Sammlung
«Skulptur des Monats» Januar 2007
Die sogenannte «Nemesis aus Perge» – Die Statue im Museum von Antalya
Original
Datierung: Kopie aus der Zeit um 200 n. Chr. nach einem frühkaiserzeitlichen Vorbild.
Material: Marmor (wahrscheinlich phrygischer Marmor aus Dokimeion)
Fundort: Perge (1968 im Bereich des spätantiken Stadttores ausgegraben)
Standort: Antalya, Museum, Inv. A. 3313
Höhe: 185 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 2006-3. Depositum des Freiwilligen Museumsverein Basel
Herkunft: Türkei, Abgussformerei der Firma Ars Antiqua
Material: Kunstmarmor, patiniert
Werkbetrachtung
Zu den weniger bekannten aber umso interessanteren griechischen Göttern gehört die Rachegöttin Nemesis (nemesis = ‹Vergeltung›). Die Tochter der Nacht (Nyx) wurde von den antiken Menschen aber nicht nur gefürchtet – sie wurde ebenso verehrt, konnte sie doch das Unheil auch abwenden und die gerecht und massvoll Lebenden beschützen. Die vorliegende Statue, die aus der kleinasiatischen Stadt Perge stammt, stellt diese Gottheit dar.
Die Göttin steht auf dem linken Bein, das andere ist leicht geknickt und nach hinten gestellt. Sie trägt einen langen, auf Hüfthöhe mit einer dünnen Schnur gegürteten Chiton. Über der linken Schulter ist der Stoff zur Seite geglitten, so dass die linke Brust entblösst ist. Über den Schenkeln und dem Nabel liegt das Gewand eng an, während an anderen Stellen die Falten kontrastvolle Faltenbahnen bilden, wie etwa die vertikalen Mittelfaltenbündel zwischen den Beinen. Ausser dem Chiton trägt die Göttin einen Mantel – dieser ist jedoch nur an der linken Schulter angeheftet, hängt hinten am Rücken herab und wir vom (abgebrochenen) linken Unterarm der Göttin wieder hochgenommen. Der kleine Kopf der jugendlich wirkenden Frau ist leicht nach rechts geneigt und etwas auswärts gedreht. Das auffallend schmale Gesicht wird von Stirnhaaren umrahmt. Darüber erkennt man ein Haarband, das vorne geknotet ist. Die übrigen Kopfhaare sind nach hinten gekämmt und am Nacken zu einem Zopf, der allerdings nicht vollständig ausgearbeitet ist, zusammengezogen. Die beiden Unterarme sind leider abgebrochen, doch lässt sich die Haltung der Arme aufgrund von Vergleichen mit verwandten Statuen rekonstruieren: Der rechte Arm hing gerade herunter und die Hand hielt Zaumzeug. Mit der anderen, nach vorne gestreckten Hand umfasste die Göttin wohl eine Elle. Dies sind Attribute, mit denen die Göttin das rechte Mass wahren bzw. bestimmen kann. Ein weiteres Merkmal, das die Identifizierung der Statue als Nemesis bestätigt, ist die entblösste Brust, die als Hinweis auf einen bei den antiken Menschen weit verbreiteten apotropäischen Gestus zu verstehen ist, durchs Bespeien der eigenen Brust Unheilvolles abzuwehren. Zur Rachegöttin gehört auch das Begleittier zu ihren Füssen: Der Greif, eine Mischung zwischen Adler und Löwe, unterstreicht den dämonischen Charakter der Göttin.

Unsere Nemesisstatue ist ein besonders schöner Vertreter eines Statuentypus, der uns auch noch dank rund 20 weiteren Repliken bekannt ist und der in der Fachliteratur aufgrund der Standorte zweier Beispiele (Palazzo Colonna und Villa Borghese in Rom) als «Colonna-Borghese»-Typus bezeichnet wird. Bei diesem Typus handelt es sich um keine echte Neuschöpfung, sondern um eine Adaptation eines älteren und gut bekannten Aphroditetypus, das auf ein klassisches Werk aus dem späten 5. Jh. v. Chr., vermutlich aus dem Umkreis des Bildhauers Kallimachos, zurückgeht. Gemeint ist der Aphroditetypus «Louvre-Neapel», oftmals irrtümlich als sog. Venus Genetrix (nach der zu Unrecht angenommen Herkunft von einem Kultbild im Caesarforum in Rom) bzw. Aphrodite von Fréjus (nach einer ebenfalls irrigen Fundortangabe) bezeichnet. Von dieser Aphroditestatue übernahmen die Schöpfer der Nemesis die Grundhaltung und das Gewand, veränderten aber leicht die Armhaltung, verschlankten die Körperproportionen und setzten dem Körper einen hellenistischen Kopf auf. Mit dem Einfügen der spezifischen Attribute wurde schliesslich aus der ursprünglichen Liebesgöttin die Rachegöttin.
Bis auf eine Ausnahme sind alle Repliken des Colonna-Borghese-Typus, soweit gesichert, in Kleinasien gefunden worden. Ein schönes Exemplar kam unlängst in der pisidischen Stadt Sagalassos zum Vorschein. Der Typus dürfte also in Kleinasien geschaffen worden sein. Wir vermuten, dass dies zu Beginn der römischen Kaiserzeit in den bedeutenden, aber bisher nur wenig bekannten Marmorwerkstätten bei den Steinbrüchen der phrygischen Stadt Dokimeion geschah, und dass vermutlich auch alle späteren Kopien, wie die unsrige, hier gefertigt wurden; die Art der Arbeit und der Marmor der Nemesis aus Perge legen dies nahe. Die von den Küstenregionen weit abgelegenen dokimeischen Steinbrüche hatten trotz den langen Transportstrecken fast die gesamte kleinasiatische Südküste mit z. T. hervorragenden Marmorstatuen und -statuetten beliefert. Viele dokimeische Exportprodukte, neben Statuen auch Sarkophage sowie Säulen und Verkleidungsplatten aus Buntmarmor, gelangten auf dem Seeweg auch in entlegenere Teile der römischen Welt, so auch nach Rom selbst.
Das älteste und bedeutendste Heiligtum der griechischstämmigen Nemesis befand sich in der nordattischen Stadt Rhamnus, (für das der Bildhauer Agorakritos um 430 v. Chr. das Kultbild geschaffen hat). Von Griechenland aus verbreitete sich der Nemesiskult auch in weitere Teile der antiken Welt, so auch nach Ägypten und vor allem Kleinasien. Die wichtigste und älteste kleinasiatische Kultstätte bildete sich in hellenistischer Zeit auf dem Pagos in Smyrna. Nemesis galt als die Gründerin dieser Stadt und wurde hier, wie hellenistische und römische Münzen zeigen, als Gottheit in verdoppelter Gestalt verehrt; die eine Gestalt hielt dabei Zügel und Zaumzeug, die andere die Elle. Von Smyrna aus hat der Kult dann auch auf andere kleinasiatische Städte eingewirkt; im 2. und frühen 3. Jh. erlebt die Nemesis hier jedenfalls ihre grösste Verbreitung. Auch unsere Statue ist in dieser Zeitperiode entstanden.
Als Rachegöttin bestraft Nemesis insbesondere die menschliche Überheblichkeit (hybris) und Alle, welche die ihr nahestehende Themis (Göttin für Recht) und andere Götter missachten. Gemäss ihrer weiteren göttlichen Bestimmung, menschliche Geschicke – Glück wie Unglück – zu teilen, kann Nemesis auch als Verkörperung des Schicksals schlechthin aufgefasst werden; ferner erfreute sie sich als eine dem Recht und der Disziplin nahestehende Gottheit auch im sportlichen Bereich grosser Beliebtheit, und konnte bei Wettkämpfen als eine Art Patronin fungieren. Entsprechend ihrem Facettenreichtum variieren bei ihren Standbildern ihre Attribute: Neben dem Greifen, der Elle und dem Zaumzeug können auch das Rad (als Symbol für den Lauf des Schicksals) sowie eine Waage (als Symbol für Gerechtigkeit) auftreten.
Der vorliegende, vom Freiwilligen Museumsverein unlängst angekaufte Abguss sieht einer echten Marmorstatue täuschend ähnlich. Dies ist einerseits durch das Abgussmaterial bedingt, dem Kunstmarmor, andererseits auch durch die Bemalung, welche die natürliche Verwitterungspatina imitiert.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur:
- Robert Fleischer, «Doppelte Nemesis-Aphrodite?», in: Festschrift Akurgal, Anadolu 22, 1981/1983 (1989) S. 127ff. Nr. 1.
- Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae, Bd. VII (1992) S. 749 Nr. 175a s. v. Nemesis Taf. 441.
- Ünal Demirer, Antalya Museum (2005) Nr. 111.
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
