Sammlung

„Skulptur des Monats“ September 2009
Der Eros von Mahdia

Original

Datierung: Um 130/20 v. Chr.
Material: Bronze
Herkunft: Aus dem 1907 entdeckten Schiffswrack vor der Küste bei Mahdia (Tunesien)
Standorte: Tunis, Museum Bardo, Inv. F 106
Höhe: 140 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 65-49 / SH 733
Herkunft: Tunis, Bardo
Material: Gips, bronziert

Werkbetrachtung

Die bronzene Statue des nackten geflügelten Knaben gehörte zur Fracht eines römischen Transportschiffes, das im Meer vor dem Kap Afrika gesunken ist. Entdeckt wurde das Wrack im Jahre 1907 von griechischen Schwammtauchern 5 km vor der Küste der modernen tunesischen Stadt Mahdia. Nach mehreren Bergungs­kampagnen in den Jahren 1908 bis 1913 sind fast alle Funde geborgen und ins Museum Alaoui (heute Bardo) der tunesischen Hauptstadt überführt worden. Weitere Unterwasserforschungen fanden in den Jahren 1948 und 1954–1955 statt; diese förderten aber nur noch wenige nennenswerte Funde ans Land. Die kostbare und reichhaltige Ladung des Schiffes setzte sich aus zwei Grossbronzen, zahlreichen kleineren Bronzefiguren, -geräten und Möbelbeschlägen, sowie aus Statuen, Säulen, Kandelabern und Krateren aus Marmor zusam-men – insgesamt mehr als 150 Kunstobjekte. Die stilisti­sche und formale Beurteilung aller Funde, die zum gröss­ten Teil aus dem letzten Viertel des 2. Jhs. v. Chr. stammt, sowie die Analyse der Gebrauchskeramik wie der Amphoren (die nicht zur Fracht gehörten, sondern der Verpflegung der Mannschaft dienten) ergab, dass das Schiff in den Jahren um 80/70 v.Chr. gesunken sein muss. Ausserdem ergab die neuere Auswertung der Funde, dass das Schiff auf seine letzte Reise vom Athe­ner Piräus-Hafen aus aufgebrochen sein muss, weil die über 60 Säulen alle aus pentelischem Marmor bestehen und in einer athenischen Werkstatt gearbeitet sein mussten. Ziel der Fahrt muss Italien gewesen sein. Den Bestimmungsort hat der Transport jedoch nie erreicht, weil das schwer beladene Schiff offenbar vom Kurs abgekommen ist – sicherlich infolge lang anhaltender Stürme – bis es schliesslich vor der nordafrikanischen Küste gesunken ist. Die heterogene Zusammensetzung der Fracht, die sich einerseits aus Kunstwerken anderer­seits aus zum Teil nur roh zugearbeiteten Säulen zusammensetzte, erweckt den Eindruck, dass die Fracht in Athen eher zufällig zusammengerafft wurde: wohl im Zuge der anarchischen Zustände, die der Eroberung und Plünderung Athens durch Sulla im Jahre 86 v.Chr. folgten.

Wie bei allen ähnlich gelagerten Schiffsuntergängen erweist sich das Unglück der antiken Schiffseigner und der Besatzung als Glücksfall für die moderne Unterwas­ser­archäologie. Denn durch das Absinken auf den Mee­resgrund blieb die Fracht für zwei Jahrtausende vor weiteren zerstörerischen Zugriffen geschützt, sieht man von Korrosionen der Bronzen und der stellenweisen Oberflächenaufrauung der Marmorwerke ab.

Das Prunkstück der Ladung des Mahdia-Schiffes stellt zweifelsfrei die Bronzestatue des geflügelten Jünglings dar, die wir hier gesondert vorstellen möchten.

Abb. 1: Der Eros von Mahdia in der Skulpturhalle Basel
Abb. 1: Der Eros von Mahdia in der Skulpturhalle Basel

Der Knabe steht aufrecht da, das Körpergewicht auf das linke Bein verlagert, das andere nach hinten gestellt. Der Fuss des Spielbeins ruht mit der Spitze auf einem Klotz auf – dies allerdings nur auf unserem Abguss, der die alte, falsch ergänzte Montageposition des Originals wiedergibt: Die Originalstatue in Tunis, die mittlerweile neu montiert wurde, kommt nunmehr ohne den Klotz aus, denn der Höhenunterschied zwischen dem rechten und linken Fuss beruhte auf der zu lang geratenen Ergänzung des verlorenen linken Ober­schenkels.

Mit seiner rechten Hand greift der Knabe zur Stirn; er scheint sich den Olivenkranz, der auf dem Kopf ruht, eben aufgesetzt zu haben. Der andere Arm ist gesenkt, wobei die Hand aber gleichwohl etwas angehoben und nach vorn geführt ist; aufgrund der Haltung der Finger und den sichtbaren Resten zweier „Stäbe“ dürfte der Jüngling einen Bogen (von dessen Schaft noch der dickere Stabrest herrührt) sowie einen Pfeil (auf den der dünnere Stab hinweist) gehalten haben, sicherlich aber nicht– wie früher übereinstimmend postuliert wurde – einen Palmzweig. Der kurzbelockte Kopf ist zur rechten Seite gewendet. Die offenen Augenhöhlen rühren daher, dass die ursprünglich wohl in Glas eingelegten Augäpfel verloren gegangen sind, genauso wie der Gegenstand in der Linken. Das Haar ist in grossteilige Locken untergliedert und am Hinterkopf zu einem fei­nen Zöpfchen zusammengeflochten. Der Jüngling ist bei einer Körpergrösse von rund 140 cm für einen Kna­ben deutlich zu gross. Das kindliche Alter unterstreichen aber die rundlichen Kopfformen und die fehlenden Schamhaare. Gleichwohl ist die Rumpfmuskulatur bereits angegeben, wenn auch noch dezent. Von sei­nen Schultern wachsen zwei kleine Flügel hervor; sie sind nicht ausgebreitet, sondern nach hinten gestellt. Eine leichte Vorwärtsneigung des Körpers gleicht die rückwärtige Ausladung der Flügel aus, wobei sich der nach hinten gestellte Spielbeinfuss und die Flügel in der Tiefenwirkung formal entsprechen.

Die zweite Grossbronze, die im Mahdia-Wrack zum Vor­schein gekommen ist, stellt eine bronzene Herme mit Dionysoskopf dar, die die Signatur des Bildhauers Boëthos aus Kalchedon trägt. Fast einhellig wurde diese Herme mit dem Bron­zeknaben in Verbindung gebracht: Die Archäologen platzierten die Herme unter den rechten Ellbogen, so als ob sich der Jüngling auf der Herme aufstützen würde. Diese Gruppenbildung basiert jedoch auf kei­nen schlüssigen Beobachtungen. Im Gegenteil, die unter­schiedliche Beschaffenheit der beiden Bronzeteile ver­bietet eine Zusammenführung beider Elemente zu einer Gruppe; damit ist die Zuwei­sung des geflügelten Jüng­lings an den Künstler Boëthos hinfällig. Eine weitere irreführende opinio communis setzte sich in der Deu­tungsfrage durch: Durch die vor­geschlagene Ergän­zung eines Palmzweigs in der Linken wurde der Knabe als Personifikation des Wettkampfes (agon) gedeutet. Durch die wesentlich plausiblere Ergänzung eines Pfeils und Bogens ist unsere Figur aber vielmehr ein Eros, was schon aufgrund der Beliebtheit des Themas allein nahe liegender ist, während Darstel­lungen eines Agons in der Grossplastik äusserst selten sind.

In der Plastik des Hellenismus wurden Erosdarstellungen beständig variiert. Als besonders vorbildlich galten pra­xitelische und lysippische Statuentypen. Auch der Eros von Mahdia scheint auf eine solche Variation zurück­zugehen, wobei zusätzliche Einflüsse von neueren Kunstströmungen festzustellen sind. Solches eklektische Vorgehen der Bildhauer ist besonders typisch für die 2. Hälfte des 2. Jhs.v.Chr.

Abb. 2: Früherer Rekonstruktionsversuch: „Agon“ und Herme
Abb. 2: Früherer Rekonstruktionsversuch: „Agon“ und Herme

Früher war die zeitliche Einordnung des „Agons“ umstrit­ten, obwohl der Knabe durch den Befund chronolo­gisch fixiert sein schien. Teminus antequem für die Datierung bildete der Schiffsuntergang, wobei auch diese früher schwankte, so dass die Datierungsvor­schläge von der 1. Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. bis zum frü­hen 1. Jh. v. Chr. reichten. Heute wird – nach neuesten interdisziplinären Untersuchungen – eine Datierung des Eros übereinstimmend an den Anfang des letzten Vier­tels des 2. Jhs.v.Chr. vorgeschlagen, was nicht nur zur Datierung der meisten anderen Funde aus dem Schiffswrack sondern auch zur stilistisch-formalen Ent­wicklung der hellenistischen Plastik in Griechenland und Kleinasien gut passt.

Das Aktionale der Komposition beschränkt sich nur auf den Siegesgestus und nicht auf den nur attributiv gehaltenen Pfeil und Bogen; es wäre somit eher ver­fehlt, unseren Eros als Sieger in einem Wettkampf mit Pfeil und Bogen zu deuten. Man muss den Siegesgestus eher allgemein auffassen und den Eros als siegreichen, machtvollen Liebesgott verstehen. Somit wäre eine frühere Aufstellung der Staute in einem privaten Ambi­ente oder Heiligtum wahrscheinlicher als in einer Palästra.

Tomas Lochman

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