Sammlung

„Skulptur des Monats“ Dezember 2009
Der „Sitzende Hermes“ aus Herkulaneum

Original

Datierung: Römische Bronzestatue aus dem frühen 1. Jh. n. Chr. in Anlehnung an ein Vorbild aus dem Umkreis des Lysipp (?), um 320 v. Chr.
Material: Bronze
Fundort: Ausgegraben am 3. August 1758 am Westende des Bassins des Peristylhofes der Villa dei Papiri bei Herkulaneum.
Standorte: Zunächst im Museum Herculanense des Königspalastes in Portici, seit 1819 in Neapel, Museo Burbonico, heute Natio­nalmuseum (Inv. 5625)
Höhe: 105 cm

Abgüsse

Inv.-Nr.: 66-24 / SH 684
Hersteller: Gipsformerei der Staatlichen Skulpturen­sammlung Dresden
Material: Gips, bronziert

Werkbetrachtung

Die bronzene Statue des sitzenden Hermes ist deshalb vollständig erhalten, weil sie durch die vom fatalen Vesuvausbruch im Jahre 79 n. Chr. verursachte Schlammlawine an ihrem Standort im Peristylgarten der sog. Villa dei Papiri bei Herkulaneum (dem kleinen, west­lich vom Vesuv und nordwestlich von Pompeji gelege­nen Küstenort) zugeschüttet und damit konser­viert wurde. Ans Licht trat die Statue erst wieder am 3. August 1758 im Zuge der Ausgrabungen, die in diesem Bereich im Jahre 1738 eingesetzt hatten. Wie alle Funde aus Herku­laneum und Pompeji steht die Bronze heute als eines der besonderen Prunkstücke der Sammlung im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel (dem früheren Museo Borbonico). Dorthin ist die Statue aller­dings erst 1819 gelangt, da sie zuvor im bourbonischen Königspalast von Portici stand; 1798 wurde sie von den Bourbonen gar nach Palermo verfrachtet, um sie vor der Requisition durch Napoleon zu bewahren. Auch im 20. Jh. ist die Statue vorübergehend ausser Neapel gebracht worden, als sie von deutschen Truppen 1943 nach Deutschland verschleppt wurde; 1947 wurde die Bronze zurückgegeben und aufgrund der Beschä­di­gungen, die das Werk während des Transportes erlit­ten hatte, komplett restauriert (vor allem am Kopf).

Abb. 1: „Sitzender Hermes“ in der Skulpturhalle BaselAbb. 1: „Sitzender Hermes“ in der Skulpturhalle Basel

Der jugendliche Gott sitzt vollständig nackt da. Nur gerade die Riemchen, an denen die für Hermes signifi­kanten Flü­gelchen angebracht sind (an unserem Abguss nicht mitgegossen), zieren seine Füsse. Er sass auf einem einst separat gearbeiteten Felsblock (der heu­tige Felsen ist modern). Die Sitzstel­lung ist entspannt, das eine Bein ist leicht angehoben und der Fuss zurück­gesetzt, während das andere locker nach vorne gestreckt ist. Der Oberkörper ist ein wenig gebeugt, der linke Unterarm leicht auf den angehobe­nen Ober­schenkel aufgestützt. Die Fin­ger der Hand umklammer­ten einen stabförmigen Ge­genstand, von dem sich nur ein kleiner Rest erhalten hat. Der andere Arm ruht auf der Felsbank auf. Der Kopf ist zur rechten Seite gewen­det und leicht gesenkt. Es hat Anschein, dass der junge Hermes nachdenklich auf einen Gegenstand rechts unterhalb seines Sitzes bli­cken würde. Das Kopfhaar ist in kurzwel­lige Locken unter­gliedert. Die Augen waren nicht, wie bei griechi­schen Bronzen und auch vielen römischen Bronzestatuen üblich, mit Glaspaste einge­legt, sondern aufgemalt. Das jugendliche Alter des Hermes, der ohne seine Flü­gelschuhe als solcher nicht zu deuten wäre, belegen die noch unausgeprägte Muskulatur und die fehlenden Schamhaare. Ohne die Flügel­schuhe könnte man meinen, man habe einen Hirten­knaben vor sich, der auf einem Felsen sitzend seine Herde übererblickt. Ent­sprechende pastorale Genrefi­guren sind aus der helle­nistischen Zeit zahlreich über­liefert, doch treten solche profanen Figuren kaum in vollständiger Nackt­heit auf.

Die Ausführung des Bronzewerks ist römisch, Stil und Komposition greifen aber, wie bei allen römischen Sta­tuen, insbesondere in der Idealplastik, auf griechische Vorbilder zurück.

Die entspannte Haltung, das weiche Inkarnat, die leicht gelängten Körperproportionen und die stoffliche Cha­rakterisierung der Haare reihen das Vorbild für diese Bronze in die späteste Klassik ein (Ende des 4. Jhs.v.Chr.) und zwar in den Umkreis des berühmten griechischen Bildhauers Lysipp. Dieser Künstler, der ein Zeitgenosse Alexanders d. Gr. war und für diesen Porträtstatuen geschaffen hatte, prägt das Ende der klassischen Phase und legt die Entwicklung der hellenistischen Plas­tik gewissermassen vor. Man könnte behaupten, dass die For­men- und Stilsprache der lysippischen Zeit durch den Hellenismus hindurch bis in die römische Zeit hinein tradiert wurde. So erfreuen sich lysippische Werke in der römischen Zeit einer ungebrochenen Beliebtheit, wobei in den römischen Marmorwerkstätten und Bronzegie­ssereien nicht nur präzis kopiert wurde son­dern auch, im Sinne eines sich stetig entwickelnden Tra­ditionsstranges, ältere Vorbilder auch immer wieder neu variiert wur­den, so dass es bei Werken wie der Herkulaner Bronze schwierig ist, von einer Kopie nach einem bestimmten Original zu reden. Dagegenspricht auch der Befund, dass vom ruhenden Hermes keine weitere genau ent­sprechende Replik überliefert ist. Hinzu kommt die Tat­sache, dass Lysipp ein ungemein reiches Oeuvre hin­terlassen hat, das aber gänzlich verloren ging und von dem sich nur ein Bruchteil in präziseren Replikenreihen wieder erkennen lässt.

Abb. 2: Hermesstatue in MeridaAbb. 2: „Sitzender Hermes“ in Merida

Ein vergleichbarer Statuentypus eines sitzenden jungen Hermes, der u.a. durch eine Kleinbronze in Wien und eine Marmorreplik in Merida (Portugal, siehe Abb. 2) überliefert ist, wurde in der Forschung mit guten, stilis­tisch einleuchtenden Gründen mit Lysipp in Verbindung gebracht. Gegenüber der Bronze aus Herkulaneum sind bei der sitzenden Hermesstatue im Typus Wien-Merida die Kopfwendung, Armhaltung und Position der Beine jedoch ver­tauscht; sie verhalten sich genau spiegel­bildlich.

Interessant ist das Beiwerk auf dem Felsen der Statue in Merida, die Lyra, die einen Hinweis für die Deu­tung der Herkulaner Bronze liefern könnte.

Man ist gut beraten, den Hermes in der herkulanischen Bronze nicht als Götter­boten zu verstehen, sondern vielmehr mit seiner Nebenfunktion als Gott der Hirten und der Hirtenmusik in Verbindung zu bringen (Hermes pastor). Noch als blutjunger Bursche hatte Hermes dem Apollon 50 Rinder geraubt. Als sein Diebstahl aufflog, gab er Apollon als Gegenwert für die Rinder die Lyra. Dieses Saiteninstrument hatte der junge Hermes kurz zuvor erfunden, indem er einen Schildkrötenpanzer als Resonanzkörper und Ziegenhörner als die beiden hochgehenden Saitenspanner verwendete. Seine musische Begabung unterstreicht auch die Tatsache, dass Hermes im antiken Mythos auch als Erfinder der Hirtenflöte galt. Vielleicht befand sich auf dem ursprünglichen Felssitz des Herkulaner Hermes, die sich nicht erhalten hat, eine solche Lyra. Der stabförmige Rest in der Linken will aufgrund seiner Schlankheit nicht so recht zum caducäus passen, umso mehr als Hermes den Herold­stab erst als Erwachsener erhielt; eher hielt der junge Gott hier ein Plektron oder allenfalls die Hir­tenflöte. Vielleicht ist hier der Moment festgehalten, in dem der junge Gott seinen Diebstahls bereut und nach reifer Überlegung beschlossen hat, zur Sühne seine Lyra, auf der eben noch gespielt hat, dem geschädigten Apoll zu schenken. Diese der­gestalt zu einer Idylle ver­dich­tete mythische Erzählung wäre typisch für das römische Kunstverständnis und die Verklärung der pas­toralen Welt wäre bezeichnend für das Naturverhältnis der römi­schen Oberschicht. In den Peristyl- und Atrium­häusern schufen sich die wohlhabenden Römer mit dem zentral gelegenen Garten ein Stück künstliche, sprich „ideali­sierte“ Natur, auf die die umgebenden Räume und Gänge ausgerichtet waren, während die Aussenwände der Häuser geschlossen waren und das Haus damit von der Hek­tik der Strasse und der benachbarten Häuser abgeschottet war. Zentralen Fixpunkt dieser internen Gärten boten passende idylli­sche Sta­tuen. In der Villa dei Papiri standen um das zentrale Bassin gruppiert neben dem Hermes auch noch weitere Statuen anderer ländlicher Gottheiten.

Der Ausruhende Hermes erfuhr seit seiner Auffin­dung grosse Wertsschätzung. Winckelmann hielt die Bronze sogar für ein griechisches Originalwerk und die ver­schiedenen Versuche, die Statue zu requisitionieren (Napoleon, Nazi-Deutschland) belegen die Berühmt­heit des Werkes. Selbstverständlich inspirierte der Fund seit dem fortgeschrittenen 18. Jh. auch zahlreiche europäische Künstler. So hat etwa der Basler Bild­hauer Ferdinand Schlöth bei einer eigenen Hirtenstatue aus dem Jahre 1843 (heute im Basler Privatbesitz) die Posi­tion des Hermes übernommen, ihn aber mit dem Zufü­gen einer Flöte und eines Hirtenhundes klar als jungen Hirten erkennbar gemacht. Vielleicht ist die Intuition des Basler Bildhauers ein weiteres Indiz für unseren vorge­schlagenen Hirtenkontext.

Tomas Lochman

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