Sammlung
«Skulptur des Monats» Juni 2007
«Apollon Lykeios» – Eine Statue aus Milet in Istanbul
Original
Datierung: Römische Kopie hadrianischer Zeit nach einem hellenistischen Werk um 150 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Milet, Faustina-Thermen
Standort: Istanbul, Archäologisches Museum Inv. 2000
Höhe: 177 cm (inklusive Plinthe)
Abguss
Hersteller: Firma Ars Antiqua (D/TR)
Inv.-Nr.: 2006-6 (sh 1723)
Material: Gips
Ankauf: Depositum des Freiwilligen Museumsvereins Basel (2006)
Werkbetrachtung
Die Statue ist bis auf wenige kleinere Beschädigungen ausgezeichnet erhalten. Sie zeigt den musischen Gott Apoll in einer betont lockeren, ja fast theatralisch gekünstelten Entspannungspose an einen Pfeiler gelehnt. Mit der linken Hand hält er die auf dem Pfeiler aufgestellte Kithara, der angewinkelte rechte Arm ruht auf dem Kopf, wobei dessen Hand das (abgebrochene) Plektron (Schlag- bzw. Zupfstäbchen) umklammerte. Das Gewicht des Körpers ruht bei stark ausladender Hüfte auf dem rechten Bein, das linke Bein ist angewinkelt und der Fuss leicht aufgestützt. Die Beine sind ungewöhnlich gedrungen. Reich verzierte Sandalen mit schweren Sohlen zieren die Füsse.
Die langen Haare sind oberhalb der Stirn nach hinten gezogen und in Wellenlocken aufgeteilt; hinten sind sie zu einem Knoten zusammengebunden. Der Gesichtsausdruck hat nichts Pathetisches an sich, man spürt geradezu die göttliche Ruhe und die den Gott beherrschende Inspiration. Der Gott «trägt» zwar einen Mantel, doch dieser ist derart um die Hüfte gelegt, dass der ganze Oberkörper wie auch die Intimzone frei bleiben.
Die Kithara gibt dank der ausgezeichneten Erhaltung eine gute Vorstellung von diesem antiken Saiteninstrument. Sie setzt sich aus einem geschwungenen Körper mit zwei hochgehenden Jocharmen und einem Resonanzkasten zusammen, der gleichzeitig ein Ersatz-Plektron enthält. Die gebogenen Arme sind ihrerseits mit einem Joch verstrebt, an welchem insgesamt elf mit Schraubgriffen gespannte Saiten zu denken sind. Ein Trägerband verbindet das Instrument mit der rechten Schulter des Gottes.

Der Typus des an einen Pfeiler angelehnten und eine Kithara haltenden Apolls existiert auch in anderen römischen Statuen. Er wird nach einer der Repliken, die in Kyrene zum Vorschein gekommen ist, als ‚Apollon Kyrene’ bezeichnet. Das diesem Typus zugrunde liegende Vorbild muss in der hellenistischen Zeit entstanden sein, vermutlich im 2. Jh. v. Chr., wobei das etwas unpassend wirkende Motiv des Anlehnens und der Gestus des aufruhenden rechten Armes von einer früheren, klassischen Apollonstatue übernommen worden zu sein scheint, die sich laut antiken Schriftquellen vor dem Lykeion-Gymnasium in Athen befand. Dieses Werk wird von den Forschern dem berühmten Bildhauer Praxiteles (4. Jh. v. Chr.) zugewiesen und aufgrund des überlieferten Standortes als «Apollon Lykeios» («Wolftötender») bezeichnet.
An unserer Statue tritt der Gott aber nicht als «Wolftöter», sondern eben als Kitharöde auf, denn statt seines Bogens hält er die Kithara. Damit steht hier seine musische Seite und seine Funktion als musagestes (Anführer der Musen) im Vordergrund des Interesses, der auch durch den ursprünglichen Aufstellungskontext bedingt ist: Die Statue wurde 1905 im Frigidarium der Faustina-Thermen der ionischen Stadt Milet ausgegraben – zusammen mit mindestens sechs Musenstatuen, die alle dieselbe, eher kleine Lebensgrösse von ca. 150-160 cm Höhe aufweisen. Zweifellos war unser Apoll in diesem Baderaum ursprünglich von neuen Musen umgeben. Der Apoll im Umkreis seiner Musen ist in römischem Kleinasien auch in einer Reihe von weiteren, unterschiedlich gut erhaltenen Statuengruppen belegt, die auf mindestens zwei hellenistische Vorbilder zurückgehen. Eine dieser möglichen griechischen Vorlagen könnte die aus schriftlichen Quellen bekannte Musengruppe des Philiskos von Rhodos gewesen sein. Diese ist wahrscheinlich um die Mitte des 2. Jhs. v. Chr. entstanden, auch wenn die genauere Entstehungszeit umstritten bleibt. Es ist darüber hinaus auch fraglich, ob unser Apollon und die neun Musen aus Milet überhaupt auf ein und dieselbe Gruppe zurückgehen. Wahrscheinlicher ist, dass es sich um Wiederholungen von verschiedenen Vorbildern handelt, die hier als Variationen zu einer neuen Gruppe zusammengebracht wurden. Als gesichert gelten kann allein die Beobachtung, dass unser Apoll und die Musen alle in der hadrianischen Zeit (2. Viertel des 2. Jhs. n. Chr.) kopiert wurden, doch wo genau, lässt sich nicht eindeutig sagen. Eine lokale Kopistenwerkstatt lässt sich in Milet nämlich nicht fassen; vielleicht handelt es sich um Arbeiten einer Bildhauerwerkstatt aus der nördlich von Milet gelegenen Stadt Ephesos.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Gustave Mendel, Catalogue des sculptures grecques, romaines et byzantines. Musées Impériaux ottomans, Bd. 1 (Istanbul, 1912) S. 317–319, Nr. 114.
- Doris Pinkwart, Das Relief des Archelaos von Priene und die Musen des Philiskos (1965) S. 92 Abb. 5.
- Hubertus Manderscheid, Die Skulpturenausstattung der kaiserzeitlichen Thermenanlagen (1981) Nr. 214 Taf. 31.
- Carsten Schneider, Die Musengruppe von Milet (1999).
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