Sammlung

«Skulptur des Monats» Oktober 2008
Die sogenannte «Aphrodite von Knidos»

Original

Datierung: Römische Kopien nach einer Marmorstatue des Praxiteles um 340 v. Chr.
Material: Marmor
Fundorte: Rom, ehemals Sammlung Colonna (Körper) und Tralles (Kopf); antiker Hafen von Fiumicino (kleinere Figur)
Standorte: Vatikan Inv. 812 (Körper) und Paris, Louvre (Kopf); Glyptothek München (kleinere Kopie)
Höhen: 204 cm (grosse Kopie); 36 (Kopf); 163 cm (kleine Kopie)

Abguss

Hersteller: Staatliche Skulpturensammlung Dresden; L’atelier du moulage du Musée du Louvre; Atelier der Glyptothek München
Inv.-Nr.: 66-18; 69-7; 92-16
Material: Gips

Werkbetrachtung

«…an erster Stelle aller Werke, nicht nur derer des Praxi­teles, sondern auf dem ganzen Erdkreis, steht seine Aphrodite, zu der viele nach Knidos fuhren, um sie zu sehen». Mit diesen Worten preist Plinius (Naturalis histo­ria XXXVI 20), die Aphrodite von Knidos an. Ihr Ruhm beruhte zweifellos vor allem auf der Tatsache, dass sie die erste Statue war, die einen weiblichen Körper in völliger Nacktheit zeigte.

Die Berühmtheit des Werks spiegeln die zahlreichen römischen Kopien wider, wobei allerdings keine wirklich getreu oder vollständig erhalten ist. Die Skulptur­halle besitzt gleich mehrere Replikenelemente. Die «vollstän­digste Kopie» SH 676 ist eine Rekonstruktion des Körpers im Vatikan und des Kopfes aus der Sammlung Kauf­mann im Louvre. Die Replik in München (SH 1561) ist um einen Fünftel verkleinert, an den Unterschenkeln und Händen ergänzt und zeigt eine leicht veränderte Kom­position was die Haltung des linken Armes betrifft.

Abb. 1: SH 676; SH 925 (Kopf), SH 1561
Abb. 1: SH 676; SH 925 (Kopf), SH 1561

Die Göttin der Liebe steht im klassischen Kontrapost nackt und mit nach rechts gewendetem Kopf da. Typisch für Praxiteles ist die schwungvolle Kontur des Körpers in der Vorderansicht. Während der rechte Arm vor dem Bauch herabhängt und die Hand wie unwill­kürlich die Scham bedeckt, hält die linke Hand noch das Gewand, den die Göttin eben abgestreift hatte und den sie auf den Krug am Boden neben ihr herab­gleiten lässt. Die Göttin hat sich ausgezogen, um ein Bad zu nehmen; die Hydria, das griechische Wasser­gefäss, das in den Bädern eingesetzt wurde, ist ein ein­deutiger Hinweis darauf. Die Nacktheit entspringt also nicht einer vordergründigen «Zurschaustellung» son­dern wird durch die Handlung in natürlicher Weise begrün­det. Dieser motivische Sachverhalt ist typisch für die Zeit des Praxiteles. Die Standbilder des 4. Jhs. v. Chr. zeigen nämlich die Götter auch sonst vorzugsweise bei profa­nen, alltäglichen Handlungen – dies ganz im Gegen­satz zur Kunst des 5. Jhs., in der die Götter wie unnahbar und durch nichts abgelenkt erscheinen. Die praxiteli­sche Aphrodite ist der Blicke der Betrachter nicht gewärtig; Im Gegenteil, die Zuschauer kommen in die Rolle eines unbemerkten Beobachters. Genau die­ses «voyeuristische» Gefühl war für die Kunstbetrachter im damaligen Griechenland eine neue Erfahrung, Die­ser Sachverhalt hat zusammen mit dem sich damals rasch ausbreitenden Gerücht, dass Praxiteles hinter der Sta­tue seine Geliebte, die berühmte Kurtisane namens Phryne, porträtiert haben soll, zum Ruhm der Kni­dia beigetragen. Ursprünglich als Kultstatue für einen Tem­pel in Kos gedacht, fand sie Aufstellung in einem Heilig­tum in Knidos und avancierte schnell zu einer regel­rechten «touristischen Attraktion». Allein ihrer wegen strömten in der Antike zahllose neugierige Besu­cher nach Knidos, um die nackte Göttin zu sehen, wie die eingangs zitierte Passage des Plinius verrät. Aufge­stellt war das Werk in der Mitte eines Rundbaus, in dem sie – für besonders Neugierige – dank einer rückwärtigen Tür auch von hinten zu bewundern war.

Abb. 2: Aphrodite von Knidos recto – verso
Abb. 2: Aphrodite von Knidos recto – verso

Die Höhe der Statue beträgt exakt 100 griechische Daktylen (= 204,1 cm). Das ergibt eine Körpergrösse von 102 Daktylen, also 208,2 cm (wenn man sich die Statue gerade aufrecht stehend vorstellt). Hinsichtlich Propor­tionie­rung fallen die relativ breite Hüfte und der schmale Brust­korb auf. Auch der Busen ist im Vergleich zum Körper eher klein. Die aus der Sicht der meisten «normalen Männer» eher zurückhaltenden, aber inner­halb des griechischen Bildhauerkanons idealen Grössenverhältnisse des Busens sind auf das Proportionierungssystem zurückzuführen, der den griechischen Bild­hauern als Grundlage des Entwurfs diente. Danach sind alle Breiten, Höhen und Tiefen sämtlicher Körperpartien genau festgelegt, indem sie sich alle von der absoluten Körpergrösse ableiten. Dieses System wurde bereits im 5. Jh. perfekti­oniert, und blieb auch in der Spätklassik massgebend. So sind beispielsweise die Breite der Hüf­ten und der Schulterabstand (von Gelenk zu Gelenk gemessen) stets ein Fünftel der Körperhöhe, die Taille ein Sechstel der Körpergrösse – bei allen Statuen. Um bei gleich bleibenden Verhältnis­sen dennoch ge­schlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen zu können (bei einer Frau sind die Hüf­ten proportionell breiter als bei einem Mann) konnten die Bildhauer bestimmte Strecken des Körpers auch mal von einer gegenüber der Körpergrösse kleineren Skala ableiten, die sich von der ponderierten (sprich «gestauchten») Grösse der Spielbeinseite ableitet: Diese ist im Falle der Knidia 98 Daktylen hoch). So beträgt die Hüfte der Kni­dia einen Fünftel der oberen Skala, wäh­rend sich die Breitenmasse der Taille und der Schultern von der unteren Skala ableiten, was gegenüber einer Männer­statue, in der alle Breiten von der einen und selben oberen Skala abgeleitet sind, veränderte Hüftproporti­onen ergibt. Allein aufgrund dieses Entwurfssys­tems wird klar, dass Praxiteles hier keineswegs ein lebendes Modell nachmodelliert hat. Gleichwohl hat sich dieses Gerücht als schöne Anekdote tradiert (so bei Athe­naios, Deipnosophistai XIII 591b) umso, mehr als die Geliebte des Bildhauers keine geringere Frau war, als die Kurtisane Phryne, die im Athen des 4. Jhs. v. Chr. als die schönste Frau galt. Praxiteles hat zwar tatsäch­lich zwei vergoldete Bildnisstatuen der Phryne angefer­tigt, eine für ihre Heimatstadt, das boiotische Thespiai, das andere für Delphi, doch diese zeigten die Hetäre bekleidet, als ehrenvolle Stifterin und Persönlichkeit.

Abb. 3: Jean-Léon Gérôme: Phryne vor dem Areopag, 1861, Kunsthalle Hamburg
Abb. 3: Jean-Léon Gérôme: Phryne vor dem Areopag, 1861, Kunsthalle Hamburg

Ihre Schönheit wurde Phryne fast zum Verhängnis, denn sie brachte ihr eine Anklage wegen Gotteslästerung ein, hatte sie doch angeblich ihre eigene Schönheit als derjenigen der Göttin Aphrodite ebenbürtig angeprie­sen. Ihrem Anwalt gelangt es aber ihren Freispruch zu erwirken, indem er sie zur Verblüffung der auf dem Athener Areopag versammelten Geschworenen in einem Überraschungscoup entblösste, damit sich die zu urteilenden Herren mit eigenen Augen von der makel­losen Statur der Kurti­sane überzeugen konn­ten. Natür­lich trugen solche Anekdoten viel zum Ruhm der Phryne und damit auch der praxitelischen Aphroditesta­tue bei, die ihre Zeit überdauert haben. Vielfach wurde Phryne auf Gemäl­den des 19. Jhs. dargestellt – so etwa auf dem Gemälde von Gérôme (Abb. 3) – und im 20. Jh. avancierte sie sogar zur Roman- und Filmheldin.

Tomas Lochman

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