Sammlung

«Skulptur des Monats» Juli 2007
«Der Fechter Borghese» – Die Statue im Louvre

Original

Datierung: Um 100 v. Chr. bzw. frühes 1. Jh. v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Nettuno bei Anzio, südlich von Rom
Standort: Paris, Louvre MA 527
Höhe: 166 cm (inkl. Plinthe)

Abguss

Inv.-Nr.: SH 274
Herkunft: Louvre, Atelier de moulages. (Nach dem Prägestempel «MAISON DE L’EMPEREUR» [d. h. Napoleon III.] kann der Abguss nicht vor 1852 geschaffen worden sein. Das alte Abgussverzeichnis der Skulpturhalle führt jedoch schon einen Abguss des Fechters mit dem Anschaffungsjahr 1850 an. Entweder ist dies ein Irrtum, oder der bestehende Abguss hat einen älteren, aber vielleicht bald beschädig­ten Abguss ersetzt.
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der Familienname ‹Borghese› ist jedem Liebhaber anti­ker Kunst bekannt. Der Antikensammlung dieser italieni­schen Adelsfamilie gehörten zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert manche der berühmtesten Meis­terwerke der griechisch-römischen Plastik, die die Anti­kenrezeption in der westlichen Kunst und Kultur ent­scheidend prägten. Neben dem hochgepriesenen «Ares Borghese» zählte die uns hier interessierende Marmorstatue eines kämpfenden Kriegers zu den Prunkstücken dieser Sammlung. Gefunden wurde diese als ‹Fechter› bzw. als ‹Gladiator› benannte Kämpferfi­gur bei Nettuno in der Nähe vom antiken Antium, wo die Familie Borghese namhafte Ländereien besass. Über die genauen Fundumstände ist nichts bekannt. Zum ersten Mal wird sie am 11. Juni 1611 im Zusam­menhang ihrer Restaurierung erwähnt, so dass man davon ausgehen kann, dass sie kurz zuvor, etwa um 1610, ans Licht gekommen sein muss. Im Jahre 1613 wurde sie vom Kardinal Scipione Borghese, dem Grün­der der Familiensammlung, in die Villa Borghese nach Rom überführt. Ab der Mitte des Jahrhunderts ist ihre Ausstellung im Erdge­schoss der Villa Borghese in Rom belegt.

Die von der Statue ausgehenden Spannung und Dyna­mik trugen dazu bei, dass der «Fechter Borghese» zu einem der beliebtesten antiken Kunstwerke wurde. Unzählige Zeichnungen und Kopien aus dem 17. bis zum frühen 20. Jh. legen ein eindrückliches Zeugnis für ihren Ruhm ab. Auch berühmte Künstler wie Antonio Canova, Jacques-Louis David, Eugène Delacroix, Edgar Degas, Auguste Rodin, Vincent van Gogh oder Constantin Brancusi haben Studien dieser Statue hin­terlassen. Die Komposition und das Bewegungsmotiv inspirierten ausserdem andere Werke, wie La conclu­sion de la paix von Peter-Paul Rubens oder den David von Gian Lorenzo Bernini. Aus dieser kurzen unvollstän­digen Liste geht hervor, wie stark der Fechter Borghese die europäischen Künstler geprägt hat und welche führende Rolle dieser Statue bei der kulturellen Ver­mittlung zwischen der Antike und der Moderne zuge­schrieben werden darf.

Gipasabguss des «Fechter Borghese»

Nur noch der Beiname verbindet den «Fechter» heute mit der Villa Borghese: Zusammen mit anderen Werken dieser Sammlung wurde die Skulptur von Napoleon Bonaparte erworben und 1811 in den Pariser Louvre überführt.

Trotz der grossen Berühmtheit, die der «Fechter» seit seiner Auffindung erlangt hat, wird seine archäologi­sche Erforschung durch einige ungeklärte Probleme und offene Fragen erschwert. Die Figur selbst kann unschwer als Krieger gedeutet werden: Am linken Arm sind die Überreste eines Schildbandes zu erkennen, aus denen deutlich hervorgeht, dass der nackte Mann bei einem Zweikampf dargestellt war. Das geht auch aus der dynamischen Bewegung und der Armhaltung her­vor; im (modern ergänzten) rechten Arm hielt er wahr­scheinlich ein Schwert und mit dem Schild im anderen Arm versuchte er einen Gegner abzuwehren, der ihn auf seiner Linken und von oben angegriffen hat. Es fällt somit leicht, sich als hypothetischen Feind einen Reiter vorzustellen. Schwieriger ist es jedoch zu beweisen, dass der Feind tatsächlich und explizit mit dargestellt war und nicht nur als fiktive Figur aufzufassen ist, welche vom Betrachter implizit ergänzt werden soll. Eine solche kon­zeptuelle Idee, bei welcher ein bestimmter Teil der Hauptakteure nicht dreidimensional vorhanden waren, sondern nur abstrakt wahrgenommen werden konnten, liegt auch in schon in Werken hellenistischer Zeit wie der Galliergruppe Ludovisi und dem kleinen attalischen Weihgeschenk zugrunde.

Nicht nur dieses Entwurfskonzept, sondern auch die stilistischen Merkmale der Statue legen nahe, den «Fech­ter Borghese» in die späthellenistische Zeit zu datieren. Die stark belebten, kleinteiligen Muskelpakete und die übertriebene Spannung der Figur wirken plaka­tiv und stehen quasi im Kontrast zur organischen Struktur des Ganzen. Aufgrund solcher stilistischen Beobach­tungen kann die Marmorstatue in die Zeit um 100 v. Chr. bzw. ins frühere 1. Jh. v. Chr. datiert werden, wobei ungelöst bleibt, ob es sich bei unserem Kämpfer um eine origi­nale Schöpfung oder um eine etwas spätere Kopie nach einem Vorbild aus dieser Zeit handelt, denn der ursprüngliche Kontext und die genaue Entste­hungsge­schichte des Fechters sind schwer zu fassen. Von gros­ser Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Baum­stamm, an den sich das rechte Bein des Krie­gers anlehnt. Er trägt eine Inschrift, die den Bildhauer­namen überliefert: «Agasias, Sohn des Dositheos, aus Ephesos hat (mich) gemacht». Aufgrund dieser Künst­lersignatur wurde der Fechter schon als originales Werk angese­hen. Die Baumstützen auf der anderen Seite wur­den in der Regel von Marmorkopisten, die sich bei der Umsetzung einer Bronzevorlage in eine Mar­morko­pie mit dem Problem der Bruchgefahr konfrontiert sahen, mehr oder weniger geschickt angefügt, um die exponierten Steinpartien zu versteifen. Die Baumstütze könnte also als ein Hin­weis darauf zu werten sein, dass unsere Statue doch kein Original, sondern die Marmor­kopie eines bronze­nen Werkes ist. Manche Forscher dachten hierbei sogar an ein Vorbild aus der Zeit des Bildhauers Lysipp (spätes 4. Jh. v. Chr.), was uns aller­dings eindeutig zu früh erscheint, auch wenn gewisse stilistischen Ähnlichkeiten in den Gesichtszügen zwi­schen dem Fechter und lysippischen Werken nicht zu übersehen sind. Vielleicht hat der Agasias eine spät­hellenistische Variation eines lysippischen Vor­bildes kopiert. Dies sind jedoch reine Mutmassungen, die die genaue Datierung – und somit auch eine nähere Deu­tung – der Statue erschweren.

Esaù Dozio

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