Sammlung
„Skulptur des Monats“ November 2006
Die „Athena Lemnia“ – Die Statue in Dresden und der Kopf in Bologna
Original
Datierung: Römische Marmorkopie eines griechischen Originals um 440 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: ehemals Sammlung Chigi
Standort: Dresden, Albertinum (Körper), Bologna, Museo Archeologico (Kopf)
Höhe: 200 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1895-2 (sh 107)
Herkunft: Dresden, Abgussformerei
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Die Statue vereint im Abguss einen Marmorkopf in Bologna mit einem Marmortorso in Dresden. Die so wiedergewonnene Figur zeigt die Göttin Athena, die einen übergürteten Peplos trägt, den linken Arm erhoben hält und die auf einen Gegenstand in ihrer gesenkten Rechten blickt. Die qualitätsvolle Arbeit, insbesondere am Kopf mit den fein bearbeiteten Haarwellen und den ausgewogenen Gesichtszügen ist bemerkenswert und weist das zugrundeliegende griechische Original in die Zeit um 440 v. Chr. ein.
Abbildung 1: Die „Athena Lemnia“ in der Skulpturhalle.
In der archäologischen Forschung wird dieser Statuentypus als „Athena Lemnia“ angesprochen. Der Beiname der Göttin bezieht sich dabei auf die der Küste der heutigen Türkei vorgelagerte griechische Insel Lemnos. Diese lag an einer strategisch sehr günstigen Lage; von hier aus konnte man in der Antike die Handelsrouten zum Schwarzen Meer kontrollieren und die aus dieser Region stammenden Warenlieferungen (besonders Getreide) sichern. Aus diesem Grund wurde die Insel im 5. Jahrhundert v. Chr. zu einer Art athenischen Kolonie. Obwohl Lemnos als Verbündete Athens galt, wurde ihre Politik stark durch die Athener beeinflusst. In diesem Sinn spielte die Aussendung athenischer Bürger nach dieser Insel eine wichtige Rolle. Sie sollten die Interessen der eigenen Heimatstadt vertreten, und gleichzeitig die Loyalität der einheimischen Bewohner garantieren. Im Zusammenhang mit einer solchen Aussendung ist die Stiftung eines Athena-Standbildes auf der Akropolis von Athen belegt: Der griechische Schriftsteller Pausanias berichtet nämlich von einer bei den Propyläen stehenden Bronzestatue der athenischen Stadtgöttin, welche aufgrund der besonderen Umstände ihrer Weihung den Beinamen „Lemnia“ erhielt. Als Schöpfer dieser in der Antike berühmten Figur wird der Künstler Phidias überliefert, dem unter anderem auch die figürliche Verzierung des Parthenons anvertraut wurde.
Im Jahre 1893 schlug der deutsche Archäologe Adolf Furtwängler vor, den Marmortorso in Dresden mit dem Kopf in Bologna zu verbinden und dahinter dieses bereits in der Spätantike verlorengegangene Meisterwerk des Phidias zu erkennen. Der im Dresdner Albertinum ausgestellte kopflose Körper gehört in der Tat einer Athena-Statue an, da die über dem Peplos getragene, mit dem Kopf der Gorgo-Medusa versehene Ägis ein kennzeichnendes Merkmal dieser Göttin ist. Der mit einem Stirnband geschmückte Frauenkopf im Museo Archeologico von Bologna hingegen wurde damals noch bloss als „Mädchenkopf“ bezeichnet. Furtwängler liess mittels Gipsabgüssen nicht nur beide Replikenteile zusammenfügen, sondern ergänzte bei seiner Rekonstruktion auch die am Torso fehlenden Arme und Attribute (siehe Abb. 2). In die rechte Hand fügte er den Helm hinzu, da der ergänzte Kopf ja helmlos ist, und in den angehobenen linken Arm eine Lanze.
Abbildung 2: Furtwänglers Rekonstruktion der „Athena Lemnia“.
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wird die so rekonstruierte Statue als „Lemnia“ bezeichnet, trotz der immer wieder geäusserten Zweifeln. Furtwänglers Vorschlag bleibt aber gesamtheimlich nach wie vor plausibel: Erstens passen die stilistischen Merkmale der Figur zeitlich ausgezeichnet zu der um die Mitte des Jahrhunderts belegten Weihung der athenischen Kolonisten von Lemnos, und zweitens weiss man aus den Quellen, dass die von den „athenischen Auswanderern“ geschaffene Athena unbewaffnet war, was wohl der vom Kopf abgenommene Helm verdeutlichen soll. Eine grosse Anzahl von mit der Rekonstruktion vergleichbaren klassischen Athenastatuetten zeigt die Göttin ebenfalls ohne Helm auf dem Kopf und unterstreicht, dass dieser Typus bereits in Antike berühmt gewesen sein muss, weil er so oft zitiert wurde. Bei diesen Kopien weisen die Köpfe übrigens – übereinstimmend zum Kopf in Bologna – ein dünnes Stirnband auf. Alle diese Indizien stützen so übereinstimmend die Identifizierung der Dresden-Bologna-Statue mit dem Meisterwerk des Phidias.
Der 1895 angekaufte Abguss der Skulpturhalle entspricht schon dem knapp zwei Jahre zuvor publizierten Rekonstruktionsvorschlag von Furtwängler, dass Kopf und Körper einem einzigen Statuentypus angsshören. Aus dieser Tatsache heraus kann man verstehen, welch grosse Bedeutung die Studien von Adolf Furtwängler für die damalige Archäologie hatten, und wie schnell die neuen Forschungsergebnisse auch in der Basler Skulpturhalle rezipiert wurden.
Abbildung 3: Kopf der der „Athena Lemnia“ aus Pozzuoli.
Vor kurzer Zeit wurde die Debatte um die Athena Lemnia durch einen glücklichen, in Pozzuoli (in der Nähe von Neapel) gemachten Fund neu bereichert (Abb. 3). Im sog. Tempel des Augustus ist eine zweite Kopie des Kopfes, wiederum in einem weitgehend optimalen Erhaltungszustand, zum Vorschein gekommen.
Esau Dozio
Auswahl an Literatur
- John Boardman, Griechische Plastik. Die klassische Zeit (1985).
- Costanza Gialanella (Hrsg.), Nova antiqua phlegraea. Nuovi tesori archeologici dai campi flegrei (2000), S. 26–27.
- K. J. Hartswick, The Athena Lemnia Reconsidered, AJA 87, 1983, 335ff.
- Christoph Höcker – Lambert Schneider, Phidias (1993), S. 99ff.
- Andreas Linfert, Athenen des Phidias, AM 97, 1982, 57ff.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
