Sammlung

„Skulptur des Monats“ August 2010
Homer-Bildnisse

Originale

SH 265: Römische Marmorkopie nach einer um 150 v. Chr. geschaffenen Bildnisstatue des Homer (sog. Hellenistischer Blinden­typus); Paris, Louvre.

SH 536: Römische Marmorkopie nach einem Bronzeoriginal um 460 v. Chr.; München, Glyptothek (Inv. 273); Höhe: 40 cm.

SH 1352: Römische Marmorreplik des 2. Jhs.n.Chr. im sog. hellenistischen Blindentypus; Privatbesitz; Höhe: 13 cm.

SH 1408: Römische Marmorreplik im sog. hellenisti­schen Blindentypus; Neapel, Nationalmuseum (Inv. 6023); Höhe: 35 cm

SH 1676: Römische Marmorreplik im sog. hellenisti­schen Blindentypus; Basel, Antikenmuseum (Inv. BS 1208); Höhe: 54,5 cm.

SH 1691: Ehrenrelief, Werk des Bildhauers Arche­laos von Priene um 150/40 v. Chr.; Aus Bovillae; London, British Museum (Inv. 2191); Höhe: 115 cm.

Abgüsse

Hersteller: u.a. Werkstatt der Skulpturhalle (SH 1352 und 1691)
Inv.-Nr.: 63-9 / SH 536; 83-3 / SH 1352; 85-24 / SH 1408; 2000-3 / SH 1676; 2002-3 / SH 1691
Material: Gips, teilweise patiniert

Werkbetrachtung

Historisch ist die Person des Homer schwer fassbar. Seine genauere Lebenszeit ist nicht bekannt; man kann nur vermuten, dass er ungefähr in der zweiten Hälfte des 8. Jhs.v. Chr. gewirkt hat. Auch der genaue Her­kunftsort ist nicht überliefert, wir wissen aber mit ziemli­cher Sicherheit, dass Homer im ionischen Bereich Grie­chenlands heimisch gewesen ist. Als Geburtsort wurden u.a. Chios oder Smyrna erwogen. Die Unsicherheit der Überlieferung hängt damit zusammen, dass die griechi­sche Schrift just in der Lebenszeit Homers erfunden wurde und somit eventuelle schriftliche zeitgenössische Berichte zu Homer noch nicht niedergeschrieben wer­den konnten. Alle schriftlichen Erwähnungen Homers stammen aus späteren Zeiten. Den fehlenden verlässli­chen Lebensangaben steht aber umso eindrücklicher das überlieferte Werk des Homer gegenüber: die Epen Ilias und Odyssee sowie weitere kleinere Werke, die dem Dichter zugeschrieben werden. Selbst ohne diese „un­echten“ Werke umfasst sein literarisches Werk bereits insge­samt 28’000 Verse! Kein anderer griechi­scher Dichter hat ein derart reiches Oeuvre hinterlas­sen. In diesem literarischen Vermächtnis sowie in der Tatsache, dass Homer der erste griechische Autor war, der seine Dich­tungen schriftlich niedertrug, liegt die überragende Bedeutung Homers begründet. Durch seine Schriften hat er den mythologischen Stoff rund um den sagen­haften trojanischen Krieg, den vor ihm Generationen von Sängern nur mündlich weiterge­reicht hatten, zur dauerhaften Erinnerung verholfen und gleichzeitig hat er dabei die abendländische Literatur eingeläutet.

Abb. 1: Homer-Bildnis, Paris, Louvre (Abguss SH 265)
Abb. 1: Homer-Bildnis, Paris, Louvre (Abguss SH 265)

Wie gesagt, stammen alle schriftlichen Erwähnungen Homers erst aus späteren Zeiten, deren Autoren alle­samt keine gesicherten Fakten aus seinem Leben an­geben konnten – genauso verhält es sich mit seinen Bild­nissen: Die früheste bekannte plastische Darstellung Homers entstand in der Zeit um 460 v. Chr., also mehr als 200 Jahre nach seinem Tod. In dieser Zeit ist Homer längst zu einer mythischen Gestalt „aufgestiegen“. Seine Epen Ilias und Odyssee waren Pflichtlektüre in den Schulen, Gelehrte haben seine Werke immer wie­der neu kom­mentiert und selbst Naturwissenschafter haben ihre eigene Forschungen mit der Ilias und der Odyssee ver­knüpft; die Lektüre seiner Werke war Aus­gangspunkt für alles. Xenophanes hatte um 500 v. Chr. zweifellos Recht, wenn er sagte, dass „von Anbeginn alle nach dem Homeros gelernt haben“. Man feierte ihn bis ans Ende der Antike und errichtete ihm allerorten auf öffentlichen Plätzen und Heiligtümern Ehrenstatuen.

Abb. 2: Homer-Bildnis, München, Glyptothek (Abguss SH 536)
Abb. 2: Homer-Bildnis, München, Glyptothek (Abguss SH 536)

In der „Homerapotheose“, einem Ehrenrelief des Bild­hauers Archelaos von Priene an Homer und die Musen (unsere SH 1691) ist ein solches Homerheiligtum ange­deutet: Im unteren Fries der hochrechteckigen Marmor­stele (Abb. 5) sitzt Homer im Profil nach rechts auf ei­nem Thron, neben dem seine „Kinder“, die perso­nifi­zierten Werke Ilias und Odyssee, kauern. Hinter dem Dichter stehen Chronos (Zeit) und Oikumene (der be­wohnte Erdkreis), allegorische Gestalten, die aber mit Porträtköpfen des pergamenischen Königs Eume­nes II und seiner Mutter Apollonis versehen sind. Rechts fol­gen weitere Personifikationen, die die Wirkung und Be­deutung der homerischen Epen für die gesamte Geis­teswelt und alle Zeiten unterstreichen: Mythos, Historie, Poesie, Tragödie und Komödie, Physis (die menschliche Natur, als kleines Mädchen dargestellt) und schließlich Tu­gend, Gedächtnis, Treue und Weisheit, die alle dem Homer huldigen.

Abb. 3: Ausschnitt von der sog. Homerapotheose (SH 1696)
Abb. 3: Ausschnitt von der sog. Homerapotheose (SH 1696)

Schauen wir uns nun die Bildnisse Homers an. Wie erwähnt, wurden die ersten Bilder in der frühen Klassik geprägt, also zu jener Zeit, in der generell die ersten Bildnisse von berühmten historischen Personen entstan­den. Diese zeigen, genauso wie alle späteren Bildnisse der Griechen, die Beehrten in erster Linie aber nicht so, wie sie real ausgesehen haben könnten, sondern so, wie es sich die damalige Zeit vorstellte. Zum einen stan­den reale physiognomische Züge der Menschen nicht im Vordergrund des Interesses der bildenden Künstler, zum anderen sind die meisten Bildnisse pos­tume Werke. Darstellungen des Homer sind also so wie diejenigen der meisten anderen griechischen Dichter, Denker und Politiker keine lebensnahen physiognomi­schen Porträts sondern idealtypische Bilder.

Abb. 4: Homer-Bildnis, Basel, Antikenmuseum (Abguss SH 1676)
Abb. 4: Homer-Bildnis, Basel, Antikenmuseum (Abguss SH 1676)

Ein wesentliches Charakteristikum der meisten überlie­ferten Homerporträts ist, dass sie den Dichter blind zei­gen. Entweder sind die Augenlider ganz geschlossen oder sie sind nur leicht geöffnet (was einen etwas ver­schwommenen Blick evoziert). Die Frage ob Homer tatsächlich blind gewesen war, wäre zu kurz gegriffen, weil Blindheit im antiken Griechenland eine Art über­geordneter Topos war: Blind stellte man sich Seher oder eben auch Dichter vor, da sie gemäß dem damaligen Verständnis gerade dank des Umstandes, dass sie die reale Außenwelt nicht sehen konnten, in eine innere Welt hineinblicken konnten, aus der sie ihre Visionen und Inspirationen schöpften. Zu erleuchtetem Dichter passen auch die ausgeprägten Alterszüge. Auch hier geht es nicht darum, auf ein ansonsten nicht eindeutig belegbares hohes Alter des Homer anzuspielen, son­dern es geht um mehr: Die Alterszüge (die eingefalle­nen Wangen, die in tiefe Höhlen gebetteten Augen, die Krähenfüsse, die Furchen und die Stirnglatze) sind im Kontrast zum sorgfältig arrangierten Haar positive besetzte Zeichen eines würdevollen, lebenserfahrenen Mannes. Bei allen realistisch wirkenden Alterszügen sind Homers Bilder also reine Phantasiebildnisse die aber auf eine positive Charakterisierung abzielen.

Abb. 5: Homer-Bildnis, Neapel, Nationalmuseum (Abguss SH 1408)
Abb. 5: Homer-Bildnis, Neapel, Nationalmuseum (Abguss SH 1408)

Kommen wir auf die Porträts konkreter zu sprechen. Es sind zwei griechische Hautbildnisgruppen überliefert, die alle in zahlreichen römischen Kopien überliefert sind. Eine erste Bildnisschöpfung entstand in der Zeit um 460 v. Chr. Es ist ein Bildnis, das in der römischen Kopie in der Münchner Glyptothek (unsere SH 536) und weiteren 12 Repliken überliefert ist. Das Bild zeigt den Dichter in einem ausgeprägt längsovalen Gesicht mit geschlos­senen Augen, geöffneten Mund und gescheiteltem Kopfhaar.

Die zweite Hauptgruppe, zusammengefasst unter dem Begriff ‹Hellenistischer Blinden-Typus›, umfasst mindes­tens 22 römische Kopien (davon unsere Nr. SH 265, 1352, 1408 und 1676), die ein in der Zeit um 150 v. Chr. geschaffenes griechische Vorbild wiederholen. Hier sind die Augen nur leicht geöffnet und oben treten die Haare über einer Stirnglatze zurück.

In der archäologischen Forschung werden auch noch zwei weitere homerische Bildnistypen aufgeführt. Der ‹Typus Modena› – so benannt nach einer kleinen be­schrifteten Bronzebüste in der Galleria Estense in Modena – ist aber eher kein selbständiger Bildnistypus, weil er neben der kleinen Bronze in Modena ansonsten nur noch aus einer zweiten römischen Wiederholung, ebenfalls einer kleinen Bronze, besteht; vermutlich sind die beiden Bronzeköpfchen römische Varianten des klassischen Blindentypus, die sich dadurch abheben, als Homer hier die Augen offen hat. Ein letzter in der For­schung aufgeführter Bildnistypus ist ebenfalls umstrit­ten und auch er zeigt den Dichter mit sehenden Augen: Der ‹Apollonios-Typus›. Er unterscheidet sich von den anderen auch durch eine ganz andere Haarges­taltung und ein generell anderes Aussehen. Benannt wird dieser Typus nach Apollonios von Tyana, einem Philo­sophen des 1. Jhs. v. Chr., mit dem dieser Bildnisty­pus auch schon verbunden worden ist. Dass die Köpfe dieser Gruppe Homer darstellen könnten, legt aber immerhin die Ähn­lichkeit zu einem beschrifteten Porträt auf Münzen der Stadt Amastris nahe.

Tomas Lochman

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