Sammlung

„Skulptur des Monats“ Januar 2010
Amor und Psyche – Die Marmorgruppe im Kapitolinischen Museum

Original

Datierung: Römische Kopie nach einem Werk aus dem frühen 1. Jh. v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Rom, Aventin
Standort: Rom, Kapitolinische Museen, Inv. 408
Höhe: 125 cm

Abguss

Inv.-Nr.: sh 269
Herkunft: Lepoldo Malpieri, Rom (angeschafft zwi­schen 1893 und 1907)
Material: Gips

Werkbetrachtung

Zwei Kinder haben sich innig zum Kuss umschlungen. Er vollständig nackt, sie mit einem halb herunter gefallenen Mäntelchen nur bis zur Hüfte bekleidet. Beide Figuren stehen dicht nebeneinander, wobei der Knabe seinen linken Fuss vor das rechte gesetzt hat. Die beiden entbieten ihren Unterkörper und Bauch dem Betrachter frontal zur Ansicht. Erst die Schultern und Köpfe sind zum Kuss zueinander abgewendet. Das verleiht der Gruppe einen engen Stand und bestimmt das schlanke Grundoval der Komposition, die streng auf die Vorderansicht ausgerichtet ist. Die innige Beziehung des Pärchens unterstreichen die Armhaltungen; während das Mädchen sein Gegenüber mit beiden Armen an dessen Brust umfasst, streichelt der Bub mit der Rechten seine Geliebte an der Wange – wie um die Zärtlichkeit des Kusses zu verstärken – und die andere Hand legt er auf ihren Oberkopf.

Abb. 1: Der Abguss von Amor und Psyche in der Skulpturhalle
Abb. 1: Der Abguss von Amor und Psyche in der Skulpturhalle

Als die fast intakt erhaltene Skulptur im Jahre 1749 entdeckt wurde, war nicht auf Anhieb klar, dass die Kindergruppe Amor und Psyche darstellt. Eros, auf lateinisch Amor bzw. Cupido, erscheint in der antiken, aber auch neueren, Bildkunst für gewöhnlich mit gefiederten Flügeln, Psyche hinwiederum weist oft Schmetterlingsflügelchen auf. So hat man früher die Darstellung bisweilen auch als Genreszene aufgefasst und die Figuren als ein normales Kinderpaar angesehen. Was heute eher als negativ aufstossen würde, darüber hat man sich im 18. und 19. Jh. entzückt: nämlich dass hier Kinder wie ein erwachsenes Liebespaar dargestellt werden. Die Identifikation der Liebenden als Amor und Psyche ist aber eindeutig, da andere Repliken derselben Gruppe beide Figuren mit den jeweils charakteristischen Flügelchen wiedergeben.

Eros/Amor ist der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite/ Venus und ist einer jener für Griechenland und Rom typischen Personifikationen einer Tugend bzw. Begriffs – in diesem Fall der Liebe. Er ist auch ein Bote der Götter, weshalb er oft mit Flügelchen am Rücken auftritt. Psyche hingegen ist keine Göttin, sondern eine mythische Prinzessin, doch auch sie ist als eine allegorische Figur zu verstehen. ‹Psyche› heisst auf griechisch nämlich ‹Seele›, die sich die Griechen auch als Schmetterling vorstellten; nach anfänglicher Einengung in der Raupe entschwebt der Schmetterling nach seiner Reifung aus seiner Hülse, genauso wie es in der Vorstellungswelt der Griechen die menschliche Seele aus dem verstrobenen Körper tut. Deshalb wird Psyche oft mit Schmetterlingsflügeln dargestellt. Angesichts der Symbolik der Psychemotivik überrascht nicht, dass die Darstellungen vom Amor und seiner Psyche besonders auf Grabdenkmälern beliebt waren, etwa auf Sarkophagen, wo sie als Sinnbild für die Unsterblichkeit der Liebe und der Seele verständlich waren.

Die Gruppe im Kapitolinischen Museum ist das Werk eines römischen Bildhauers, der ein berühmtes griechisches Vorbild kopierte. Das griechische Original seinerseits dürfte in der Zeit des späten 2. bzw. frühen 1. Jhs. v. Chr. entstanden sein. In dieser Zeit waren einansichtige Gruppen in der Art unserer Eros-Psyche-Skulptur vorherrschend. Diese Kunstepoche wurde früher als auch antikes ‹Rokoko› umschrieben, was angesichts der späthellenistischen Vorliebe für solche verspielte Themen gar nicht so unpassend gewählt ist.

Das Thema der Liebe zwischen Eros und Psyche war im klassischen und hellenistischen Griechenland sehr beliebt und es gab sicherlich sehr viele mythologische Fassungen zu diesem Sagenkreis. Die berühmteste Erzählung von Amor und Psyche stammt aber erst vom römischen Autor Apuleius (2. Jh.n.Chr.) und zwar aus seinen „Metamorphosen“ (auch der „Goldene Esel“ genannt). Psyche ist hier eine von drei Töchtern eines Königspaares, deren Schönheit sogar von Venus beneidet wurde. Um sie zu bestrafen, wurde ihren Eltern orakelt, dass Psyche nur einen Dämon heiraten könne. Eros, der im Auftrag seiner Mutter die unglückliche Psyche an den furchtbaren Hochzeitsort bringen sollte, verliebte sich jedoch in das schöne Mädchen. Er gab sich ihr, indem er ihr unsichtbar blieb, unerkannt als jenes Monster zu verstehen, das sie heiraten sollte. Er brachte sie in einen prunkvollen Palast und besuchte sie jede Nacht, ohne dass sie ihn je zu sehen bekam und bekommen durfte. Doch die beiden Schwestern stifteten Psyche an, das „Monstrum“ zu erdolchen. Dazu überredet näherte sich Psyche ihrem schlafenden Gemahl mit einer Öllampe und erblickte sodann im Licht der Lampe zum ersten Mal den jungen Gott in seiner ganzen Schönheit (vgl. Abb. 2): Freudig geschockt liess sie von ihrer Mordabsicht natürlich ab. Eros aber verliess daraufhin seine Geliebte, weil sie sein Gebot, ihn nie sehen zu dürfen, durchbrochen hatte. Zu allem Übel musste Psyche auch die ganze Wut der getäuschten und eifersüchtigen Venus verspüren: Diese auferlegte ihr zahlreiche gefährliche Aufgaben, die das Mädchen jedoch, auch dank der Hilfe des sie immer noch liebenden Eros, allesamt meisterte. Nach dieser Läuterung und gegenseitigen Reuebekennungen fanden am Schluss Eros und Psyche wieder zusammen, durften auf dem Olymp heiraten und bekamen ein Kind, die Voluptas (‹Wollust›). Durch ihre Heirat wurde Psyche unsterblich.

Abb. 2: Reinhold Begas, Amor und Psyche, 1857, Berlin, Skulpturengalerie
Abb. 2: Reinhold Begas, Amor und Psyche, 1857, Berlin, Skulpturengalerie

Dieses Märchen wurde auch in der Neuzeit immer wieder aufgegriffen und neu erzählt, so u.a. von Jean de La Fontaine, und inspirierte zahlreiche Kunsthandwerker (etwa in Tapeten- oder Porzellanmanufakturen), Maler (z. B. Giordano, Rubens, Kauffmann) bzw. Bildhauer (z.B. Canova, Begas, Schlöth) zu bildlichen Darstellungen. Schwer mit Apuleius’ Überlieferung in Einklang zu bringen ist die Kindlichkeit unserer Figuren. Das sich umschlingende Pärchen soll wohl weniger die Hochzeit des Gottes mit der Königstochter illustrieren, als vielmehr als ein allegorischer Hinweis auf die Seele dienen, die dank Liebe unsterblich werden kann. Gerade im Kindlichen der Darstellung wird die ideelle Reinheit und Unschuld der Liebe widerspiegelt, die auf verspielte und naive Art den platonischen Seelenmythos, die der athenische Philosoph in seinem Phaidros im 4. Jh.v.Chr. niedergeschrieben hatte, weitertradiert.

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur