Sammlung
„Skulptur des Monats“ Oktober 2009
Ionische Ecksäule und weiterer Architekturschmuck vom Erechtheion
Original
Datierung: ca. 409–406 v. Chr.
Material: Pentelischer Marmor
Herkunft: Erechtheion auf der Athener Akropolis
Standorte: London, British Museum 408
Höhe (der ganzen Säule mit Basis und Kapitell): 659 cm
Abgüsse
Inv.-Nr.: 84-15 bis 84-21
Hersteller: British Museum London
Material: Gips
Werkbetrachtung
Seit kurzem steht ein Abguss der sechsteiligen rechten Ecksäule von der Ostfront des Erechtheions in vollständiger Aufrichtung in der Skulpturhalle. Es ist dies der Abguss jener Säule, die der britische Botschafter in Konstantinopel, Lord Elgin, in den ersten Jahren des 19. Jhs. nach Einverständnis der osmanischen Verwaltung vom Bau herauslösen liess, um sie nach England zu überführen – zusammen mit einer der sechs Karyatiden von der Korenhalle (siehe unsere SH 153), diversen Ornamentteilen sowie all der Bauplastik vom Parthenon, die unter dem Begriff ‹Elgin marbles› berühmt geworden sind. Seit 1816 befinden sich die ‹marbles› im British Museum. Am Erechtheion stehen seit jüngerer Zeit anstelle der originalen Karyatide und der Säule Kopien.
Das Erechtheion entstand im Zuge des Wiederaufbaus der 480 v. Chr. von den Persern zerstörten Akropolis. Nachdem zunächst der Parthenon und danach die Propyläen mit dem Niketempel erbaut worden waren, wurde der Bau 421 v. Chr. begonnen und nach einer kriegsbedingten Unterbrechung in den Jahren 409–406 v. Chr. fertig gestellt. Der Bau ist ein eigenwilliges Konglomerat aus vier verschiedenen Gebäudeteilen, dessen Komplexität sich aus dem Gelände und den kultischen Merkmalen ergibt, auf die dieser Bau Bezug nimmt. Er ist also kein ‹klassischer› Tempel in der Art eines Peripteros, d.h. eines symmetrischen Baus mit umlaufender Säulenhalle. – Gleichwohl darf der Bau als Tempel bezeichnet werden, mehr noch als der Parthenon, da im Erechtheion im Gegensatz zum letzteren wichtige Kulthandlungen stattfanden.
Die Bezeichnung ‹Erechtheion› (= Stätte des Erechtheus) stammt aus römischer Zeit und bezieht sich auf Erechtheus, den mythischen Ur-König von Athen. Diese Benennung passt jedoch nur bedingt, da im Erechtheion auch Athena, Poseidon, der Erechtheion-Sohn Kekrops, sowie zahlreiche weitere attische Gottheiten verehrt wurden. Der zentrale, nach Osten ausgerichtete Hauptbau war der Athene Polias (‹Stadtwächterin›) geweiht, in dessen Innerem das hölzerne, angeblich vom Himmel gefallene Kultbild der Göttin aufbewahrt wurde. Die Nordhalle, das Pandroseion (nach einer weiteren athenischen Gottheit, der Tauschwester Pandrosos, benannt), markiert den Ort des mythischen Grabs des Erechtheus, liegt aber gleichzeitig auch über der Felsstelle mit dem Dreizackmal Poseidons, aus dem eine salzige Quelle spross. Diese ist von einem Brunnenbassin eingefasst, dem im Dach eine Aussparung entspricht, so als sei der Dreizack des Gottes gerade eben durch die Decke bis in den Bogen gefahren. In der südlichen Korenhalle schliesslich (nach den Mädchenfiguren benannt, die anstelle von Säulen das Gebälk auf ihren Köpfen tragen), verehrten die Athener das Grab des Kekrops.

Abb. 1: Die Erechtheion-Säule in der Skulpturhalle.
Im frühen Mittelalter wurde das Erechtheion zur Kirche umfunktioniert und im 15. Jh. liess der türkische Festungskommandant (Disdar Agar) eine Umwandlung in ein Wohnhaus und Harem folgen. Dabei wurden in der Nordhalle zwischen den Säulen Wände hochgezogen.
Erforscht wurde das Erechtheion, wie auch die anderen bedeutenden Akropolisruinen, seit der Mitte des 18. Jhs. Einer der Auslöser für das stetig steigende Interesse waren die Vermessungen und Bauaufnahmen der britischen Maler und Architekten Nicholas Revett und James Stuart, die im Auftrag der Londoner Society of Dilettanti von 1751 bis 1754 in Athen antike Monumente dokumentierten und vermassen. Die reiche Stichsammlung erschien unter dem Titel The Antiquities of Athens erst zwischen 1762 bis 1816 in insgesamt vier Bändern (die letzten bereits postum). Das ermöglichte dem Franzosen Julien-David LeRoy, der in Konkurrenz zu den Engländern 1754 ebenfalls nach Athen aufgebrochen war, um seinerseits die antiken Ruinen zu dokumentieren, sein Werk Les ruines de plus beaux monuments de la Grèce (Paris 1758) früher herauszugeben. In beiden Publikationsreihen sind Ansichten des damaligen Zustandes der antiken Bauwerke mit präzisen Schnitten und Aufrissen vereint, sodass man diese frühen Forscher, die die Bauten unter eher ungünstigen Bedingungen während der osmanischen Besatzungszeit aufgenommen hatten, auch als eigentliche Archäologiepioniere ansehen darf.
Seit seiner „Wiederentdeckung“ gilt das Erechtheion trotz seiner komplexen, ungewöhnlichen Bauform als jener griechische Tempel, der die ionische Ordnung am reinsten verkörpert. Das liegt am überaus kunstvollen Bauschmuck. Dieser umfasst an der Nord-, Ost- und Westseite ionische Säulen, in der kleinen Südhalle die Karyatiden sowie einen umlaufenden Palmettenfries am Zentralbau, verzierte Architrave, Geisonblöcke und Antenkapitelle, reich verzierte Türgewände sowie kunstvolle Kassetten. Zum Schmuck gehörte auch ein leider nur bruchstückhaft überlieferter Figurenfries, der oben alle Seiten des Kernbaus und zusätzlich die Nordhalle umzog. Die Relieffiguren wurden einzeln gemeisselt und als Halbrelief auf den Friesgrund aus dunklem Stein appliziert. Die hohen Ornamentstreifen am oberen Cellawandabschluss haben dank der prachtvollen plastischen Verzierung und der fast mathematischen Präzision aller einzelnen Formen immer wieder Staunen und Bewunderung erregt: zuunterst breitet sich eine hohe Ranke mit Palmetten und Lotosblüten aus, darüber folgt ein feiner Perlstab, dann ein Eierstabornament, schliesslich erneut ein Perlstab und endlich ein lesbisches Kymation (siehe unsere Probe SH 143).
Die Säule SH 141 stammt wie gesagt von der rechten (bzw. nördlichen) Ecke der Ostfront. Sie misst in voller Höhe (mit Basis und Kapitell) 6,59 m und gehört mit ihrem auffällig kleinen Durchmesser (0,69 m am unteren Ende) zu den schlanksten ihrer Art. Das Verhältnis der Durchmesser zur Höhe beträgt bei ihr also 1:9,5, während die Idealproportion, die der römische Architekt Vitruv (De architectura, Buch IV) für eine ionische Säule angibt, bei 1:8 liegt. Eine vom blossen Auge kaum erkennbare leichte Schwellung verleiht der Säule eine zusätzliche Leichtigkeit. Bemerkenswert ist ihre feine Ornamentik. Ungewöhnlich sind bereits die Säulenbasen, die normalerweise nur profiliert sind, hier aber in ihrem oberen Teil mit einem Flechtband umzogen sind. Am Hals der Säule befindet sich ein Band mit plastischem Lotospalmettenmuster, das von Perlstäben (Astragalen) eingerahmt wird. Darüber folgt als oberer Abschluss ein Eierstab (ionisches Kyma). Das Kapitell umfasst ein rundes Auflager (Echinus) mit Flechtmuster, über das das Volutenpolster gelegt ist. Die Deckplatte (Abakus) ist wiederum mit einem Eierstab versehen. Da es sich um eine Ecksäule handelt, ist die äussere Volute diagonal herausgebogen und das Volutenpolster an der inneren Ecke rechtwinklig verschnitten. Die Maschen des Geflechtes waren am Erechtheion mit bunten Glasperlen eingelegt und das Auge der Spiralen mit vergoldeten Rosetten verziert. Die prächtigen Kapitelle des Erechtheion wurden derart bewundert, dass sie in späterer Zeit nachgeahmt wurden: Als um 25 v. Chr. vor der Ostfront des Parthenon der Roma- und Augustus-Tempel erbaut wurde, haben die römischen Baumeister für dessen Säulen die Erechtheionkapitelle kopiert und dabei auch die eingelegten Schmuckteile der Volutenrosetten direkt in Marmor ausgeführt. Ein Beispiel befindet sich in unserer Sammlung (SH 141a).

Abb. 2: Auf der Grundrisszeichnung sind jene Stellen markiert, aus denen die Dekorelemente, von denen in der Skulpturhalle eigene Abgüsse ausgestellt sind, herstammen:
Südhalle: ·A· = Karyatide (SH 153)
Zentraltempel, Ostfront: ·B· = Säule (SH 141); ·C· = Ornamentfries
Nordhalle: ·F·, ·G· = Konsole und Gesimsprobe von der Portalbekrönung (SH 142); ·J· = Antenkapitell (SH 143)
Die Dokumentation des Erechtheions in der Publikation von Stuart und Revett sowie von LeRoy beeinflusste die Architekten des späten 18. und früheren 19. Jhs. nachhaltig. Dessen ionische Säulenordnung und Ornamentstil inspirierten in England und Amerika zahlreiche Architekten zur Nachahmung. Kein Wunder, dass auch Gips-abgüsse von Dekorproben weite Verbreitung fanden, zumal ja von den ins British Museum überführten Teilen leicht Abgüsse hergestellt werden konnten. Aber auch von dem am Bau befindlichen Ornamentpartien wur-den schon früh Proben abgegossen und vertrieben: die beiden Muster vom Cellaabschluss (SH 143) und der Nordportalbekrönung (SH 142) gehören zu den frühesten Stücken der Skulpturhallensammlung.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- James M. Paton (Hg.), The Erechtheum. Measured, drawn, and restored by Gorham Phillips Stevens (1927)
- Charles Picard, L’Acropole, Bd. 2 (1929–1931), S. 17–49
- Walter Hege – Gerhart Rodenwaldt, Die Akropolis (2. Aufl. 1935), S. 51–54 Taf. 78–104
- Lambert Schneider – Christoph Höcker, Die Akropolis von Athen. Eine Kunst- und Kulturgeschichte (2001)
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
