Sammlung

«Skulptur des Monats» Juli 2010
Der «Hirtenknabe mit Hund»

Original

Datierung: Um 150 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Aus dem Bouleuterion in Nysa am Mäander (Ionien)
Standort: Athen, Nationalmuseum (Inv. 3485)
Höhe: 69 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 24-20; SH 270
Herkunft: Zweifellos Abgussformerei des Athener Nationalmuseums (1923)
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die Figur des stehenden kleinen Hirtenjungen im Kapu­zenmäntelchen, der einen kleinen Schäferhund an sich drückt, wurde 1922 vom griechischen Archäologen Kourouniotis in der kleinasiatischen Stadt Nysa am Mäander ausgegraben und zwar innerhalb der Ruinen des sog. Gerontikons oder Bouleuterions, d.h. des Rat­hauses dieser Stadt.

Noch im gleichen Jahr gelangte die Skulptur nach Athen, und zwar infolge der tragischen Ereignisse im griechisch-türkischen Krieg: Im September 1922 haben türkische Truppen die Stadt Smyrna, die bis dahin von einer mehrheitlich griechisch-christlichen Bevölkerung bewohnt war und die noch den alten antiken Namen trug, zerstört und die griechische Bevölkerung vertrie­ben («kleinasiatische Tragödie»). Fortan sollte Smyrna Izmir heissen. Kourouniotis nahm als einer der zahlrei­chen betroffenen kleinasiatischen Griechen den Hir­tenjungen mit nach Griechenland. Dort gelangte die Statue ins Athener Nationalmuseum. Aufgrund der tra­gischen Begleitumstände wurde der Hirtenjunge senti­mental als «Flüchtlingskind» bezeichnet und sollte so auf Anhieb zu einer nicht nur in Griechenland berühmten Antike werden. Der Basler Gipsabguss wurde in Athen bereits 1923 bestellt. Die damalige Beliebtheit blieb indessen ohne längerfristige Folgen, denn im mittleren 20. Jh. erfreuten sich Darstellungen von ländli­chen Kindern und verwandten Genrefiguren in der archäo­logischen Forschung ansonsten keines nen­nenswerten Interesses. Man sprach solchen Werken einen blossen Dekorationswert zu und mass ihnen ansonsten keine tiefere Bedeutung bei. Diese Abwer­tung manifestiert sich auch darin, dass unser Gipsab­guss bald einmal ins Depot ausgelagert wurde, was sich heute darin nieder­schlägt, dass der Gips zwar staubig geworden ist, aber ansonsten unpatiniert geblieben ist, während alle in der Skulpturhalle ausge­stellten Abgüsse in den 50er und 60er Jahren farblich getönt wurden. (Mit der opitschen Angleichung der Gipse an die Marmororiginale wollte man damals die Abgüsse «aufwerten»). Erst ab den 70er Jahren neigte sich die archäolo­gische Forschung solchen Genrefigu­ren wieder zu und beurteilte sie unter soziokulturellen Ansätzen völlig neu. Dieser Aufwertung wollen wir hier entsprechen: Nicht nur ist der «vertrie­bene» Junge seit ein par Jahren aus sei­nem abge­schotteten Depotda­sein herausgeholt wor­den, er ist sogar für eine Zeit Skulptur des Monats!

Abb. 1: Hirtenknabe mit Hund in der Skulpturhalle Basel
Abb. 1: Hirtenknabe mit Hund in der Skulpturhalle Basel

Kinderstatuen sind aus der hellenistischen und römi­schen Zeit überaus zahlreich überliefert. Die Beispiele entfallen dabei auf zwei Hauptgruppen: Entweder handelt es sich um Votivstatuen von wohlhabenden Eltern, welche die Statuen in einem Heiligtum als Dank für Heilung oder Schutz ihrer Kinder aufstellen liessen, oder es handelt es sich um sog. Genrebilder, also um Dar­stellungen, die um des ländlichen Themas willen für meist dekorative Zwecke geschaffen wurden.

Angesichts der Charakterisierung unseres Knaben als Hirte (ersichtlich durch den von Hirten getragenen Kapuzenmantel und den Schäferhund) kommt eher die zweite Deutungskategorie in Frage, denn ein Hirten­junge kann nur einer ärmeren bäuerlichen Familie ent­stammen, währenddem besser situierte Familien, die sich eine Votivstatue leisten konnten, es sicher nicht nötig gehabt hätten, ihre Kinder Tierherden hüten zu lassen. Unser Junge ist also – bei aller berührenden Lieb­lichkeit der Darstellung, die gerade in der innigen Be­ziehung des Bübchens zum Welpen offenbar wird – ein indirektes Zeugnis für die harte Realität der ländlichen Bevölkerung der Antike. Arme Bauernkinder wurden von klein auf in die Landarbeit einbezogen. Dabei galt das Hüten der Tiere als die körperlich noch einfachste Arbeit, so dass die Kinder vorzugsweise mit solchen Aufsichtsaufgaben beauftragt wurden. Damit waren sie aber gleichwohl einer grossen Verantwortung sowie Wettereinflüssen und sonstigen Gefahren ausgesetzt.

Schlimmer noch traf es in der Antike die vielfach bezeugten Kindersklaven. Menschen, die sich keinen Sklaven vom Markt „leisten“ konnten, nahmen sich kleine Kinder noch ärmerer Familien als unbezahlte Hausangestellte. Dienerknaben und -mädchen stan­den so ihren oft skrupellosen Herren vielfach zu Diens­ten, als Bote, als Mundschenk, Laternenträger, manch­mal selbst als sexuelle Diener. Diese aus moderner Sicht schockierend erscheinende Realität spiegelt eine Reihe von kleineren Darstellungen schlafender Sklavenkinder wider, die wie unserer Hirtenjunge ähnlich berührend, ja man könnte fast sagen «herzig» sind. Eine solche Klein­skulptur befindet sich im Musée d’Art et d’Histoire in Genf (Abb. 2): Ein in ein Kapuzenmäntelchen gehüllter Bub schläft auf dem Boden, neben ihm liegen ein Reisekörbchen ein Wasserkrug und eine Laterne. Vermutlich ist er ein Sklave, der seinen Herrn auf einer Reise begleitete. Während sein Besitzer noch irgendwo weilt, wartet der wohl auch sonst ausgebeutete Die­nerknabe schlafend am Boden, bis er – womöglich spät in der Nacht – mit der Laterne und dem Reise­proviant seinen Herrn wieder nach Hause zurückbeglei­ten muss.

Abb. 2: Schlafender Sklavenjunge, Genf MAH. Abguss SH 1727
Abb. 2: Schlafender Sklavenjunge, Genf MAH. Abguss SH 1727

Ist auch unser Knabe womöglich ein Sklavenkind? Angesichts seiner säuglingsnahen Proportionen muss er noch ein sehr niedriges Alter haben. Vermutlich ist es noch nicht lange her, dass er überhaupt stehen und gehen kann. Auch der Hund ist noch ein Jungtier und längst nicht in der Reife, um als Schäferhund zu wirken. Wegen seines zotteligen Felles und der recht ausge­prägten Schnauze und Läufe sowie den abstehenden Ohren muss es sich um einen Vertreter der antiken Hunderasse der Molos­ser handeln, die als Schäfer­hunde gezüchtet wurden. Es ist sicherlich kein Malteser, den hier gewisse Autoren erkennen wollten.

Angesichts des betont kindlichen Ausdrucks von Mensch und Tier ist es wohl das Wahrscheinlichste, dass es sich beim Knaben aus Nysa um eine verklärende Genredarstellung handelt, die das Landleben unge­achtet der sozialen Realität und den Missständen ver­sklavter Kinder geradezu verniedlicht. Dieser Zug der Idealisierung der ländlichen Arbeit und der Welt der Hirten reicht in die frühhellenistische Zeit des 3. Jhs. v. Chr. zurück. Der bukolische Dichter Theokrit hat zahlrei­che idyllische Hirtengesänge gedichtet, die von spä­teren Künstlern immer wieder neu aufge­griffen wurden, sowohl von anderen Autoren wie etwa Vergil, wie auch von Malern und Bildhauern, die zur Dekora­tion von Villen und Gärten zahlreiche Bilder mit bukoli­schem Charakter schufen. Unsere Arbeit ist zwar sicher römisch, doch dürfte sie auf frühhellenistische Vorbilder zurückgreifen.

Merkwürdig ist, dass der Hirtenjunge in Nysa im Bou­leuterion gefunden wurde. Hier standen, wie Kourouni­otis’ Ausgrabungen nachweisen konnten, ansonsten Statuen von Mitgliedern der antoninischen Kaiserdynas­tie. Erhalten haben sich allerdings nur deren Sockel; nach Ausweis der darauf angebrachten Inschriften sind die Statuen hier im Jahre 146 n. Chr. aufgestellt worden. Innerhalb dieser offiziellen Ausstattung wäre unser Knabe, wenn er denn ursprünglich dazugehört hätte, wie ein Fremdkörper erschienen. Denn dass hinter dem Hirtenjungen ein Mitglied einer offiziellen Familie gemeint gewesen wäre, dies können wir aufgrund der gemachten Überlegungen ausschliessen. Stattdessen müssen wir folgern, dass der Junge nicht zur ursprüngli­chen statua­rischen Ausstattung des Bouleuterions gehörte, sondern später – vielleicht erst in nachantiker Zeit – hierher verschleppt wurde. Darum können wir auch nicht Vermeule folgen, der aufgrund des archäologischen Befundes unseren Hirtenjungen als fest datiert ansah, da er annahm, dass er und die 146 n. Chr. aufgestellten Kaiserstatuen zur gleichen Zeit geschaffen worden wären. Unser Junge kann ebenso gut vorher wie nachher entstanden sein. Wir können die Statue also nur stilistisch vage datieren. Aufgrund der Gesichtszüge schlagen wir eine Datierung inner­halb der hadrianisch-frühantoninischen Zeit vor, womit wir uns chronologisch aber gleichwohl in jener Zeit bewegen, in der in Nysa das Bouleuterion ausgestattet wurde. Dies ist aber kein besonderer Zufall: Im mittleren 2. Jh. n. Chr. erlebten die kleinasiati­schen Städte einen generellen Boom, sowohl in der Architektur wie auch in der Bildhauerei.

Tomas Lochman

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