Sammlung

«Skulptur des Monats» August 2009
Die sogenannte «Florentiner Niobidengruppe»

Original

Datierung: Römische Kopien, wohl nach einer grie­chischen Gruppe aus der Zeit um 330/20 v. Chr.
Material: Marmor
Herkunft: SH 208–210 und 212: 1853 in Rom bei der Lateranbasilika gefunden; SH 211 (sogenannte «Niobide Chiaramonti»): Tivoli; SH 213: wohl Rom.
Standorte: SH 208–210 und 212: Florenz, Uffizien; SH 211: Rom, Vatikanische Museen («Niobide Chiaramonti»); SH 213: Oxford, Ashmo­lean Museum (Niobekopf).
Höhe: 228 cm (Niobe mit Tochter); 174 cm («Niobide Chiaramonti»); 36 cm (Knabenbüste); 50–55 cm (Frauenbüsten).

Abguss

Inv.-Nr.: 1882-4/SH 208; 1850-7/SH 209, 1850-5/SH 210; 1887-4/SH 211; 1850-6/SH 212; 14-7/ SH 213.
Herkunft: SH 209f. und SH 212 wohl aus dem Römer Nachlass des Malers Anton Raphael Mengs 1780 in den Besitz von Johann Rudolf Burckhardt gelangt, von dort 1813 in die öffentliche Zeichen­schule und 1850 in die erste Abguss-Sammlung des Alten Museums an der Augustinergasse (spätere Skulp­turhalle); SH 208 im Jahre 1882, SH 211 im Jahre 1887 und SH 213 im Jahre 1914 ange­kauft.
Material: jeweils Gips

Werkbetrachtung

Im Frühling des Jahres 1583 wurden auf einem Weingut in der Nähe von San Giovanni in Laterano in Rom nebst anderen Skulpturen auch zehn fragmentierte Marmor­statuen aufgefunden, von denen sich herausstellen sollte, dass sie zu einer und derselben statuarischen Gruppe gehörten. Am 25. Juni des gleichen Jahres erwarb Kardinal Ferdinando de Medici alle Statuen. Sie wurden restauriert und dabei auch gleich noch abge­formt; die so entstande­nen Gipsabgüsse wurden nach Florenz überführt. Die antiken Statuen selbst blieben vorerst in Rom, wo sie im Garten der Villa Medici frei aufgestellt waren. 1769/70 wurden die Niobiden nach Florenz überführt und abermals ergänzt. 1781 bezog die Gruppe einen eigens hergerichteten Saal in den Uffi­zien.

Abb. 1: Niobide mit Kind (SH 208) in der Skulpturhalle
Abb. 1: Niobide mit Kind (SH 208) in der Skulpturhalle

Die Gruppe erfreute sich gleich nach ihrer Auffindung einer großer Beliebtheit; das lag nicht so sehr an der bildhauerischen Arbeit als vielmehr am Thema: Die Gruppe zeigt die grausame Bestrafung der Niobe, einer Tochter des Tantalos, für ihre Überheblichkeit: Niobe hatte je 7 Knaben und Mädchen (gemäß anderen Sagenversionen auch mal je 6, 9 oder gar je 10 Söhne und Töchter). Mit ihrem Kinderreichtum prahlte sie sogar vor der Göttin Leto. Diese hatte «nur» zwei Kinder, Apollon und Artemis, und fühlte sich deshalb gekränkt. Um ihre Mutter zu rächen, haben Apollon und Artemis alle Söhne und Töchter der Niobe mit ihren Pfeilen nie­dergestreckt. Diese Bestra­fung ist in ihrer Masslosigkeit ein Sinnbild für göttliches Walten, das über alles Begreifen geht, aber auch ein Mahnmal gegen menschliche Hybris.

Die Florentiner Gruppe zeigt nicht die strafenden Göt­ter, sondern beschränkt sich allein auf die Darstellung der Opfer, indem sie das Leid der Kinder und die Ver­zweiflung der Mutter betont. Einige Niobiden versuchen noch wegzurennen, andere sind bereits getroffen, fal­len zu Boden, oder liegen tot am Boden. Zu den 10 erhaltenen Figuren zählt auch ein älterer bärtiger Mann, der ebenfalls dem Morden entsetzt zusehen muss; es ist dies nicht der Vater, sondern der Lehrer der Kinder. Insgesamt musste die Gruppe also mindestens 16 Figuren umfasst haben: 14 nach ihren Altersstufen differenzierte Kinder, die Mutter sowie den Pädagogen. Mindestens in einem Fall bilden zwei Figuren eine ver­schlungene Zweiergruppe, nämlich die Mutter und die jüngste Tochter (unsere SH 208). Das in die Knie gesun­kene kleine Mädchen klammert sich an den Schoss ihrer Mutter, die mit dem angehobenen linken Arm und ihrem Mantel vergeblich wenigstens noch diese eine Tochter vor den tödlichen Pfeilen zu schützen versucht; mit aufgerissenen Augen blickt sie flehend zum Gegner empor. Im Gesichtsausdruck ist aber auch schon tiefe Verzweiflung herauszulesen. An dieser einen Komposi­tion wird ersichtlich, wie kunstvoll der entwerfende Künstler die Figuren aufeinander bezog und mit wel­chem Kon­trastreichtum er die Gewandpar­tien von den blossen Körperstellen abhob. Die Falten sind tief durch­furcht und in ihren Bewegungsströmen variiert. Beim Mäd­chen wirkt das Untergewand derart dünn, dass der Rücken fast wie nackt erscheint, kräftig sind hingegen die Mantelfalten ausgeführt. Bei aller Akribie der Falten­spiele und der Stilsprache wirkt die handwerkliche Ausführung der Floren­tiner Gruppe gleichwohl etwas trocken und flach, das liegt daran, dass diese Statuen eher bescheidene römi­sche Wie­derholungen einer früheren originalen griechi­schen Gruppe sind. Über insgesamt 30 weitere römi­sche Repli­ken belegen, dass die ursprüngliche Origi­nalgruppe in Rom gut bekannt war. Dass die Florentiner Repliken stilistisch eher bescheiden sind, wird bei der Gegen­überstellung der Florentiner Kopie der zweitältes­ten Niobide mit einer besseren Kopie derselben Vor­lage ersichtlich: der im Vatikan aufbewahrten sogenannten «Nio­bide Chiaramonti» (unsere SH 211). Die Ausführung der Falten ist von ungleich grösserer plastischer Wucht. Gleichwohl spürt man unter dem derart schwer und massig wirken­den Stoff die Konturen des feinen Mädchenkörpers; Brüste und Beine formen sich elegant unter dem Gewand ab. Die «Niobide Chiaramonti» ist leider ohne Kopf erhalten, an unserem Abguss wurde sie jedoch mit einem Kopf ergänzt, der nach der Florentiner Replik (von ihr haben wir in Basel dank der Büste SH 212 einen Teilabguss) nachgeformt wurde.

Abb. 2: Zwei Niobiden-Büsten (links: H 212, rechts: SH 210) in der SkulpturhalleAbb. 2: Zwei Niobiden-Büsten (links: H 212, rechts: SH 210) in der Skulpturhalle

Das Thema der Bestrafung der Niobe war in der antiken Kunst in allen Gattungen sehr beliebt. Teile einer grie­chischen Marmorgruppe aus dem mittleren 5. Jh. v. Chr. sind in den Horti Sallustiani in Rom zu Vorschein gekommen (unsere SH 144, 591–593; die Werke befin­den sich heute im Thermenmuseum und in der Ny Carlsberg Glyptothek).

Die originalen Vorlagen der Florentiner Niobiden dürf­ten aufgrund stilistischer und motivischer Beurteilung im späten 4. Jh. v. Chr. entstanden sein. Zu dieser Datierung passt die Notiz des Pli­nius, der im 1. Jh.n.Chr. in seiner Naturkunde (nat. hist., XXXVI,28) eine griechische Niobidengruppe im Tempel des Apollon Sosianus in Rom erwähnt, von der er aber nicht mehr wusste, ob es sich um eine Schöpfung des Bildhauers Praxiteles oder des Skopas handelte («… zweifelhaft ist es, ob Skopas oder Praxiteles die ster­benden Kinder der Niobe im Tempel des sosianischen Apollo geschaffen hat.»). Bei neueren Grabungen vor dem Tempel kamen zwar tat­sächlich Reste einer griechi­schen Giebelgruppe zu Vorschein, diese stammen aber bereits aus dem 5. Jh. v. Chr. und stellen erst noch eine Amazonomachie dar. Die Niob­idengruppe musste sich also im Tempelin­neren befun­den haben; genauso wie eine Musen­gruppe des Bildhauers Phi­liskos, deren Aufstel­lung im Tempel ebenfalls schriftlich bezeugt ist. Der Apollo Sosianus-Tempel war also ein regelrechtes Museum, in dem bedeutende Kunstwerke, die vermut­lich in augusteischer Zeit aus Griechenland verschleppt wor­den waren, aufgestellt wurden. Die Fachwelt neigt heute mehrheitlich dazu, die origi­nale Vorlage der Florentiner Niobiden dem Skopas zuzuweisen, auch wenn einzelne Forscher diese in den späten Hellenismus versetzen und nicht mit der von Plinius überlieferten griechischen Gruppe im Sosianus-Tempel in Verbindung sehen wollen.

Auch über die ursprüngliche Anordnung der Niobiden herrschen verschiedene Ansichten. Einzelne Stimmen vermuten eine lose Aufstellung der Figuren im Freien, andere befürworteten eine straffere Nebeneinander­reihung in einem Giebel. Tatsächlich ist die abgestufte Höhe der Köpfe, von der Figur des liegenden Toten über die niederfallenden Niobiden bis hin zur grössten Figur (der Niobe), ein Argument für eine Anordnung in einem Dreiecksgiebel. Die felsartige Ausarbeitung der Plinthen legt aber eher eine räumlich lose Gruppierung, etwa in einem Garten, nahe. Auch sind sonst keine Fälle bekannt, dass Statuen aus einem griechischen Tem­pelgiebel von den Römern kopiert worden wären. Und schliesslich stand die von Plinius erwähnte Nio­begruppe nicht im Giebel des Apollontempels, son­dern musste Innen gruppiert gewesen sein. Leider haben sich von der originalen Gruppe keine Frag­mente erhal­ten, sie mussten im Laufe der Kaiserzeit wohl wieder aus dem Tempel entfernt worden sein, aber immerhin haben römische Kopistenwerkstätten vorher mehrere Repli­kenreihen hergestellt, von denen sich die in Florenz befindlichen Kopien am besten erhal­ten haben.

Wie erwähnt, wurden von diesen bereits 1588, also gleich nach deren Auffindung, Abgüsse hergestellt – ein kompletter Satz stand in den Uffizien solange, bis die Gipse von den Originalen ersetzt wurden. Zahlreiche weitere Abgüsse wurden auch in nachfolgenden Jahr­hunderten vertrieben, oft auch nur Teilabgüsse der Büs­ten. Die derart leicht zugänglichen Niobiden wurden auch in Marmor kopiert: Der Niobekopf in Oxford (SH 213) ist wahrscheinlich eine solche moderne Kopie; der frühere Besitzer, der Sammler Arundel, dürfte sie im frü­hen 17. Jh. in Rom erworben haben.

Tomas Lochman

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