Sammlung
„Skulptur des Monats“ Februar 2010
Der „Krieger Somzée“ – Die Statue im Musée Royal de Mariemont (B)
Original
Datierung: Römische Kopie nach einem griechischen Original um 470/60 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Unbekannt, vermutlich Rom
Standort: 1633 im Inventar der Villa Ludovisi in Rom erwähnt; im späten 19. Jh. gelangte die Statue in die Sammlung Louis Somzée und 1904 von dort in die Sammlung Raoul Warocqué im Schloss von Mariemont in Morlanwelz (B), dem späteren öffentlichen Musée Royal de Mariemont (Inv. B 140)
Höhe: 231 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 70-1 / SH 803
Herkunft: Gipsformerei der Staatlichen Kunst-sammlungen Dresden
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Die grosse nackte Statue eines Jünglings mit Helm in Mariemont ist die einzige römische Kopie einer ansonsten in keiner weiteren Kopie überlieferten frühklassischen Kriegerstatue. Trotz dieser Einzigartigkeit wurde die Skulptur von der Forschung nur wenig beachtet. Umso erfreulicher ist, dass die Skulpturhalle einen Abguss dieses Werks besitzt. Allerdings zeigt dieser stellenweise noch die alten Ergänzungen, die in Mariemont 1966 anlässlich einer Gesamtrestaurierung abgenommen bzw. berichtigt worden sind. Auf solche Ergänzungen gehen an unserem Abguss die Nase, das Glied, das rechte Knie und der Fuss sowie die Plinthe zurück. Der Kopf ist aufgrund einer früheren falschen Montage zur rechten Seite und nach unten gedreht, anstatt aufrecht gerichtet und zur linken Schulter gewendet.

Abb. 1: Der Krieger Somzée in der Skulpturhalle
Wo der Jüngling gefunden wurde, ist nicht mehr bekannt. Gesichert ist einzig, dass die Statue vor 1633 in die Villa Ludovisi in Rom gelangt sein muss, weil sie im in diesem Jahr angelegten Inventarbuch erwähnt ist. Vor diesem Datum wurden der fragmentierten Statue die beiden fremden Arme einer anderen antiken Statue angefügt, dies allerdings durchaus annähernd so, wie es dem ursprünglichen Zustand entsprochen haben muss: ein linker angewinkelter Arm mit Rundschild und ein rechter heruntergeführter Arm mit Lanze. Auch der fehlende linke Unterschenkel war früher in Marmor ergänzt. Dieser wurde aber, als die Statue von Louis Somzée erworben wurde, abgenommen. 1966 wurden dann auch all die übrigen ergänzten Partien, d. h. die Marmorarme wie auch in die Gips ergänzten Teile wie Glied, Nase, Knie und Fuss abgenommen. Des Weiteren wurde der Kopf, der früher aufgrund eines nicht zugehörigen Halsfragmentes falsch aufsass, neu positioniert und zur richtigen Seite gedreht.
Der nackte Jüngling steht auf dem rechten Bein, das linke war leicht zur Seite gestellt. Die gesenkte Rechte umfasste zweifellos eine aufgesetzte Lanze. Der rechte Unterarm muss nach Ausweis eines Stützenrestes (links von der Brust) erhoben gewesen sein und einen Schild gehalten haben. Diese zu ergänzenden Waffen passen jedenfalls bestens zum Helm. Dieser umspannt den Kopf wie angegossen, wobei die Unterkante des Visiers, genau den Brauenbögen folgt. Bohrlöcher an den Helmseiten verraten, dass hier die ursprünglich separat gearbeiteten Wangenpartien befestigt waren. Hinten am Nacken erscheint unter dem Helm ein Haarschopf. Im Gesicht fallen die scharfkantig abgehobenen Brauen und die gross Augen auf. Die Lippen sind leicht geschwungen und unmerklich geöffnet. Nicht zuletzt wegen dem engen Helm ist die gesamte Kopfstruktur in ein festes und enges Rundoval gepackt, dem gegenüber der Hals und der übrige Körper relativ breit wirken. Die Muskulatur des Rumpfes ist kräftig und in wenige, aber markante Teilformen untergegliedert. Prononciert sind die Rippen, die Bauchmuskulatur sowie der Leistenwulst des Beckens. Die Schamhaare sind zu einer rhombenartigen Eigenform reduziert.

Abb. 2: Rekonstruktion von J. Dörig
Die straffe, grossflächige Modellierung des Körpers, die kompakte Formgebung und die blockhafte Komposition der Statue sind Ausdruck einer Strenge der Formensprache, die typisch für den sog. Strengen Stil der frühen Klassik (ca. 490–460) ist, und deren Verhaltenheit beim Vergleich mit bewegteren Werken der fortschreitenden Klassik deutlich spürbar wird. Stilistisch die besten Vergleiche bieten die kolossalen Statuen vom Ostgiebel des Zeustempels von Olympia, die um 460 v. Chr entstanden sind. Namentlich der Pelops ladet zu einem näheren Vergleich an. Diese Giebelfigur weist neben der engen stilistischen Verwandtschaft auch noch eine fast gleiche Komposition auf: rechtes Standbein, angewinkelter linker Arm mit Schild und herabhängender rechter Arm mit Lanze. Die stilistisch-formale und zeitliche Nähe zwischen dem Vorbild des Mariemont-Kriegers und den Giebelfiguren aus Olympia könnte vielleicht auch um eine topographische Nähe verstärkt werden. José Dörig hat vorgeschlagen, den Krieger Somzée mit einer der zehn Statuen des sog. Achäer-Weihgeschenkes in Olympia in Verbindung zu bringen. Nach dem Reisebericht des im 2. Jh. n. Chr. lebenden Griechen Pausanias (Beschreibung Griechenlands V 25,8) stand diese Gruppe in der Nähe des Zeustempels und vereinte auf einer gemeinsamen Basis zehn am Troja-Krieg beteiligte griechische (= achäische) Helden bei der Auslosung, wer zum Zweikampf gegen den Trojaner Hektor antreten soll. Die Textpassage des Pausanias lautet folgendermassen: „Es sind auch gemeinsame Weihgeschenke der Achäer da von denen, die um den Kampf losten, als Hektor einen Griechen zum Einzelkampf herausforderte. Diese stehen in der Nähe des grossen Tempels mit Lanze und Schild bewaffnet. Gegenüber ist auf einer anderen Basis Nestor dargestellt, der das Los eines jeden in den Helm geworfen hat. Die Zahl der gegen Hektor Losenden beträgt acht, denn den neunten von Ihnen, die Figur des Odysseus, soll Nero nach Rom gebracht haben (…)“. Pausanias erwähnt nachfolgend nach Odysseus nur noch zwei weitere Helden namentlich, Agamemnon und Idomeneus – wohl weil die übrigen entsprechenden Beischriften fehlten –, und fährt fort: „Auf der Basis steht auch eine Inschrift: Dem Zeus stellten die Achäer diese Bildwerke auf, die Nachkommen des göttergleichen Tantaliden Pelops. Das ist hier geschrieben; wer der Künstler war, steht auf dem Schild des Idomeneus: Viele andere Werke und auch dies sind vom weisen Onatas, dem Ägineten, den als Sohn zeugte Mikon.“
Abb. 3: Zustand nach der Restaurierung von 1966Die Basis dieser 10-figurigen achäischen Weihgeschenkgruppe ist bei Ausgrabungen tatsächlich entdeckt worden. Sie hatte die Form eines Kreissausschnitts für die neun bereitstehenden Krieger und davor stand die Basis für den losenden Nestor. Das Ganze muss kurz vor dem Bau des Olympia-Tempels errichtet worden sein. Der Schöpfer der Gruppe war, wie Pausanias überliefert, der aus Ägina stammende Bildhauer Onatas, dem ein grösserer Werkstattbetrieb zur Seite gestanden haben muss; aus diesem könnten auch die Schöpfer der kurz darauf entstandenen Giebelfiguren des Zeustempels hervorgegangen sein, was die stilistische Ähnlichkeit des Somzée-Kriegers indirekt nahe legt. Auch wenn ein wirklicher Beweis fehlt, verdichten sich die Indizien (Grabungsbefund, Stilverwandtschaft zwischen unserem Krieger und den Olympiaskulpturen, Überstimmung des Themas mit dem ‹Achäern›) zu einer durchaus plausiblen Verknüpfung unseres Helden mit dem olympischen Achäer-Denkmal. Allerdings bliebe der Somzée-Krieger als einziger überlieferter Held dieser ursprünglichen 10-figurigen Gruppe isoliert; aber auszuschliessen ist es nicht; denn Pausanias erwähnt ja, dass der Odysseus der Gruppe von Nero nach Rom abtransportiert worden war. Hier in Rom hätte diese Onatas-Statue leicht von einer Kopistenwerkstatt kopiert worden sein. Ob der Krieger in Mariemont, der früher auch als Ares gedeutet wurde, dann als Odysseus zu deuten wäre, diese Frage können wir zwar stellen, doch auch nicht wirklich eindeutig bejahen.
Auswahl an Literatur
- Adolf Furtwängler, Collection Somzée (1897), Nr. 4 Taf. 3–5
- P. Lévêque, in: Les antiquités du Musée de Mariemont (1952), S. 66ff. Nr. G4, Taf. 20
- José Dörig, Le guerrier Somzée au Musée de Mariemont, in: Cahiers de Mariemont 4, 1973, S. 32–45
- Jean Marcadé – Guy Donnay, La restauration de l’Arès Somzée, ebd. S. 46–57
- José Dörig, Onatas of Aegina (1977) S. 21ff.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
