Sammlung

«Skulptur des Monats» Mai 2007
«Aphrodite mit Schild» – eine Statue aus Perge in Antalya

Original

Datierung: Römische Kopie des 2. Jhs. n. Chr. nach einem griechischen Werk aus der Zeit um 320 v. Chr.
Material: Marmor aus Dokimeion (Phrygien)
Fundort: Perge, Südthermen
Standort: Antalya, Museum
Höhe: 194 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 2006-5 (sh 1722)
Hersteller: Firma Ars Antiqua (D/TR)
Material: Gips
Ankauf: Depositum des Freiwilligen Museumsvereins Basel (2006)

Werkbetrachtung

Die im Museum von Antalya aufbewahrte Statue ist die Kopie einer griechischen Aphrodite­statue, die uns bereits dank einer anderen römischen Wiederholung, der Aphrodite von Capua im Neapler Nationalmuseum, bekannt ist (Abb. 2). Der Vergleich dieser beiden Repliken vermittelt darum eine genaue und komplette Vorstellung von der ursprünglichen Schöpfung und bestätigt die moderne Ergänzung der Arme der Neap­ler Kopie: Die Göttin steht mit aufge­stütztem linken Fuss halbbekleidet da (ihr Mantel umhüllt nur den Unterkör­per) und hält mit beiden Armen seitlich vor sich einen Schild. Bedauerlicherweise fehlt an der Statue in Anta­lya der Kopf, doch er blickte, wie die Replik aus Capua belegt, zum Schild hin. Dafür haben sich an unserer Aphrodite (wenn auch fragmenta­risch) Arme und Schild erhalten, während diese an der Capuaner Replik verloren gegangen sind.

Die «Aphrodite mit Schild» in der Skulpturhalle Basel
Abb. 1: Die «Aphrodite mit Schild» in der Skulpturhalle Basel.

In der ursprünglichen griechischen Schöpfung dürfte die Göttin der Liebe im Schild ihres Geliebten, des Kriegsgottes Ares, ihr eigenes Spiegelbild bewundert haben. Dieser war ursprünglich – und vielleicht auch auf der Capuaner Kopie – aus blank polierter Bronze an­gefügt. Zweifellos hatte der Dichter Apollonios Rhodios eine solche Aphroditestatue vor Augen, als er um 240 v. Chr. folgende Verse verfasste: «Kytherea [Beiname der Aphrodite] mit dem fülligen Haar, die den beweglichen Schild des Ares hält, ihr Chiton ist von der Schulter herabgeglitten, über dem linken Ellenbogen bis unter den Busen, und so spiegelt sich genau ihr Gegenbild im glänzenden Schilde».

Das Vorbild, auf das die Capuaner sowie die hier vor­liegende Kopie aus Perge zurückgehen, muss aufgrund der stilistischen Formensprache und der Komposition ans Ende des 4. Jhs. v. Chr. datiert werden. Die Schöp­fung gehört somit in jene fruchtbare Zeit, in der die bei­den führenden Bildhauer der spätklassischen Epoche, Praxiteles und Lysipp, ihre grösste Schaffenskraft er­reichten.

Man hat mit guten Gründen versucht, den Typus der Venus von Capua mit einer von Pausanias im 2. Jh. n. Chr. erwähnten Kultstatue in Akrokorinth (dem der Aphrodite geweihten Berggipfel über der Stadt Korinth) in Beziehung zu bringen. Pausanias erwähnt dabei eine bewaffnete Aphrodite: «Oben auf Akrokoritnh befindet sich ein Tempel der Aphrodite und von Statuen sie selbst in Waffen und Helios und Eros mit Bogen». Diese Verbindung stützt neben dem Schild auch der an der Capuaner Replik der unter linken Fuss erscheinende Helm. Vollends bekräftigt wird diese Gleichsetzung des Typus Capua-Perge mit der Statue vom Akrokoritnh von römischen Münzen Korinths, die eine Statue einer Venus mit Schild zeigen, die diesen Typus spiegelbildlich wie­dergibt. Leider gibt uns Pausanias keine weiteren Infor­mationen zu dieser Statue, so dass wir nicht wissen, auf welchen möglichen griechischen Meister diese schöne Schöpfung zurückgeht.

Die Aphrodite von Capua, Neapel, Nationalmuseum
Abb. 2: Die Aphrodite von Capua, Neapel, Nationalmuseum.

Kommen wir auf unsere Replik aus Perge zurück. Hier ist das Motiv des Sich-im-Schilde-Spiegelns verändert wor­den. Die Göttin hat, so scheint es, auf den Schild eben eine Inschrift angefügt: «Claudius Peison hat (mich) aufstellen lassen», liest man hier (ΚΛΑΥΔΙΟΣ ΠΕΙΣΩΝ ΑΝΕΘΗΚΕΝ). Claudius Peison muss ein wohlhabender Bürger der Stadt Perge gewesen sein und offenbar ein Liebhaber von Skulpturen, hat er doch seiner Stadt eine Reihe weiterer Standbildern gestiftet. Dass er im Falle unserer Aphrodite seine Stifterinschrift auf dem Schild anbringen und zu diesem Zwecke die ursprüngliche Funktion der Aphrodite verändern liess, zeugt von sei­nem Selbstverständnis als wohlhabender und mächti­ger Mäzen.

Die Idee, einen als Spiegel dienenden Schild der Aphrodite zum Inschriftträger «umzufunktionieren» geht jedoch nicht auf Claudius zurück. Diese wurde in der imperialen römischen Kunst schon seit augusteischer Zeit vielfach erprobt, wobei aus der Aphrodite dank der Zutat von Flügeln eine Victoria wurde. Belege für diese Variante sind die Bronzestatue der Victoria von Brescia sowie zahlreiche Münz- und Sarkophagbilder.

Spannend ist der Vergleich unserer Aphrodite mit der berühmten Venus von Milo. Diese Aphroditestatue, die 1820 auf der Insel Melos (neugriechisch ‹Milo›) ausge­graben wurde, hat seit ihrer Aufstellung im Louvre einen kaum zu überbietenden Bekanntheitsgrad erlangt. Die Faszination für die Venus von Milo ging insbesondere von ihren fehlenden Armen aus, was die Phantasie der unzähligen Betrachter und Bewunderer beflügelte und zu bisweilen kuriosen Ergänzungsvorschlägen führte. Durch die Gegenüberstellung der Venus von Milo mit unserem Statuentypus der Aphrodite mit dem Schild erweist sich die berühmte Statue im Louvre aber als eine enge Variante der Venus mit dem Schild. Sie musste, analog zu unserer Statue, einen Schild gehalten und darin ihr Antlitz bewundert haben.

Die Aphrodite in Antalya kam 1981 in den sogenannten Süd­thermen der pamphylischen Stadt Perge zum Vor­schein, und zwar in jenem Raum, in dem Claudius Peison auch zahlreiche andere Statuen stiftete.

Alle Statuen dieses reichen Mäzens wurden im fortge­schrittenen 2. Jhs. n. Chr. in den phrygischen Marmor­werkstätten von Dokimeion gearbeitet. In diesen Werk­stätten, die noch ungenügend erforscht sind, muss der überwiegende der Skulpturen der reichen pamphyli­schen Städte (neben Perge, auch Side, Aspendos u. a.) entstanden sein; Pamphylien verfügt nämlich über keine eigenen Marmorvorkommen, und die langen Transportwege waren für den regen Import aus Phry­gien kein Hindernis. Denn die dokimeischen Betriebe haben auch weit enferntere Orte beliefert. Dokime­ische Marmorexporte sind in ganz Italien aber auch in noch weiter entfernten Teilen der römischen Welt aus­zumachen.

Tomas Lochman

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