, ein nackter stehender Knabe, steht noch vollkommen in der Tradition des sog. Kuros (griechisch: «Jüngling»), des die archaische Zeit prägenden Statuentypus. Doch während das Werk der archaischen Bildtradition noch inhaltlich angehört, sind seine stilistischen Merkmale bereits mit den frühklassischen Form­prinzipien in Verbindung zu bringen: Der nackte Knabe steht zwar noch frontal vor dem Zuschauer, doch die archaische Starrheit und die strenge Symmetrie sind bereits gelöst. Das Standmotiv entspricht hier zum ersten Mal dem tatsächlichen Körper­verhalten eines lebenden Menschen. Es wird hier deutlich zwischen einem Stand- und einem Spielbein unterschieden. Dieses Merkmal bleibt nicht nur auf die Beine beschränkt, es spiegelt sich auch im Hüftbereich wider. Die Entlastung des rechten Beins führt somit zur Absenkung der rechten Hüfte. Der Oberkörper wird von dieser Ponderation weniger betroffen: die Schulter, sowie die Brust- und Bauchmuskeln sind immer noch in einer symmetrischen Weise wiedergege­ben. Der Kopf trägt aber weiter der naturge­treuen Wiedergabe des Körpers bei. Er ist leicht nach rechts gewendet, was wiederum mit der „archaischen Frontalität“ in Widerspruch steht. Das Haar wird aber weiterhin mit eher dekorati­ven Mustern (Wellen und gleichförmigen Locken) gegliedert. Die nicht mehr erhaltenen Arme waren traditionsgemäß noch eng am Kör­per entlanggeführt (wie aus den Stützresten im Oberschenkelbereich deutlich wird), aber sie in ihrer Haltung immerhin leicht differenziert. Im Gegensatz zu den archaischen Werken blickt der Jüngling nicht den Betrachter an; er scheint vielmehr eine eigene Räumlichkeit um sich zu schaffen.

Abb. 01
Abbildung 1: Frontansicht des Kritos-Knaben in der Skulpturhalle Basel.

Diese Statue gehört einer Übergangsphase an, in der die Künstler versuchten, sich von den strengen Mustern der archaischen Zeit abzulö­sen und die Naturformen in ihrer organischen Funktionalität nachzuahmen. Deutlich wird ein zunehmendes Interesse für den menschlichen Körper erkennbar. Diese wachsende Vorliebe für die von der Natur vorgegebenen Formen wird die klassische Kunst Griechenlands prägen und einen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 5. Jhs.v.Chr. bei den Werken von Polyklet errei­chen. Dabei werden genau dieselben Elemente wie­derzufinden sein (bes. der «Kontrapost»), die sich bei dem Knaben des Kritios schon ansatz­weise manifestieren.

Das naturgetreue Aussehen der Figur wurde durch ihre ursprüngliche Bemalung hervorgeho­ben; der Jüngling war, wie alle griechischen Statuen, einst komplett farbig gefasst. Im Haar­bereich haben sich noch gelbe Farbpigmente erhal­ten: Der Dargestellte wurde also als blonder Jüngling wiedergegeben. Unter diesem Aspekt sind auch die heute leeren Augenhöhlen zu ver­stehen. Die einst separat gearbeiteten, aber nicht mehr erhaltenen Augen unterstrichen die Leben­digkeit der Statue noch weiter. Solche selten erhaltenen Einlagen sind meistens aus Bein her­gestellt worden, wodurch der weiße Augenteil nachgeahmt wurde. Die Iris bestand dagegen aus einem farbigen Gestein und die Pupille meist nur aus einem Bohrloch, das die Tiefe des Bli­ckes verdeutlichen sollte.

Die Datierung des Werkes kann genau einge­grenzt werden: Das Standbild wurde auf der Akropolis von Athen gefunden und zwar im sog. Perserschutt. Es lag zwischen den Trümmern weiterer Marmorstatuen, die während der Ver­wüstung der Stadt durch die Perser beschädigt und deshalb später auf der Akropolis in Gruben «entsorgt» wurden. Die Einnahme Athens durch die Perser geschah in den Jahren 480/79 v. Chr. Alle im «Perserschutt» ausgegrabenen Bildwerke müssen folglich vor 480 v. Chr. datiert werden. Innerhalb aller Statuen aus dem Perser­schutt ist der Kritiosknabe eindeutig das jüngste Werk, da alle anderen Statuen noch eindeutig archaisch sind; er muss also nur wenige Jahre vor dem Persereinfall entstanden sein.

Abb. 02
Abbildung 2: Seitenansicht des Kritos-Knaben in der Skulpturhalle Basel.

Die moderne Bezeichnung der Statue deutet auf ihre frühere Zuschreibung an die Werkstatt des Bildhauers Kritios hin, der in den Jahren 477–476 v. Chr. zusammen mit Nesiotes die Tyran­nenmördergruppe schuf. Die nach heu­tigem Wissensstand nicht mehr haltbare Benen­nung «Knabe des Kritios» hat sich aber so stark in die archäologische Sprache eingebürgert, dass sie immer noch verwendet wird.

Der Fundort auf der athenischen Akropolis weist darauf hin, dass die Statue einst in einem Hei­ligtum auf der Akropolis geweiht war. Die genauen Gründe, die zur Aufstellung des Werkes geführt haben, bleiben jedoch verborgen. Beim Jüng­ling dürfte es sich um einen Athleten gehandelt haben, möglicherweise um den Sieger bei einem Junio­renwettbewerb anlässlich der panathenäischen Festspiele. Diese Deutung ist allerdings nicht schlüssig zu beweisen.

Esau Dozio

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