Sammlung

«Skulptur des Monats» November 2008
Der «Kalbträger des Rhombos»

Original

Datierung: Um 570/60 v. Chr.
Material: Blaugrauer Marmor aus Hymettos (Berg­kette vor Athen). Die Gruppe war ursprünglich bemalt wie Farbreste bele­gen. Die Basis besteht aus Poros-Stein.
Fundort: Athen, Akropolis (im Bereich des 1937 erbauten, mittlerweile aufgelösten alten Akropolismuseums)
Standort: Athen, neues Akropolismuseum (Inv.-Nr. 624)
Höhe: 165 cm (rekonstruierte Höhe ohne Sockel)

Abguss

Hersteller: Athen, ehemalige Abgussformerei des Nationalmuseums
Inv.-Nr.: sh 12
Anschaffungsjahr: 1924
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der fragmentiert erhaltene Kalbträger wurde 1864 auf der Athener Akropolis ausgegraben; erhalten haben sich der Grossteil des Körpers von den Knien an bis zum Kopf sowie dem geschultertem Kalb; es fehlen nur die Unterschenkel sowie Teile der Statuen­oberfläche. 1887 kam die Basis mit der eingelassenen Plinthe um den Rest des rechten Fusses zum Vorschein. Diese Basis ist lediglich in ihrer oberen Hälfte geglättet. Hier befindet sich die Inschrift, die – wie in dieser Zeit in Athen noch üblich – von rechts nach links zu lesen ist: «[-]ombos hat es geweiht, Sohn des Palos». Der erste Buchstabe des Stifternamens fehlt, doch die Ergänzung auf Rhombos hat sich in der Fach­literatur durchgesetzt, auch wenn sie nicht restlos gesi­chert ist, da auch andere Namen wie Kombos nicht ausgeschlossen sind.

Das Motiv des ein Kalb tragenden Mannes, auf Grie­chisch moschophoros, ist in der griechischen Grossplas­tik ein sehr seltenes Motiv, insbesondere in der Archaik, in der die überwiegende Zahl der männlichen Stand­bilder allein für sich, mit eng an den Körper gepressten Armen, dastehen. Diesem archaischen Schema des kouros (Jünglings), der zwar ein Bein vorstellt aber ansonsten starr und unbewegt aufragt, ist auch unsere Statue verhaftet, allerdings mit eben jenem Unter­schied, dass die Komposition hier um das geschulterte Kalb bereichert ist. Folglich hängen die Arme des Man­nes nicht, wie bei den normalen Kurosstatuen üblich, passiv entlang den Flanken herab, sondern sind ange­winkelt und die Hände halten das Tier an dessen Fes­seln. Zusammen mit den vor der Brust zusammengenommenen Beinen des Kalbs ergeben die derart gehaltenen Arme die eigentümliche Kreuzform, die die Komposition der ganzen Statue charakterisiert. – Den­noch bleibt in der Anlage auch hier alles kompakt; da weder Körperpartien noch das Kalb aus dem Kubus der Statuengruppe herausragen.

Kalbträger in der Skulpturhalle Basel
Abb. 1: Gipsabguss des Kalbträgers in der Skulpturhalle Basel (sh 12)

Vom Kalb gewissermassen eingerahmt sticht der frontal ausgerichtete Kopf heraus. Wie bei allen archaischen Köpfen fallen im Gesicht die grossen mandelförmigen Augen auf, die hier sogar mit Glaspaste eingelegt waren, sowie die wie aufgesetzt wirkenden Lippen, die dank den hochgezogenen Mundwinkeln wie zu lächeln scheinen. Typisch archaisch sind auch die perlschnurar­tig angeordneten Zöpfe und Stirnhaare. Im Unterschied zu den meisten anderen Kurosstatuen trägt unser Mann auch noch einen Bart; er scheint also reifer zu sein als die jünger wirkenden bartlosen Jünglinge. Der Kopf des Kalbes erhebt sich über der rechten Schulter seines Trägers und ist gleichermassen frontal nach vorn gerich­tet.

Der Kalbträger ist mit einem knielangen, über der Brust geöffneten Mantel umhüllt, der aber den Körper nicht wirklich verdeckt, da er plastisch nicht in Erscheinung tritt. Hier hat die ursprünglich angebrachte Farbe sicherlich einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Die Statue wird aufgrund ihrer Stilstufe einheitlich in die sechziger Jahre des 6. Jhs. v. Chr. (570/60 v. Chr.) datiert und versuchsweise dem Bildhauer Phaidimos zugewie­sen, dessen Namen auf zwei Statuenbasen überliefert ist. Der Schriftzug auf diesen Basen scheint auf die gleiche Hand zurückzugehen wie die Inschrift auf der Basis unseres Kalbträgers.

Wenn sie auch selten in der Grossplastik sind, so finden sich vergleichbare Darstellungen eines Tierträgers dafür zahlreicher in der archaischen und frühklassischen Kleinplastik wieder und dies insbesondere im ionischen Raum. Neben nur wenigen Kalbträgern sind vor allem Widderträger (kriophoroi) belegt. Zum einen können in solchen Figuren opfernde Sterbliche gedeutet werden, die das zum Opfer bestimmte Tier einem Gott darbrin­gen, zum anderen steht hinter manchen Widderträgern eindeu­tig auch der Hirtengott Hermes (Abb. 2). So überliefert der antike Reiseschriftsteller Pausanias in sei­ner Beschreibung Griechenlands (Buch IX, Kap. 22,1–2) eine Statue des Hermes Kriophoros des Kalamis (einem Bild­hauer des frühen 5. Jhs. v. Chr.), der sein Werk im Auftrag der Stadt Tanagra geschaffen hat: «In Bezug auf die Heiligtümer des Hermes, des Kriophoros (…), erzählen sie [d. h. die Tanagräer] (…), dass Hermes ihnen eine Epidemie abwehrte, indem er einen Widder um die Stadtmauer herumtrug, und deshalb schuf Kalamis eine Kultstatue des Hermes mit einem Widder auf den Schul­tern.»

Bronzestatuette eines Kalbträgers in Boston
Abb. 2: Hermes Kriophoros, Bronzestatuette in Boston, Ende des 6. Jhs. v. Chr.

Einem ganz anderen Kontext entspringen die zahlrei­chen bukolischen Hirtenstatuen der späthellenistischen und römischen Kunst, mit denen die Künstler die ideali­siert verklärte Welt des ländlichen Lebens heraufbe­schwo­ren und aus denen sich später die frühchristli­chen Darstellungen des ‹Guten Hirten› ableiteten.

Kommen wir aber wieder auf unseren Athener Kalbträ­ger zurück. Dieser meint natürlich keinen gewöhnlichen Hirten – aber auch keinen Gott, sondern er symbolisiert am ehesten den Stifter selbst. Allerdings stellt unsere Statue den Weihenden nicht porträthaft dar, denn für individuelle Repräsentation gibt es in der Archaik keine Anzeichen; es entsprach weder den Möglichkeiten der archaischen Kunst noch den Erfahrungen der damali­gen Bild­hauer. Wir haben hier eine überindividuelle Weihung vor uns; die Statue ist am besten als eine idea­lisierende Darstellung eines Wesens, das quasi als Ver­mittler zwischen den sterbli­chen Gläubigen und den verehrten Göttern situiert ist, zu umschreiben.

Rhombos, der Stifter der Votivstatue, konnte nur ein reicher attischer Adliger gewesen sein, der über genug finanzielle Mittel verfügte, um den Bildhauer zu bezah­len. Und auch ein Kalbsopfer konnte sich wohl nur jemand leisten, der über genug Herdentiere ver­fügte. Als Gottheit, der dieses Opfer bestimmt war, kommt aufgrund des Standortes nur die Stadtgöttin Athena selbst in Frage. – Als Rhombos seinen Kalbträger auf der Akropolis aufstellen liess, domi­nierte der erste Athena­tempel den Athener Burgberg, der sog. Urparthenon, der damals eben erbaut wurde. Vor dem Tempel stan­den unter freiem Himmel viele weitere Votiv­statuen, die aber alle im Jahre 480 v. Chr. zusammen mit allen Bau­werken der Akropolis von den einfallenden Persern zer­stört wurden. Als unter Peri­kles der Wiederaufbau der Heiligtümer der Akropolis in Angriff genommen wurde, wurden sämtliche, damals noch herumliegende Trüm­mer zur Planierung des Gelän­des verwendet, auf dem dann die neue Akropolis auferstand. Bei den Grabun­gen des 19. Jhs. kamen in dieser Pla­nierungsschicht, dem so genannten Perserschutt, all diese Trümmer – und somit auch unser fragmentierter Kalbträger – aber wie­der zum Vorschein. Sie zählen heute zu den wichtigsten erhaltenen Werken der archaischen Kunst.

Tomas Lochman

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