Sammlung

«Skulptur des Monats» Februar 2007
Neuanschaffung: Hängender Marsyas und schleifender Skythe als Tischstütze

Original

Datierung: 2. Hälfte 2. Jh. n. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Magnesia am Mäander (heutiges Manisa)
Standort: Manisa, Museum
Höhe: 115 cm

Abguss

Herkunft: Firma Ars Antiqua, Marburg
Erzeugnisort: Türkei
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die Gruppe des an einen Baum gebundenen Marsyas und seines messerschleifenden Schin­ders bildete ursprünglich die Stütze zu einem marmornen Tisch: Der kannelierte hohe Pilaster, der hinter dem schlankem Pinienbaum zu erken­nen ist, deutet auf diese Funktion hin.

Kunstvoll mit mythologischen Gestalten bzw. mit mehrfigurigen Szenen verzierte Tischfüsse waren in der römischen Kaiserzeit weit verbreitet. Besonderer Beliebtheit erfreute sich diese Gat­tung der dekorativen Kunst in Griechenland und Kleinasien, wo sich entsprechend spezialisierte Werkstätten ausgebildet haben müssen. Unsere Tischstütze dürfte, wie die Marmorsorte, die pro­filierte Basis und die stilistische Arbeit nahe legen, im phrygischen Dokimeion gearbeitet worden sein. In der Nähe dieser phrygischen Stadt lagen grosse Marmorbrüche, in denen sowohl die kostbare Buntmarmorsorte (der sog. Pavonazze-tto) wie auch die weisse Marmorsorte gewonnen wurden, die besonders feinkörnig und daher für bildhauerische Bearbeitung ausgespro­chen gut geeignet war.

Abgus in der Skulpturhalle

Das Besondere an dieser Stütze ist, dass sie eine Szene aus dem Sagenkreis um den Wett­kampf zwischen Marsyas und dem Gott Apollon überliefert, die uns auch dank zahlreichen römi­schen Skulpturen und Sarkophagreliefs bekannt ist. Es geht um die Bestrafung des Silens Marsyas durch den Gott Apollon, den der übermutige Marsyas zu einem musikalischen Wettstreit aufgefordert hat.

Marsyas ist ursprünglich eine phrygi­sche Sagengestalt. Seine Wesensmerkmale sind die Spitzohren und der Pferdeschwanz und vor allem sein ungestümer Charakter. Er hat es gewagt – entgegen der Warnung der Göttin Athene – auf den von ihr erfundenen auloi (Flö­ten) zu spielen und dabei erst noch den Gott der Musik selbst, Apollon, zu einem Wettkampf mit dessen Kitharaspiel herauszufordern. Seine Hyb­ris wurde nach verlorenem Spiel auf grausame Weise bestraft. Aufgehängt an einem Baum wurde ihm bei lebendigem Leib die Haut abge­zogen.

Der Scherge, der für Apoll diese Strafe vollzie­hen soll, ist ein Skythe. Skythen galten in der Antike als besonders grausame Menschen. Wie wir unserer Darstellung ersehen, hockt dieser Schinder – nur mit einem kurzen Mantel am Rücken bedeckt – vor einem Schleifstein, an dem er bereits das Messer wetzt, und blickt zu seinem Opfer empor. Im Mund hält er einen nicht eindeutig zu klärenden Gegenstand, vielleicht das Futteral des Messers?

Marsyas hängt derweil, an seinen Gelenken gefesselt, von einem Ast des Baumes herunter. Er ist vollständig ausgezogen; seine Kleidung – ein Löwenfell – hängt ebenfalls an einem Ast. Die Flöten, die Marsyas zum Verhängnis geworden sind, liegen am Boden vor dem Baum.

Die Abgüsse der Skulpturhalle nach den Kopien aus den Uffizien (Skythe) und der Münchner Glyptothek (Marsy­astorso) zur Gruppe zusammengestellt.
Abb. 2: Die Abgüsse der Skulpturhalle nach den Kopien aus den Uffizien (Skythe) und der Münchner Glyptothek (Marsy­astorso) zur Gruppe zusammengestellt.

Mit dieser in sich geschlossenen Komposition liefert die Stütze ein willkommenes Bilddoku­ment, das bestätigt, dass der Typus des hän­genden Marsyas, der uns aus zahlreichen frag­mentarisch überlieferten römischen Kopien bekannt ist, mit dem Typus des schleifenden Skythen, von dem sich eine vollständige Kopie in den Uffizien erhalten hat, ursprünglich eine Gruppe gebildet haben (vgl. unsere Abb. 2): Sowohl unsere Stütze wie auch die diversen römischen Kopien zitieren also eine ältere, berühmte Statuengruppe, die in Kleinasien gegen Ende des 3. Jhs. v. Chr. entstanden sein muss, und die im Original ansonsten verloren ist.

Wie erwähnt, wurde die Szene der Bestrafung des Mar­syas auch auf römischen Sarkopha­gen dargestellt. Auf diesen wird auch die vorangegangene Epi­sode bildlich festgehalten, nämlich der Wett­kampf selbst: Wie beispielsweise ein Sarkophag im Louvre (Abb. 3) zeigt, spielt Marsyas auf seinen Flöten, während Apollon singt und dazu auf seiner Kithara spielt – dies im Beisein einer Muse, die wohl als Schiedsrichterin im Wettkampf waltet. Die Siegesgöttin Nike bekränzt den Gott und macht damit den Sieger bekannt.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die der Schindung vorangehende Wettkampfszene an einer weiteren Stütze, die ursprünglich zum ein und demselben Tisch gehört haben muss, dar­gestellt war.

Römischer Sarkophag im Louvre
Abb. 3: Römischer Sarkophag im Louvre.

Die Tischstütze wurde im Dorf Bağlıca-Sarıgöl in der Nähe der antiken Stadt Magnesia (Manisa) entdeckt und illegal in den New Yorker Kunst­handel überführt. Der Schmuggel flog allerdings auf, sodass die Stütze 1995 wieder in die Türkei zurückgeführt werden musste. Sie steht seitdem im Archäologischen Museum von Manisa.

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur