Sammlung
„Skulptur des Monats“ März 2009
Satyr und Nymphe von der Gruppe „Aufforderung zum Tanz“
Original
Datierung: Römische Marmorkopien nach einer hellenistischen Zweiergruppe aus der Zeit um 150/30 v. Chr.
Material: Marmor
Herkunft: Satyrstatue SH 1542: angeblich aus Rom; Nymphe SH 731: Herkunft unbekannt.
Standorte: SH 731: Basel, Antikenmuseum und Sammlung Ludwig, Inv. Kä 233; SH 732a: Florenz, Uffizien; SH 732: Paris, Louvre; SH 1542: verschollen (die 1784 erstmals nachgewiesene Statue soll an den russischen Zarenhof verkauft worden sein. Sie ist jedoch nicht mehr auffindbar und einzig durch einen 1802 erworbenen Gipsabguss in Göttingen überliefert, der unserem Abguss als Vorlage diente).
Höhe: 87 cm (Nymphe SH 731); 140 cm (Satyr SH 1542).
Abguss
Inv.-Nr.: 64-27 / SH 732; 64-28 / 732a; 64-70 / 731; 91-19 / SH 1542
Hersteller: Abgusswerkstatt der Skulpturhalle (1964); Göttingen, Archäologisches Institut der Universität (1991)
Material: Gips, teils patiniert
Werkbetrachtung
In der nordwestkleinasiatischen Stadt Kyzikos, in der Nähe der grossen Marmorbrüche von Prokonnesos gelegen, muss sich, wie das Reversbild einer unter Septimius Severus geprägten römischen Münze dieser Stadt (Abb. 4) nahe legt, eine Zweiergruppe befunden haben, die sich aus einem tanzenden Satyr und einer ihm zusehenden sitzenden Nymphe zusammensetzte. Leider sind keine weiteren Informationen über den Aufstellungsort, Entstehungszeit oder gar Künstler dieser Gruppe überliefert. Doch dass sich das Münzbild auf eine wichtige und bekannte statuarische Gruppe bezieht, belegt auch eine Reihe von römischen, Satyr- und Nymphenstatuen, die alle offensichtlich das gleiche Vorbild wie das Münzbild wiederholen. Als erster hat dies im Jahr 1909 der Prager Archäologieprofessor Wilhelm Klein erkannt (siehe Abb. 3). Er war es auch, der den seither allgemein gebräuchlichen Namen ‹Aufforderung zum Tanz› geprägt hatte.

Abb. 1: Gipsabguss des Satyrs in der Skulpturhalle (SH 1542)
Von den heute bekannten Repliken ist keine vollständig erhalten. Die nur im Abguss erhaltene Satyrstatue aus Rom (unser Abguss SH 1542) sowie eine Marmorstatue im Palazzo Corsini in Rom zeigen die Komposition beinahe vollständig: Nur die Hände fehlen (oder sind ergänzt). Überdies existieren zwei Köpfe (Rom und Paris, danach unser Abguss SH 732) sowie noch weitere Fragmente, etwa der Torso in den Uffizien (unser Abguss 732a).

Abb. 2: Gipsabguss der Nymphe in der Skulpturhalle (SH 731)
Was die Überlieferung der Nymphe angeht, so fehlen an den am komplettesten erhaltenen Marmorkopien, den Repliken in den Museen von Brüssel, Florenz und Genf, entweder der Kopf (Brüssel und Florenz), oder der linke Fuss und die rechte Hand (Genf und Brüssel). An der Kopie im Basler Antikenmuseum (danach unser Abguss SH 731) sind sogar alle ursprünglich vorragenden Körperteile abgebrochen, dennoch kommt das Motiv der Statue auch hier anschaulich zur Geltung. Die junge Frau sitzt mit entblösstem Oberköper auf einem Felsen. Mit dem linken Arm stützt sie sich auf, mit der Rechten greift sie zum Fuss ihres übergeschlagenen Beines. Sie hat sich wohl eben ihre Sandale abgestreift, denn die Füsse an den entsprechend erhaltenen Repliken sind bereits nackt. Dieser erotische Gestus des Schuhabziehens ist mit der offensichtlichen Bereitschaft der Sitzenden, der Einladung zum Tanz nachzukommen, in Verbindung zu bringen; das verschmitzte Lachen (das die Kopien mit erhaltenem Kopf belegen) unterstützt diese Deutung. Dass das Mädchen mit nacktem Oberkörper da sitzt, dient wohl nicht allein dazu, die erotisch aufgeladene Situation zu verstärken; es ist wohl auch als ein Hinweis darauf zu werten, dass es sich bei dieser jungen Frau nicht um eine beliebige Gespielin eines Satyrn, etwa eine Mänade, handelt, sondern konkret um eine Wassernymphe, also eine Vertreterin der Najaden, die im griechischen Mythos für Quellgewässer zuständig waren und die ebenfalls zum Gefolge des Dionysos und seiner Satyrn gehörten.

Abb. 3: Rekonstruktion von Klein (1909)
Der Satyr balanciert in tänzelnder Bewegung auf seinem linken Bein und stampft mit dem Fuss des anderen, leicht angehoben Beins auf ein Krupezion, eine Art Klapperinstrument. Der Rhythmus, den der junge Satyr damit erzeugt, hat den ganzen Körper erfasst; die Arme greifen stark aus, der rechte nach oben, der andere zur Seite. In den Händen dürfte der Satyr Zimbeln geschlagen oder einfach mit den Fingern geschnippt haben und damit den Rhythmus und die Tanzeinladung zusätzlich unterstrichen haben. Sein Kopf und Blick sind nach unten zur Klapper gerichtet. Der Mund ist wie bei der Mänade zu einem verschmitzten Lachen hochgezogen. Der Schwanz hinten am Rücken, die Eselsohren und die struppigen Haare untermalen seinen dämonischen aber gleichwohl fröhlichen Charakter.
Der Baumstamm neben seinem linken Bein ist eine Zutat des Kopisten, ebenso die daran angebrachte Panflöte und der Hirtenstab, die aber beide bestens in den Kontext der Satyrn passen. Satyrn stellen eine mythische Urbevölkerung der ländlichen Gegenden Griechenlands dar. Einerseits verkörpern die wilden Wesen die Naturgewalten, wozu auch ihr aufbrausendes wildes Gemüt passt, andererseits verfügen sie über musikalische und tänzerische Fähigkeiten. So hat der Hirtengott Pan die nach ihm benannte Schilfflöte erfunden und der Satyr Marsyas hat das Spiel auf der Doppelflöte aulos derart gut beherrscht, dass er gar den Musengott Apoll persönlich zum Wettstreit herausgefordert hat. Zusammen mit Mänaden und sonstigen Naturgeistern, wie eben den Nymphen, gehörten die Satyrn zum fröhlich, bisweilen orgiastisch auftretenden Gefolge des Weingottes Dionysos. Dionysische Themen erfreuten sich besonders in der hellenistischen Kunst einer steigenden Beliebtheit. Die wohlhabenden römischen Gutsbesitzer verwendeten für den statutarischen Schmuck ihrer Villen, Gärten und Bäder gerne entsprechende Marmorkopien. Sie waren formvollendeter Ausdruck einer Verklärung der bäuerlichen Welt, die dem bürgerlichen Alltag effektvoll als idealisierte Wunschvorstellung entgegengestellt wurde. Die Leichtigkeit der Komposition und des Themas aber natürlich auch die erotische Konnotation stachelten den Reiz solcher Themen zusätzlich an.

Abb. 4: Münze von Kyzikos
Die Fundumstände der meisten Repliken, sowohl des Satyrn wie auch der Nymphe, sind nicht geklärt, es wurde sogar vermutet, dass die Skulpturen als Einzelwerke entstanden sind und nicht unbedingt eine Gruppe gebildet haben dürften. Umso grössere Bedeutung kommt neben der Münze aus Kyzikos den unlängst bekannt gemachten Statuenfunden zu, die in den Ruinen des im 1. Jh.n.Chr. erstellten Nymphäums des Laecanius Bassus in Ephesos gemacht wurden, und in denen auch ein Torso des tanzenden Satyrn neben dem der sitzenden Nymphe zum Vorschein gekommen waren, womit die Zugehörigkeit der beiden Stauten zu einer gemeinsamen Gruppe endgültig bestätigt worden ist. Auch die Deutung der „Mänade“ als Nymphe bekommt durch den Kontext des Nymphäums ihre Bestätigung.
Wie die Funde aus Ephesos und die Münze aus Kyzikos nahe legen, dürfte die Gruppe im Urbild in Kleinasien geschaffen worden sein. Aufgrund der Stilsprache kommt als Zeitpunkt der 3. Viertel des 2. Jhs. v. Chr. in Frage, eine Epoche, in welcher der hellenistische Osten auch zahlreiche andere, thematisch verwandte Werke hervorgebracht hat.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Wilhelm Klein, Zeitschrift für bildende Kunst 20, 1909, S. 101ff.
- Gioia De Luca, Der Satyr im Palazzo Corsini, Rom. Eine Replik der Gruppe „Aufforderung zum Tanz“, in: Antike Plastik XV (1975) 73ff.
- Brunhilde Sismondo Ridgway, Hellenistic Sculpture I (1990) 321ff.
- Adrian Stähli, in: Klaus Stemmer (Hg.), Standorte. Kontext und Funktion antiker Skulptur (Ausstellungskatalog der Abguss-Sammlung antiker Plastik Berlin, 1995) 419–421 Nr. D 15–17
- Peter Blome, Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig (Museumskatalog 1999) S. 34f. Abb. 35f.
- Wilfred Geominy, Zur Komposition der Gruppe „Aufforderung zum Tanz“, in: Hellenistische Gruppen. Gedenkschrift für Andreas Linfert (1999) 141–155
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
