Sammlung
„Skulptur des Monats“ April 2009
Zwei Pferdestatuen von der Athener Akropolis
Original
Datierung: Um 500/490 v. Chr.
Material: Parischer und pentelischer Marmor
Herkunft: Athen, Akropolis (1887 im Perserschutt ausgegraben: Akr. 697 östlich vom Parthenon, Akr. 700 östlich vom Erechtheion)
Standorte: Athen, Neues Akropolismuseum Inv. 697 und 700
Höhe: SH 61 (Akr. 697) = 87 cm; SH 422 (Akr. 700) = 112 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 24-20 / SH 63; 66-4 / SH 422
Hersteller: Nationale Gipsformerei Athen (SH 63); Abgussformerei der Staatlichen Skulpturensammlung Dresden (SH 422)
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Mit den archäologischen Funden, die im 19. Jh. seit dem Beginn der Ausgrabungen auf der Athener Akropolis gemacht wurden, kamen ungeahnte Schätze spätarchaischer Plastik ans Licht. Die Marmorwerke kamen in Mulden zum Vorschein, die im 5. Jh. v. Chr. angelegt wurden, um die Akropolis bei deren Wiederaufbau nach der Zerstörung durch die Perser im Jahre 480 v.Chr. zu planieren. Diesen klaren stratigraphischen Grabungsbefund bezeichnen die Archäologen als ‹Perserschutt›. Alle darin gemachten Funde müssen daher vor dem Persereinfall im Jahre 480 v. Chr., dem terminus ante quem, entstanden sein. Neben den vorherrschenden Korenstatuen kamen dabei auch einzelne Kourosfiguren sowie auch Reiter- und Pferdestatuen zum Vorschein. Reiterdarstellungen gehören neben den einfach dastehenden Knaben (kouroi) oder Mädchen (korai) zu den bedeutendsten Votivdenkmälern der archaischen Zeit.
Zwei solche archaischen Pferdestatuen sollen hier zusammen vorgestellt werden, auch wenn sie ursprünglich nicht zusammengehört haben und das eine Pferd einen Reiter trug, das andere jedoch keinen. Sie sind aber in Grösse und Stil so sehr verwandt, dass wir sie beide auf einem gemeinsamen Objektblatt besprechen möchten.
Bei Akr. 700 haben sich der Grossteil des Pferdes und die Reste seines Reiters erhalten, beim Fragment 697 der Vorderteil des Tieres. Das Pferd 697 berührte den Boden mit allen seinen Hufen, wobei das rechte Bein vorangestellt ist und im Zuge einer dezenten Vorwärtsbewegung mit dem Huf auf der Bodenplatte erst ansetzt. Die Stütze unter dem Bauch ist modern, steht aber an der Stelle der ursprünglichen achteckigen Stütze. Von der hinteren
Abb. 01: Gipsabguss des Pferdes Akr. 700.Körperpartie zeugt nur noch der linke hintere Huf, der sich an der Plinthe erhalten hat; diese ist bis auf die hintere rechte Ecke, wo der andere hintere Huf aufgelegen haben muss, intakt erhalten.
Vom Pferd Akr. 700 können wir den ganzen Rumpf überblicken. Hingegen fehlen bis auf das linke vordere Bein die drei anderen sowie die vordere Partie des Kopfes mit der Nase und den Lippen. Die drei Stützen anstelle der Beine sind lieblose Zutaten des Abgussateliers, die Bauchstütze hingegen ahmt die ursprüngliche Mittelstütze nach. Das erkennbare Geschlecht weist das Pferd als Hengst aus. Vom aufgesessenen Reiter haben sich nur Teile der nackten Beine, sein Geschlecht und die linke Hand erhalten. Dieser sass also bis auf die Sandalen unbekleidet auf dem Pferd. Von den Schuhen ist nur die Sohle in Marmor ausgearbeitet, da die Riemen ursprünglich mit Farbe angedeutet waren. Aus dem Erhaltenen der beiden Pferdekörper ist klar ersichtlich, dass die beiden Tiere nach den identischen Grössen- und Proportionsverhältnissen und im Bezug auf Bewegung und Schrittmotiv nach dem gleichen Kompositionsschema aufgebaut sind, wobei allerdings die Komposition spiegelbildlich vertauscht ist: Das Pferd 697 setzt sein rechtes Bein nach vorne und wendet den Kopf zur Rechten, das Pferd 700 hingen stellt sein linkes Bein vorwärts und blickt entsprechend zu dieser Seite hin.

Abb. 02: Gipsabguss des Pferdes Akr. 697.
Beide Pferdedarstellungen beeindrucken durch ihre lebensnahe, natürliche Charakterisierung. Stilisiert wirken einzig die Haarmähnen, die zu einem steifen Kamm „verfestigt“ sind. Die Lebendigkeit und Frische der Darstellung wird durch die Kopfwendung akzentuiert. In den Tierdarstellungen waren die spätarchaischen Bildhauer offensichtlich etwas ungebundener als bei den menschlichen Figuren, die in dieser Zeit noch streng und unbewegt dastehen und bei denen die verbindlichen axialsymmetrischen Vorgaben offenbar strenger wogen als bei den zeitgleichen, freieren Tierdarstellungen.
Die Wendung der Köpfe zur einen Seite hin rührt womöglich auch daher, dass mitunter solche Pferde- bzw. Reiterstatuen bei ihrer ursprünglichen Aufstellung paarweise angeordnet waren. Bei der wohl bekanntesten und gleichzeitig auch frühesten Reiterstatue aus der Akropolis, dem um 560/50 v.Chr. entstandenen ‹Reiter Rampin› (Kopf im Louvre, ehemals Sammlung Rampin; dazugehöriger Torso und Pferdehals im Akropolismuseum), nimmt man aufgrund von weiteren Fragmentfunden jedenfalls eine Gruppenanordnung zweier Reiter an, die als Pendants jeweils im Gegensinn zueinander komponiert waren, so dass die Reiter nach aussen blickten, während die Köpfe der Pferde einander zugewandt waren.

Abb. 03: Der sogenannte ‹Reiter Rampin›, Athen, Akropolismuseum, mit dem Abguss des Kopfes ‹Rampin› in Paris. Um 560/50 v. Chr.
Unsere Pferde haben ursprünglich sicher nicht – wie oben schon gesagt – eine gemeinsame Gruppe gebildet, da einer einen Reiter, der andere keinen aufweist. Ausserdem verraten leichte stilistische Unterschiede, wie etwa im Detail der Augenausarbeitung, nicht nur zwei verschiedene Künstlerhände, sondern auch leicht voneinander entfernte Entstehungszeiten. Der Reiter Akr. 700 dürfte um die Wende des 6. zum 5. Jh.v.Chr. entstanden sein, der andere rund 10 Jahre später. Beide aber weisen mit den fliessenden Körperpartien auf den Übergang der Archaik zur Klassik hin. Sie gehören zu den spätesten ‹Perserschutt›-Funden.
Auch wenn schon erwogen wurde, ob die archaischen Reiter nicht Götter dargestellt haben könnten, etwa die Dioskuren, darf man hinter den Pferde- und Reiterstatuen in der Regel eher feudale Auftraggeben vermuten, die mit ihren Stiftungen nicht zuletzt auch ihren persönlichen gesellschaftlichen Status vorführen wollen, waren doch Besitz von Pferden und damit die Befähigung, im attischen Heer den hoch angesehenen Reiterdienst zu verrichten, nur den oberen Bevölkerungsschichten vorbehalten. Dabei dürfte nicht nur Akr. 700, auf dem einst ein Reiter aufsass, sondern auch das Pferd Akr. 697 Weihungen eines attischen Ritters an die Burggöttin Athena gewesen sein.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Hans Schrader, Archaische Marmorbildwerke der Akropolis (1939) S. 229–231 Nr. 314, S.240–242 Nr. 320, Taf. 140–141, 147–150
- Walter Hege – Gerhart Rodenwaldt, Die Akropolis (1930), S. 12 Abb. 13
- Maria Brouskari, Musée de l’Acropole. Catalogue descriptif (1974) S. 66f. Nr. 700, Abb. 113 ; S. 140f. Nr. 697, Abb. 249
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
