Sammlung

«Skulptur des Monats» September 2008
Die sogenannte «Nil-Gruppe»

Original

Datierung: Römische Arbeit des 1. Jhs.n.Chr. in Anlehnung an alexandrinische Vorbilder um 100 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Rom, bei der Kirche S. Maria sopra Minerva
Standort: Rom, Vatikanische Museen, Braccio Nuovo, Inv. 2300
Höhe: 162 cm
Länge: 310 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 1889-1 (Angeschafft auf Anregung von Jacob Burckhardt) / SH 296
Herkunft: Malpieri, Rom
Material: Gips (Der Abguss wurde wohl in den 60er Jahren des 20. Jhs. in zwei Teile auseinan­dergesägt, um besser im Lager verstaut werden zu können!), 1996 wurde der Gips restauriert.

Werkbetrachtung

Die mächtige Figur stellt den ägyptischen Strom Nil dar. Der bärtige Mann liegt in der für hellenistische und römi­sche Flusspersonifikationen allgemein üblichen Erschei­nungsform nackt und in gelagerter Pose mit halb auf­gestütztem Oberkörper da. Seinen Mantel hat der Gott unter sich ausgebreitet; nur ein Teil des Gewandes ist über den linken Unterarm geschlagen, ein anderer bedeckt seinen rechten Oberschenkel. Überall unter dem Gewand, insbesondere unterhalb seines linken Armes, spriessen die Quellen des Flusses hervor und verlaufen in regelmässigen Wellen zu allen Seiten. Der Flussgott stützt sich mit dem linken Ellenbogen an einer Sphinx auf, dem Wahrzeichen Ägyptens. Teils auf sei­nem Unterarm, teils auf der Sphinx, liegt zusätzlich auch ein reich bestücktes Füllhorn auf, dessen untere Spitze der Gott mit seiner Hand festhält. Der andere Arm liegt ent­spannt auf dem rechten Schenkel, aus dessen Hand hängen Getreideähren herab. Der Kopf des Got­tes ist nach links und leicht nach oben gewendet, die Lippen sind ein wenig geöffnet. Das Kopfhaar ist mit einem Kranz aus Lotosblüten, Schilfblättern und Ähren geschmückt. Diese Pflanzen sowie das Getreide in der Rechten und das mit Früchten reich bestückte Füll­horn drücken die vom Nil gespendete Fruchtbarkeit aus. Der spitze Gegenstand, der aus dem Füllhorn herausragt, meint keine Pyramide oder Obelis­ken, sondern ist wohl als Opferkuchen zu verstehen.

Die Nilgruppe im Vatikan
Abb. 1a: Die Nilgruppe im Vatikan

Die Besonderheit dieser Gruppe sind die 16 Putten, die den Nil überall umgeben, indem sie teils auf ihm her­umklettern, teils vor ihm spielen. Diese rundli­chen Büb­chen sind als Personifikationen der 16 Ellen zu verste­hen, um die der Nil jährlich im Idealfall ansteigen muss, um sein Tal im Frühjahr vollständig zu überschwemmen und somit fruchtbar zu machen (16 Ellen = 7,1 m). Wohl um auf dieses Anschwellen des Flussniveaus hinzuwei­sen, sind die Kna­ben auf ver­schiedene Höhen ange­bracht. Der sech­zehnte erreicht die höchste «Stei­gung»: Er ragt, auf Kopfhöhe mit dem Flussgott, aus dem Füllhorn her­vor – doch just diese Figur ist an unse­rem Abguss abgebro­chen, man erkennt aber noch deutlich seine Bauch­partie. Vor den Füssen des Nils spielt eine Dreier­gruppe mit einem Krokodil, während zwei weitere Buben rechts davon mit dem Ichneumon, einem klei­nen Nagetier aus der Familie der Mangusten (der noch heute in Afri­ka heimisch ist), beschäftigt sind. Im antiken Ägypten erfreute sich dieses kleine Raubtier als flinker und geschickter Schlangenbekämpfer grosser Vereh­rung. Sowohl er wie auch das Krokodil, der früher die Fluss­gegend bevölkerte, verkörpern hier die ägypti­sche Landschaft.

Details vom Abguss der Skulpturhalle
Abb. 1b-c: Details vom Abguss der Skulpturhalle

Krokodil, Ichneumon, aber auch weitere Flusstiere wie Nilpferde finden sich auch an den Reliefs der Neben- und Rückseiten der Basis. Die Tiere sind dort in Kämpfe verwickelt, mal unterein­ander, mal gegen Pygmäen auf Barken. Daneben fin­den sich an den Basisfriesen auch noch Wasservögel sowie weidende Rinder wie­der. Die Flora ist durch schilfartige Pflanzen und Lotos­blumen angedeu­tet, der Fluss selbst durch fliessende Wellenli­nien.

Die Nil-Skulptur wurde im Gelände des stadtrömischen Isis- und Serapistempels, in der Nähe der barocken Kir­che Santa Maria sopra Minerva, ausgegraben – anscheinend im Jahre 1513. Ein Jahr zuvor kam hier bereits ihr Gegenstück, die vergleichbare, spiegelbild­lich komponierte Flussfigur des Tibers, zum Vorschein. Die ursprünglich als Pen­dants im Tempel aufgestellten Flüsse weisen auf die Verbindung Roms zu Ägypten im konkreten Zusam­menhang des Isiskultes hin.

Zeichnung der unergänzten Nilgruppe, Enea Vico? (16. Jh.)Abb. 2: Zeichnung der unergänzten Nilgruppe, Enea Vico? (16. Jh.)

Die Gruppe dürfte aus stilistischen Gründen in flavischer Zeit (letztes Drittel des 1. Jhs. n. Chr.) entstanden sein, vielleicht unter Domitian (81–96 n.Chr.), als der Tempel nach dem Brand von 80 n. Chr. wiederaufgebaut wurde. Der Isiskult reicht in Rom zwar bis in die späte Republik zurück, doch gerade in flavischer Zeit erfreute sich der Kult einer bemerkenswerten Verbrei­tung, zumal Dynas­tiebegründer Vespasian (Kaiser 69–79 n. Chr.) der ägypti­schen Göttin persönlich zugeneigt war. Die Mar­mor­gruppe könnte eine Kopie einer gräco-ägyptischen Statue gewesen sein, die Nero aus Alexandria nach Rom überführen liess und die in dieser Zeit im vom Vespasian begründeten Templum Pacis aufgestellt war. Diese Statue aus einem in Ägypten vorkommenden grauen Sedimentgestein (lateinisch basanites, vermutlich identisch mit der sogenannten Grauwacke) hat Plinius d. Ä. in seiner ‹Naturkunde› (Naturalis Historia XXXVI, 11, 58) fol­gendermassen umschrieben: «… er [der Steinblock] stellt den Nil dar, mit sechzehn ihn umspielenden Kin­dern, worunter man ebenso viele Ellen der höchsten Zunahme bei Anschwellen dieses Stromes zu verstehen hat.»

Spätestens 10 Jahre nach seiner Affindung wurde der Nil in den Vatikan überführt und zunächst an einem Brunnen­becken im Hof des Belvedere aufgestellt, wo bereits der Tiber stand, so dass sich die bei­den Flussgöt­ter wie in der Antike als Pendants gegenüber standen.

Unter Papst Clemens XIV. (1769-1774) erhielt der Res­taurator Gaspare Sibilla den Auftrag, die fehlenden Teile der Gruppe, d.h. die Finger der rechten Hand mit den Ähren, die Köpfe der Tiere, sowie vor allem die Oberkörper der Put­ten, zu ergänzen. Die Position und Haltung der Knaben sind aber aufgrund der Reste der Unterkörper klar be­zeugt.

Der Tiber. Zeichnung von Baldassare Peruzzi (ca. 1512–1520?)Abb. 3: Der Tiber. Zeichnung von Baldassare Peruzzi (ca. 1512–1520?)

1803 wurden der Nil und der Tiber, zusammen mit ande­ren berühmten antiken Statuen aus dem Vatikan und anderen italieni­schen Museen, von Napoleon infolge seines erfolgreichen Italienfeldzuges als Beute nach Paris über­führt, um im dortigen Musée Central des Arts (im Louvre) ausgestellt zu wer­den. Im Gegensatz zur Tiberskulptur kam die Nil­gruppe 1815 im Zuge der politi­schen Neuordnung Europas nach der Verbannung Napoleons nach Rom zurück, um 1816 im Braccio Nuovo der Vatikanischen Museen ihren definitiven Platz ein­zunehmen, wo sie noch heute bewundert werden kann.

Der Tiber und der Nil wurden seit ihrem Auffinden von Künstlern sehr geschätzt. Man bewunderte deren Kom­position, insbesondere die entspannte Haltung der mächtigen Gestalten. Beide wurden von Zeichnern und Malern bis zum späten 19. Jh. unzählige Male gezeich­net oder als Motiv in Gemälden verwendet.

Der Basler Abguss wurde im Jahre 1888 auf Vorschlag des berühmten Historikers Jakob Burck­hardt, der in die­ser Zeit Mitglied in der Kommission für die Skulp­turhalle war, angeschafft. Die Kosten für Herstellung und Trans­port waren mit damaligen 2’000 Franken enorm. Die Skulp­tur galt im Kunsturteil des späten Klassizismus als ein Meisterwerk. Umso betrüblicher ist es, dass im 20. Jh., als Forscher und Künstler die Leistungen des 19. Jhs. zu ver­kennen oder zu schmälern pflegten, diese Figur als unbedeutend zurücktaxiert wurde, was sich im Basler Abguss durch das skrupellose Zersägen in zwei Hälften manifes­tierte. Mit der Halbierung hat man sich die Ein­lagerung des Abgusses im Depot einfacher gemacht! 1996 wurde der Abguss von Michele Cordasco restau­riert und während des Umbaus der Skulpturhalle im Jahre 2008 wurde die Gruppe aus dem Keller hochge­holt; seitdem kann man den Nil wieder unter besseren Konditionen bewundern. Weltweit gibt es nur sehr we­nige Gipsab­güsse dieser monumentalen Nilgruppe. Der einzige uns bekannte weitere Abguss befindet sich in der universitären Abguss-Sammlung von Peru­gia.

Tomas Lochman

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