Sammlung

«Skulptur des Monats» Februar 2009
Die Karyatide vom Erechtheion

Original

Datierung: Um 415 v.Chr.
Material: Parischer Marmor
Fundort: Korenhalle des Erechtheions auf der Athener Akropolis
Standort: London, British Museum, Inv. 407. (Am ursprüngli­chen Standort auf der Akropo­lis steht heute eine Kopie)
Höhe: 231 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 11-10 / SH 154
Herkunft: London, British Museum
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Der Abguss wurde nach der Londoner Karyatide ge­formt, die einst mit fünf weiteren ‹Schwestern› anstelle von Säulen das Dach der südlichen Vorhalle der be­rühmten Korenhalle des Erechtheions auf der Athener Akropolis stützte. Die Koren (‹Mädchen›) – vier an der Front und je eine zusätzliche an den Schmalseiten – standen auf der balkonartig vorgelagerten Brüstung, die an die südöst­liche Ecke des Zentralbaus des Erechtheions angebaut war. Für Säulen in Mädchenge­stalt wird im allgemei­nen der Begriff ‹Karyatide› ver­wendet, den Vitruv auf die Frauen der lakonischen Stadt Karyai zurückgeführt hat, die ihm zufolge von den Griechen wegen ihrer Perser­freundlichkeit versklavt worden waren. Die Deutung der Sklavinnen ist aller­dings unglaubwürdig, doch der Begriff hat sich längst eingebürgert. – Unsere ‹Karyatide› stand als zweite Stütze von links an der Frontseite der Halle, bis sie 1803 vom britischen Diplomaten Thomas Bruce Earl of Elgin (kurz: Lord Elgin) mit Einverständnis des türkischen Burg­kommandants vom Bau abge­nommen und – zusam­men mit einer ioni­schen Säule der Osthalle sowie mit den berühmten Parthenonskulp­turen – nach London gebracht wurde. Die übrigen fünf Koren verblieben am Bau – doch da ihnen im Laufe des 20. Jhs. die Verwit­terung stark zuge­setzt hatte, wur­den gegen Ende des Jhs. auch sie vom Erechtheion herausgelöst und ins Akropolismuseum überführt. Heute stehen am Bau also allesamt Kopien, die aber den Besuchern vor Ort nach wie vor den ur­sprünglichen Kontext, auch den der Lon­doner Figur, ersichtlich werden lassen. Die Korenhalle ist neben dem Parthenon das meist photographierte Sujet der Athener Burg.

Abb. 1: Die Karyatide in der Skulpturhalle Basel.
Abb. 1: Die Karyatide in der Skulpturhalle Basel.

Die Londoner Erechtheionkore ist bis auf die beiden Arme komplett erhalten. Sie ist in einen langen Peplos gehüllt, der unterhalb der Brust gegürtet ist, wobei aber die überhängenden Gewandpartien den Gürtel ver­decken und über dem Bauch den geschwungenen Faltenbogen ergeben. An den Schultern ist zusätzlich ein Mantel fixiert und nach hinten geworfen, sodass er nur den Rücken bedeckt.

Nichts in ihrer Haltung deutet auf die schwere Last des Gebälks und die Funktion dieser Statue als Säule. Die Kore steht entspannt da. Das linke Bein ist entlastet und leicht angewinkelt, wie aus dem sich unter dem Ge­wand klar abzeichnenden Oberschenkel und Knie her­vorgeht. Dem gegenüber ist das Standbein von schweren, senkrecht fallenden und an die Kanneluren einer Säule erinnernden Falten verhangen. Das Wech­selspiel zwischen kräftiger Gewanddrapierung und je­nen Partien wie dem linken Ober­schenkel oder dem Busen, über denen das Gewand wie durchscheinend erscheint, ist besonders reizvoll. Da die Figur ein Gebälk stützte, ist der Kopf notgedrungen axialsymmetrisch nach vorne gerichtet und ist weder abgewendet noch geneigt; der schmale Hals ist hinten durch einen dicken nach unten fallenden Nackenschopf verstärkt.

Auf dem Kopf ruht ein Kapitell, das wie eine Mischform zwischen einem ionischen und einem dorischen Kapitell aussieht: Während die Grundform mit dem runden Echinus und der rechteckigen Abakusplatte (die an unserem Abguss allerdings fehlt) dem dorischen Kapitell entspricht, ist der Einerstab, der den Echinus verziert, dem ionischen System entlehnt.

Die Arme sind nicht nur an der Londoner Statue ab­gebrochen, sondern auch an den übrigen fünf Erechtheionkoren. Dennoch lassen sie sich – dank er­haltenen römischen Kopien – verlässlich rekonstruie­ren: Während der linke Arm gerade herabhing und die Hand in die Mantelfalten griff, hielt die Hand des an­gewinkelten rechten Armes jeweils eine Phiale (Opfer­schale).

Während der Kontrapost der Koren spiegelsymmetrisch variiert wird (die drei Koren rechts stehen auf dem lin­ken Bein, die drei Koren links auf dem anderen), bleibt die Komposition der Arme überall die gleiche, d.h. alle Mädchen halten die Phiale in ihrer Rechten, was ja dem natürlichen Usus entspricht.

Abb. 2: Das Erechtheionmodell der Skulpturhalle. Ansicht von Südwesten.
Abb. 2: Das Erechtheionmodell der Skulpturhalle. Ansicht von Südwesten.

Die sechs Mädchen sind aufgrund der rekonstruierten Spendeschale mit einem noch näher zu bestimmenden kultischen Ritus in Verbindung zu bringen. Am ehesten darf man in ihnen die athenischen Arrephoren (‹Geheimnisträgerinnen›) vermuten: Dies waren Jung­frauen, die – jährlich neu bestimmt – eine zeitlang bei der Athena Polias auf der Akropolis wohnten, um am Ende ihrer Dienstzeit einen geheimnisvollen Korb, den zu öff­nen ihnen verboten war, nachts in einen unterirdi­schen Gang am Nordhang der Burg zu tragen. Diese Zeremo­nie spielt auf die Kekropstöchter Aglauros und Herse an, die entgegen des Verbotes der Athena eine ihnen an­vertraute Ciste öffneten und darin das erdge­borene schlangenleibige Erichthonioskind erblickten worauf sie sich – wahnsinnig geworden – von der Akro­polis stürzten. In diesen Sagenkreis sind gleich drei für die mythische Geschichte Athens hochbedeutende Gottheiten und Heroen involviert: Athena, Erichtho­nios/Erechtheus so­wie Kekrops. Erichthonios (der manchmal mit Erechtheus gleichgesetzt wurde) und Kekrops sind myt­hische Könige Athens. Beide erschei­nen in bildlichen Darstellungen mit Schlangenbeinen. Die Schlange deu­tet als das mit der Erde besonders verbundene Kriech­tier die Verwurzelung dieser Heroen mit dem attischen Land an; sie sind beide erdgeboren. So soll Erichthonios dem Samen entsprungen sein, der nach dem erfolglo­sen Versuch Poseidons, auf der Akropolis Athena zu begatten, auf die Erde getropft ist. Somit ist Erichthonios Sprössling des Poseidon und der Erdgöttin mit direktem Bezug zu Athen. Die Verbunden­heit Athens mit ihren mythischen Ahnen und die kon­krete Verwurzelung mit dem Ort der Akropolis kommt im vielgliedrigen Bau des Erechtheions zusammen, der zwischen 421 und 406 v. Chr. über mehreren heiligen, eng nebeneinander liegenden Stellen erbaut wurde. Der Name ‹Erechtheion› stammt erst aus dem 1. Jh. v.Chr. und ist etwas irreführend, da der Bau nicht nur des Erechtheus (bzw. Erichthonios) sondern gleich mehrerer attischer Gotthei­ten gedenkt; in erster Linie ist er der Tempel der Athene Polias, die, wie der hier verwendete Beiname (‹Stadt­wächterin›) hinweist, die Beschützerin der Stadt war. Für sie war der zentrale, nach Osten aus­gerichtete Haupt­bau mit der sechssäuligen Vorhalle bestimmt. Die an­gebaute Nordhalle erstreckt sich dagegen über dem mythischen Grab des Erichthonios sowie über der Fels­stelle mit dem Dreizackmal des Poseidon. In der Nähe der Nordhalle wuchs zudem ein Olivenbaum (auch heute wächst dort wieder einer), den die Göttin Athena den Athenern gespen­det hatte. Die im Süden ange­baute Korenhalle schließ­lich liegt über je­ner Stelle, wo die Athener das Grab des Kekrops lokali­sierten. In­sofern ist es ein nahe liegender Gedanke, in den Koren jene Arrephoren zu vermuten, die mit ihrem Kult die Erinne­rung an die Kekropstöchter am Leben erhielten.

Als Lord Elgin zu Beginn des 19. Jahrhunderts Athen be­suchte – Griechenland war damals noch unter türki­scher Herrschaft und sollte erst 1829 vom osmanischen Joch befreit werden – war er einer der ersten Europäer, der die Qualität und Bedeutung klassischer griechischer Kunst entdeckte. Die Altertumsgelehrten hatten sich bis dahin vorab mit römischen Ruinen und Skulpturkopien beschäftigt. Dadurch, dass mit der Erechtheionkore und großen Teilen des Bauschmucks des Parthenons großartige originale Marmorskulpturen nach London überführt wurden, konnte man sich in Europa erstmals ein adäquates Bild der griechischen klassischen Kunst machen was nicht nur zu einem Boom der klassizisti­schen Architektur und Bildhauerei, sondern auch zu einem überschwänglichen Philhellenentum und zur Unterstützung der Griechen bei ihrem letztendlich er­folgreichen Befreiungskampf gegen die Türken geführt hatte – aus diesem Blickwinkel kommt den Elgin marbles also eine kulturhistorisch wichtige Bedeutung zu, auch wenn heute seine Überführung der Kunst­werke aus der Akropolis ins British Museum im Zuge der griechischen Rückgabeforderungen längst als «Plün­derung» und «Kunstraub» verschrien wird.

Tomas Lochman

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