Sammlung

«Skulptur des Monats» Oktober 2006
Die Kultstatue der «Athena Parthenos» – Römische Kopie und moderne Rekonstruktion

Original

Datierung: 439/38 v. Chr.
Material: das ursprüngliche Kultbild: Gold und Elfenbein; die römischen Kopien: Marmor
Fundort: sh 104: Athen (in der Nähe der Pnyx); sh 105: Varvakion
Standorte: sh 104: Athen, Akropolismuseum; sh 105: Athen, Nationalmuseum; sh 1586: Madrid, Prado
Höhe: ursprüngliche Höhe der Kultstatue: ca. 11,5 m; Höhe der römischen Kopien: sh 104: 42 cm; sh 105: 104 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 1875-1 (SH 104); (SH 105); 93-12 (SH 1586)
Herkunft: sh 104: Nachlass W. Vischer (1875); sh 1586: Werkstatt der Abgusssammlung in Kopenhagen
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der Athener Parthenon war der Stadtgöttin Athena geweiht und diente hauptsächlich der Unterbringung ihrer kolossalen Kultstatue. Die geläufige Bezeichnung des Tempels als ‹Parthe­non› leitet sich denn auch aus dem Beinamen der Göttin, parthenos (griechisch: ‹Jungfrau›), ab. Das Standbild war genau so kostspielig wie der Tempel selbst. Es wurde vom athenischen Bild­hauer Phidias geschaffen, dem auch die künstle­rische Leitung des gesamten Bauprojekts oblag. Die kolossale Statue, die laut Plinius der Ältere eine Höhe von rund 11,5 m erreichte, war aus Gold und Elfenbein gearbeitet. Solche «chryselephan­tine» Statuen galten in der Antike als besonders kostbar. Allerdings bestand die Statue nicht aus vollem Gold sondern nur aus dünnen, getriebe­nen Goldblechen, die an ein Holzgerüst montiert waren. Die Goldbleche ergaben die Gewandpar­tien der Göttin, während die blossen Körperteile aus Elfenbein bestanden. Vollendet und geweiht wurde die Kultstatue im Jahre 439/38 v. Chr.

Abguss SH 1586 in der Skulpturhalle Basel.
Abbildung 1: Abguss der Statue im Prado in der Skulpturhalle Basel (SH 1586).

Die in der Antike hochgerühmte Statue wurde vermutlich in spätrömischer Zeit nach Konstanti­nopel verschleppt, wo sie später spurlos ver­schwand. Dank den verschiedenen Beschrei­bungen durch die antiken Autoren und einzelnen verkleinerten römischen Kopien der Statue (unsere Nummern SH 104, sogenannte Statuette Lenormant, SH 105, sogenannte Varvakionstatuette und SH 1586, die Replik im Prado) kann ihr ursprüngliches Aussehen jedoch relativ genau rekonstruiert werden. Die Göttin stand aufrecht da, mit der Linken den Schild haltend und auf der rechten Hand die kleine geflügelte Figur der Sie­gesgöttin Nike tra­gend. Ihre Kleidung besteht aus der für sie übli­chen Tracht, einem Peplos und einem Brustfell, der sogenannten Ägis, die mit Schlangen umsäumt war und in der Mitte den Kopf der Gorgo trug. Zur Ausrüstung der Göttin gehören auch ihre Waffen (neben Schild auch Helm und Speer). Die ein­zelnen Trachtelemente waren ihrerseits reich verziert. Die Aussenseite des Schildes stellte im Relief die Zweikämpfe zwischen Griechen und Amazonen dar, wobei Phidias bei zwei Kämpfern Perikles und sich selbst porträtiert haben soll. Die Ränder der Sandalensohlen waren dem Krieg zwischen Griechen und Kentauren gewid­met. Dieses Themenrepertoire gehörte auch zum Verzie­rungs­programm der Bauplastik. Die Statu­enbasis war dagegen mit der Geburt der Pan­dora ver­ziert. Der Helm trug Sphingen- und Greifenfiguren.

Abguss SH 105 in der Skulpturhalle Basel
Abbildung 2: Abguss der «Varvakionstatuette» in der Skulpturhalle Basel (SH 105).

Eine farbige Rekonstruktion wurde 1971 von der Archäologin Neda Leipen im Royal Ontario ver­wirklicht (Abb. 3). Für unser Modell modellierte der Basler Bildhauer Michele Cordasco mass­stabsgetreu eine Figur; sie ist im Tempelinneren zu sehen und gibt so den ursprünglichen Kontext dieser Statue in dem sie umgebenden Architek­turraum eindrücklich wieder

Rekonstruktion im Royal Ontario Museum, Toronto
Abbildung 3: Rekonstruktion im Royal Ontario Museum, Toronto.

Obwohl man die Parthenos-Statue allgemein als Kultstatue bezeichnet, fand im Parthenon kein eigentlicher Kult und Athenaverehrung statt wie noch im «Vorparthenon». Dieser wurde im nebenan stehenden Erechtheion praktiziert. Die Peplos-Übergabe – Höhepunkt des Panathenäi­schen Festzuges und zentrale Szene auf dem Ostfries – das der symbolischen Einkleidung der Göttin diente, bezog sich ausserdem nicht auf die Athenastatue im Parthenon, sondern auf das alte, im Erechtheion aufbewahrte Kultbild. Der Parthenon war somit ein «Tempel ohne Kult», der keinen eigenen Altar für die Durchführung der heiligen Rituale besass; Vielmehr diente der Athenatempel als städtisches Repräsentations­denkmal und Schatzkammer Athens.

Esau Dozio – Tomas Lochman

Auswahl an Literatur