Sammlung

«Skulptur des Monats» Dezember 2008
Kopf des Marc Aurel von der kapitolinischen Reiterstatue

Original

Datierung: Um 176 n. Chr. (?)
Material: Vergoldete Bronze
Fundort: Rom, Lateran. Seit dem 10. Jahrhundert bei San Giovanni in Laterano (Lateran­basilika) nachweisbar.
Standort: Die Reiterstatue wurde unter Papst Paul III. auf das Kapitol überführt. Bis 1979 auf dem Kapitolsplatz, seit 1990 im Museo Nuovo der Kapitolinischen Museen.
Höhe: 85 cm (Gesamthöhe von Pferd und Rei­ter 424 cm)

Abguss

Hersteller: Kopenhagen, Abguss-Sammlung
Inv.-Nr. : 93-19 (sh 1593)
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die bronzene Reiterstatue des Marc Aurel gehört zu den berühmtesten römischen Statuen. Vielleicht ist sie die bekannteste Antike Roms überhaupt, erfreute sie sich doch spätestens seit dem 10. Jahrhundert ununterbro­chener Beachtung. Offenbar ist die Bronze nie unter die Erde gekommen. Anhand literarischer Quellen ist als angestammter Standort die Umgebung von San Gio­vanni in Lateran belegt. Dies muss wohl auch der ursprüngliche, antike Aufstellungsort gewesen sein, denn unter der Lateransbasilika sind Reste der Kaserne der equites singulares des Marc Aurel, der berittenen Kaisergarde auszumachen. Der Platz vor der kaiserli­chen Kaserne wäre natürlich ein sinnvoller Bestim­mungsplatz für die Statue des Kaisers. Dass die Statue, trotz dem kostbaren und «rezyklierbaren» Mate­rial Bronze, im Mittelalter nie eingeschmolzen worden ist, wie sonst alle frei stehenden antiken Bronzewerke, verdankt sie einer bedeutsamen Fehldeutung: Wäh­rend Jahrhunderten sah man hinter dem bärtigen Rei­ter nämlich den ersten christlichen Kaiser Konstantin! Diese Interpretation war nicht völlig aus der Luft gegrif­fen, denn der Christenkaiser hat über der ehemaligen lateranischen Kaserne eine Basilika des Salvator mundi (Erlöser der Welt) erbauen lassen. Das in der Nähe der ehemaligen Reiterkaserne stehende Reiterstandbild Marc Aurels blieb in der veränderten Umgebung auch weiterhin bestehen und kam so in die Nachbarschaft der konstantinischen Lateranbasilika. Entsprechend wurde das Standbild nach der Antike über Jahrhun­derte hindurch als Konstantin verehrt. Erst im 15. Jh. stellte ein Vatikaner Bibliothekar fest, dass es sich bei der Statue nicht um Konstantin handeln konnte, son­dern um den «heidnischen» Kaiser Marc Aurel. Die so neu beurteilte Statue wurde aber nicht mehr einge­schmolzen, denn seit dem 15. Jh. war das neu erwachte Interesse und die Bewunderung der Antike der Renaissancegelehrten und –künstler reichlich Garant dafür, dass zur Statue weiterhin Sorge getragen wurde. Sie wurde aber von der päpstlichen Lateranba­silika auf das «weltliche» Kapitol überführt, für das Michelangelo eigens den Platz umgestaltet hatte. Die Bewunderung erreichte also einen neuen Höhepunkt.

1979 wurde die Statue infolge eines Bombenanschlags auf das Rathaus beschädigt. Daraufhin wurde sie einer allumfassenden Restaurierung unterzogen, wobei ins­besondere das im Laufe der Jahrhunderte fragil gewordene Material konserviert wurde. Nach Abschluss dieser Restaurierungen im Jahre 1990 wurde sie ins Museo Nuvo überführt; auf dem Kapitolsplatz steht heute nunmehr eine Bronzekopie.

Abb. 1: Gipsabguss des Marc-Aurel-Kopfs in der Skulpturhalle (sh 1593)
Abb. 1: Gipsabguss des Marc-Aurel-Kopfs in der Skulpturhalle (sh 1593)

Von dem ca. doppelt lebensgroßen Reiterstandbild haben wir in unserer Sammlung leider keinen vollstän­digen Abguss, aber immerhin einen Teilabguss des für sich allein schon imposanten Kopfes. Dicke Oberlieder hängen, wie für Marcaurel-Bildnisse bezeichnend, tief auf die Augäpfel herab, dichtes krauses Kopf- und Barthaar umrahmt das Gesicht. Während das Kopfhaar in füllige Buckellocken untergliedert ist, ist das Barthaar relativ flach; markant, und für die Porträts des Kaisers bezeichnend, sind die zwei mittleren Korkenzieherlo­cken. Unterhalb der Oberlippe fließen die Haut- und Bartpartien praktisch ansatzlos ineinander über. Die übrigen Gesichtspartien sind relativ plane Flächen ohne plastische Nuancierungen. Der Kopf entbehrte solcher Details, war er bei seiner hohen Aufstellung ja von vornherein auf Fernwirkung angelegt.

Marc Aurel gehört zu den solidesten und weisesten römischen Kaisern, vielleicht war er der letzte «Große» der römischen Geschichte. «Die hochgewölbten Augenbrauen und das dabei nahezu unbewegte Gesicht rufen den für Bildnisse Marc Aurels so charakte­ristischen Ausdruck von Ruhe, Unerschütterlichkeit und Distanziertheit hervor» – so charakterisiert es der Archäologe Klaus Fittschen. Dieser hat auch beobach­tet, dass der Kopf von der Anlage der mittleren Stirnlo­cken her eine Art Verklitterung vom sog. dritten und vierten Bildnistypus des Kaisers ist. Während der dritte Porträttypus seit 160 n. Chr. belegt ist, dürfte der vierte erst gegen Ende des Jahrzehnts eingesetzt haben. Beide Typen fanden dank unzähligen Bildnissen in der ganzen römischen Welt eine jahrelange Verbreitung. Aus typlogischen Überlegungen kann die Statue unmöglich um 165 n. Chr. datiert werden, wie dies frü­her gelegentlich vorgeschlagen wurde, sondern erst in die siebziger Jahre des 2. Jhs .n. Chr. In dieser Zeit hat Marc Aurel während langen Perioden in den Donau­provinzen gegen aufsässige germanische Stämme gekämpft. So sitzt der Kaiser, als Oberbefehlshaber dargestellt, hoch zu Ross, das ruhig dasteht und nur das eine vordere Bein anhebt. Der Kaiser blickt leicht nach rechts und hält den rechten Arm wie zum Sprechgestus nach vorne ausgestreckt. Die gesenkte linke Hand hielt die Zügel und vielleicht auch noch eine Buchrolle, die sich aber ebenso wenig wie die Zügel selbst erhalten hat. Der Kaiser ist in eine kurze Tunica und ein Palu­damentum (Soldatenmantel) gekleidet. An den Füs­sen trägt er nicht die Feldherrenstiefel, sondern die zivilen calcei senatorii («Senatoren-Stiefel»).

Abb. 2: Reiterstatue Marc Aurels im Museo Nuovo der Kapitolinischen Museen
Abb. 2: Reiterstatue Marc Aurels im Museo Nuovo der Kapitolinischen Museen

Solche Reiterstatuen waren dem Kaiser oder den männlichen Mitgliedern seiner Familie vorbehalten und wurden ausschließlich für repräsentative Zwecke, etwa zur Hervorhebung von militärischen Verdiensten, in Auf­trag gegeben. Typisch für römische Reiterstatuen ist die ruhige Haltung des Tiers, die sich von hellenistischen Reiterstatuen unterscheidet, weil auf den früheren der Herrscher gerne auf einem sich aufbäumenden Pferd sitzt, dergestalt Dynamik und Tatendrang evozierend.

An unserer Statue ist der Kaiser als souveräner Staats­mann und als Anführer seines Heeres, dessen Verbun­denheit in solchen Werken deutlich wird, fassbar. Dass der Kaiser dabei nicht nur militärische Trachtbestand­teile sondern auch zivile trägt, hebt auch administrative Aspekte seines Amtes hervor. Als Oberbefehlshaber des Heeres schützt er den Staat vor Angriffen; siegreich heimgekehrt ist er der Überbringer und Garant des Friedens und aller damit verbundenen Vorteile für die Allgemeinheit. Aufgestellt worden sein dürfte die Statue infolge eines militärisch-politischen Triumphes. Am wahrscheinlichsten hängt das Werk mit dem Sieg über die Markomannen und Sarmaten im Jahre 176 n.Chr. zusammen. Wie mittelalterliche Quellen belegen, war unter dem rechten erhobenen Huf des Pferdes ursprünglich eine kleine kniende Barbarenfigur ange­bracht; diese müsste die unterlegenen Barbaren­stämme versinnbildlicht haben.

Tomas Lochman

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