Sammlung

„Skulptur des Monats“ November 2009
Der „Kasseler Apoll“

Original

Datierung: Römische Marmorkopie aus der Zeit um 120/30 n. Chr. nach einer Bronzestatue des Phidias (?), um 460/50 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Wahrscheinlich 1721 in einer römischen Villa am Lago di Sabaudia gefunden.
Herkunft: Zunächst in Sammlung Conti Rom, 1776/77 vom Landgraf Friedrich II. in Rom erworben.
Standorte: Staatliche Museen Kassel, Antikensammlung, Inv. Sk 3
Höhe: 197 cm

Abgüsse

Inv.-Nr.: 63-22 / SH 537
Hersteller: Staatliche Gipsformerei Berlin
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Als „Kasseler Apoll“ wird eine fast vollständig erhaltene antike Statue auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel bezeichnet. Sie ist eine römische Kopie einer verlorenen griechischen Bronzestatue aus der Zeit um 460/50 v. Chr. Der Gott steht in vollständiger Nacktheit da, das Kör­pergewicht auf das linke (Stand)bein verlagert, das rechte (Spiel)bein entlastet und eine Fusslänge nach vorne gesetzt. Trotz dieses Kontrapostes berühren beide Sohlen gleichmässig den Boden, was dem Gott bei der ungewöhnlich engen Fussstellung dennoch einen sta­bilen Stand verleiht. Bewegter sind die Arme: während der rechte herabhängt aber nach Aussen abgespreizt ist, ist der andere Arm angewinkelt. In dessen Hand hielt der Gott – wie die zwecks Umklammerung angezoge­nen Finger belegen – einen Bogen mit Pfeilen, Attri­bute, die auf antiken Bildern dieses Gottes am häufigs­ten zu sehen ist. In der anderen Hand dürfte der Gott nur einen leichten Gegenstand gehalten haben, was die unbelastete Haltung des Armes und die lockere Finger­stellung gleichermassen andeuten. Am ehesten kommt hier ein Kranz oder ein Zweig in Frage; dies untermau­ern die Bildzitate dieses Statuentyps auf römi­schen Münzen und Gemmen.

Der Kopf ist zum Bogen gewendet, aber nur unmerklich geneigt. Von ebenmä­ssiger Schönheit sind die fast unnahbar erscheinenden Gesichtszüge, die Stirnlocken umrahmen in fülligen Locken das Gesicht und zwei Zöpfe fallen links und rechts über die Schultern. Haltung und Komposition verleihen dem Gott einen erhabenen Ausdruck, denn der Gott benützt seinen Bogen nicht mehr, sondern scheint innezuhalten.

Zum Pfeil und Bogen passt auch der Köcher, der an dem Baumstamm angelehnt ist. Dieser Strunk samt Bei­werk ist die Zutat des römischen Kopisten, die dieser bei der Übertragung des bronzenen Originals in die Mar­morkopie aus statischen Gründen anbringen musste, damit die Marmorstatue durch das Eigengewicht des gegenüber der Bronze spröderen Steinmaterials nicht an den Knöcheln brach. Wie bei allen Meisterwerken der griechischen Klassik ist auch das Original des Kas­seler Apollons nicht erhalten; wir müssen uns mit den römischen Marmorkopien begnügen, wobei aber die Kopie in Kassel angesichts ihrer Qualität einen durchaus valablen „Ersatz“ für das verlorene Urbild bietet.

Abb. 1: Gipsabguss des Kasseler Apoll in der Skulpturhalle Basel.Abb. 1: Gipsabguss des Kasseler Apoll in der Skulpturhalle Basel.

Der Kasseler Apollon gehört zu den am besten bekann­ten antiken Kunstwerken. Es gibt wohl keine Übersichts­publikation zur antiken Plastik, in der diese Statue nicht abgebildet wäre. Für ihre Berühmtheit lassen sich mehrere Gründe anführen. Ein erster ist, dass die Statue fast vollständig erhalten ist. Nur wenige Teile fehlen, etwa die Zehen der Füsse und die drei ersten Finger der rechten Hand. Diese sind an unserem Abguss, der den Zustand vor der generellen Überholung des Originals in den Jahren 1973/74 zeigt, ergänzt.

Dass das griechische Vorbild bereits in der Antike als bedeu­tend galt, untermauert zum zweiten die Tatsa­che, dass rund zwei Dutzend weitere römische Repliken erhalten sind, die den gleichen Statuentyp wiederho­len. Dazu kommen noch einzelne Bildzitate auf hellenis­tischen und römischen Münzen und Gemmen hinzu. Keine der römischen Repliken ist aber derart vollständig erhalten wie die Kasseler Replik. Die Berühmtheit des Kasseler Apolls wider spiegelt sich schliesslich auch in der langen Liste der archäologischen Abhandlungen über diese Statue und den entsprechenden Statuenty­pus. In der For­schung hat sich dabei die Meinung durchgesetzt, dass das zugrunde liegende Original mit einem schriftlich überlieferten Werk des Phidias, des führenden atheni­schen Künstlers der Perikles-Ära, gleichzusetzen ist. Gemeint ist der sog. ‹Apollon Parno­pios› (parnopios = ‹Heuschreckenabwehrer›), den der Reiseschriftsteller Pausanias noch im 2. Jh. n. Chr. auf der Akropolis gegenüber dem Parthenon im Freien gese­hen und als Werk des Phidias angesprochen hat. Die Passage bei Pausanias (Beschreibung Griechenlands I 24,8) lautet folgendermassen: „… dem Tempel gegen­über steht ein Apollon aus Bronze, und die Statue soll Phidias gemacht haben. Man nennt ihn den Parnopios, da der Gott ihnen sagte, er werde ihnen die Heuschre­cken, die ihrem Land schadeten, aus dem Land ver­treiben. Dass er sie vertrieb, weiss man, auf welche Weise, wird aber nicht gesagt …“

Apollon, ein ursprünglich kleinasiatischer Sonnengott (daher wird er gelegentlich als Phoibos [= ‹der Leuch­tende›] bezeichnet), weist vielseitige Züge auf. Er ist der musische Gott, der vor den Musen mit der Lyra auftritt, er ist auch der Gott der Prophetie, der in Delphi die orakelnde Pythia beschützt; daneben kann er der ein­seitig strafende Gott sein, der Übermut und Frevel bestraft – so beispielsweise im Niobe-Mythos – slowie aber auch, wie die phidiasische Statue nahe legt, ein den Menschen wohlwollender Gott, der Heilung und Reinigung bringt.

Abb. 2: Rekonstruktion des Kasseler Apoll von Peter Gercke
Abb. 2: Rekonstruktion des Kasseler Apoll von Peter Gercke.

Ein Kasseler Forschungsprojekt hat in den 80er-Jahren Rekonstruktionen der Statue hervorgebracht. In der einen vorgeschlagenen farbigen Rekonstruktion am Gipsabguss (Abb. 2) hält der Gott in der Rechten eine Heuschrecke, die hier sinnstiftend auf den Anlass der Weihung der Statue des die Heuschrecken abwehren­den Gottes pas­sen würde. Allerdings wäre es merkwür­dig, dass der die Insektenplage beseitigende Gott den verantwortlichen Schädling hier derart „fürsorglich“ in seiner Hand halten würde. Vielmehr ist es einleuchten­der, dem Gott ein Siegeszeichen in seine Hand zu geben, den Lorbeer­kranz oder, eher noch, einen Pal­menzweig. Die hier abgebildete Kasseler Rekonstruktion wurde an einem Abguss vollzo­gen, der nicht nur ergänzt sondern auch bronziert wurde, um auf das ori­ginale Aussehen hinzuweisen. Ursprünglich wurden die antiken Bronzen behandelt und gepflegt, so dass sie in einer für uns noch immer schwer zu erahnenden gol­denen Glanz und Farbigkeit erschie­nen; bei nachlas­sender Pflege verwitterten die antiken Bronzen und erhielten so, sofern sie nicht eh zerstört wurden, die dem heutigen Betrachter vertrautere dunkle gründliche Patina. Nicht nur die griechischen Bronzeoriginale waren bunt, auch die römischen Mar­morkopien wur­den mit Pigmenten farbig gefasst. Von dieser Bema­lung haben sich an der Kasseler Replik geringe Spuren einer leuchtend roten Grundierungs­farbe in den Haa­ren erhalten, die darauf hinweisen, dass der Kasseler Apoll ursprünglich blonde Haare (pas­send zur golden wirkenden Originalbronze) und viel­leicht auch eine rötlichbraune Haut und rote Lippen und Brustwarzen aufwies.

Die Skulpturhalle besitzt in ihrem Bestand eine weitere Auswahl weiterer Repliken, 6 Köpfe, 3 Torsi, sowie einen Torso einer verkleinerten Statuettenwiederholung, die hier aufgelistet seien:

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur