Sammlung

„Skulptur des Monats“ April 2010
Der „Idolino“ – Der Bronzejüngling in Florenz

Original

Datierung: Römische Bronzearbeit aus der Zeit um 30/20 v.Chr. in Anlehnung an Werke aus dem Umkreis des Polyklet(?)
Material: Bronze
Fundort: Römische Villa bei Pesaro
Standort: Florenz, Archäologisches Museum, Inv. 143
Höhe: 148 cm

Abguss

Inv.-Nr. : 1891-3; SH 152
Herkunft: unbekannt
Material: Gips, bronziert

Werkbetrachtung

Der nackte Jüngling wurde im Jahre 1530 in einer römi­schen Villa bei Pesaro ausgegraben und gelangte umgehend in den Besitz von Francesco II della Rovere, dem Fürsten von Urbino. Die Statue war fast völlig intakt erhalten; nur die rechte Hand musste restauriert wer­den. Die fragmentierte bronzene Weinranke, die mit der Statue gefunden wurde und die der Jüngling ursprünglich in seiner Rechten hielt, wurde dabei nicht mehr angefügt und ging später ganz vergessen. Im 17. Jh. wurde die Statue infolge einer Erbschaft den Medici vermacht und nach Florenz überführt. Nach zwischen­zeitlichen Aufstellungen in den Uffizien und einem „Gastaufent­halt“ in Palermo zwischen 1800 und 1803, als es galt, der Gefahr der Requisition durch Napoleon vorzubeugen und den Jüngling an einem sicheren Ort zu verwahren, fand die Bronze 1897 ihre definitive Bleibe im Archäolo­gischen Museum von Florenz.

Abb. 1: Der Leuchterträger in der Skulpturhalle
Abb. 1: Der Leuchterträger in der Skulpturhalle

Seit seiner Auffindung erfreute sich der Jüngling grosser Bewunderung. Im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten zahlreiche Gipsabgüsse seine Bekanntheit zusätzlich. Auch in die Sammlung der Skulpturhalle gelangte der hier gezeigte Abguss relativ früh, nämlich bereits im Jahre 1891, als die Sammlung noch keine 200 Abgüsse zählte.

Aufgrund der bronzenen Weinranke, von der man bei ihrer Auffindung zusammen mit der Statue nicht wusste, dass sie Teil eines Leuchters war, den der Jüngling in seiner Linken hielt, wurde der Jüngling ursprünglich als Bacchus gedeutet. Später ging dieses Beiwerk wie erwähnt vergessen und sollte erst im 20. Jh. im Bargello wiederentdeckt werden. Seitdem ist erwiesen, dass unsere Bronzestatue als Leuchter, als sog. ‹Lychnou­chos› (= ‹Lampen-Träger)› diente. Durch den Verlust dieses Zubehörs und in Ermangelung sonstiger stichhal­tiger Indizien wurde der Idolino im Laufe seiner fort­schreitenden Rezeptionsgeschichte verschiedenartig gedeutet: als Apollo oder Merkur, als einfacher Genius oder als spendender Athlet. Wohl aufgrund dieser Unbestimmtheit bürgerte sich seit der Mitte des 18. Jhs. die allgemeine Bezeichnung ‹l’Idolo› und seit dem 20. Jh. der daraus abgeleitete Begriff ‹Idolino› ein. Er belegt einerseits die Ungewissheit im Bezug auf die Deutung, anderseits die grosse Bewunderung, ja „Idolatrie“, die man der Statue früher entgegenbrachte.

Abb. 2: Kopffragment vom Typus des Idolino (Vatikan, Museo Gregoriano Profano)
Abb. 2: Kopffragment vom Typus des Idolino (Vatikan, Museo Gregoriano Profano)

Ebenso umstritten wie die Deutung war lange Zeit auch die Datierung der Statue. Im 19. Jh. glaubte man, eine griechische Originalbronze des Polyklet vor sich zu haben. Im 20. Jh. erkannte man die römische Autor­schaft, dachte aber zunächst, die Bronze wäre eine getreue Kopie eines Originals aus der Spätzeit bzw. Nachfolgezeit des Polyklet und datierte das entspre­chend angenommene Original ans Ende des 5. Jhs. v. Chr. Dass der Idolino eine genaue Kopie nach einem bestimmten polykletischen Vorbild sein könnte, schien nämlich ein Kopf aus Grünschiefer im Vatikan (Museo Gregoriano Profano; siehe unsere Abb. 2) zu bestätigten; er ist in der Anlage der Haarlocken dem Idolinokopf derart verwandt, dass man beide als Kopien nach demselben griechischen Vorbild deuten möchte. Im allgemeinen Aufbau und Anlage des Kör­pers erinnert der Idolino an polykletische Werke jedoch nur höchst allgemein, gleichsam „unverbindlich“, sind doch die Unterscheidung des Stands in ein Stand- und in ein Spielbein und die Gliederung der Rumpfmuskula­tur in dieser Art nicht allein den polykleti­schen, sondern auch praktisch allen anderen klassi­schen und nachklas­sischen Jünglings- und Männersta­tuen gemein. Beim näheren Vergleich des Idolino mit verbürgten polykleti­schen Schöpfungen fallen nämlich deutliche Unter­schiede auf: Zum einen ist es der weit zur Seite gestellte Spielbeinfuss, der dem Idolino einen gegenüber dem ausgewogen balanciert stehenden polykletischen Jünglingen eher sperrig-verfestigten Kontrapost beschert, und zum zweiten der rechte fast etwas geziert vorgehaltene Unterarm. Schliesslich heben auch die filigraneren Körperglieder und die gesamthaft schlaksigere Proportionierung den Idolino von Statuen des Polyklet ab; sie entsprechen vielmehr dem Geschmack der augusteischen Zeit.

Abb. 3: Leuchterträger von Volubilis (Rabat, Museum)
Abb. 3: Leuchterträger von Volubilis (Rabat, Museum)

Dies und der Ver­gleich mit anderen „Lampenträgern“ in Jünglings­ge­stalt, etwa den ungefähr zeitgleichen Beispielen aus Pompeji (im Neapler Nationalmuseum, hier Abb. 4) bzw. aus Volubilis (im Museum von Rabat, hier Abb. 3), die ebenfalls durch ein seitlich ausgreifendes linkes Spielbein und den geziert vorgehaltenen rechten Arm bestimmt sind, legen nahe, dass unser Idolino ein klassi­zistisches Werk augusteischer Prägung ist und zu deko­rativen Zwecken eines Leuchterträgers gearbeitet wurde. Sein römischer Schöpfer hat sich dabei – vor allem hinsichtlich der Kopfgestaltung – an einer polykle­tischen Vorlage (die auch der Kopf im Vatikan über­liefert) orientiert, in der Körpergliederung war er aber so frei, sich von einem strengeren klassischen Vorbild zu lösen und an die dekorativen Aufgabe von Leuchter­trägern anzupassen. Alles in allem ist der in früheren Zeiten so sehr verehrte Idolino, ein beredter Zeuge für die sog. Idealplastik der Römer, für eine Kunst, die sich an der griechischen Kunst zwar eng orientierte, die aber die klassischen Formen und Kompositionen dem Geschmack und Bedürfnissen römischer Kunstliebhaber und Villenbesitzer immer wieder auch anpasste.

Abb. 4: Leuchterträger von der Via dell’Abbondanza (Neapel, Nationalmuseum)
Abb. 4: Leuchterträger von der Via dell’Abbondanza (Neapel, Nationalmuseum)

Als „stummer Diener“ muss unserer lampentragender Jüngling ursprünglich im Triclinium oder in einem anderen vornehmen Raum der Villa, in deren Überres­ten er ausgegraben wurde, gestanden haben.

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur