Sammlung

„Skulptur des Monats“ September 2010
Pindar-Bildnisse

Originale

SH 1471: Römische Hermenbüste, Marmorkopie trajanischer Zeit nach einem Bronzeoriginal um 460 v. Chr. Ehem. Slg. Giustiniani, heute Rom, Museo Capitolino (Inv. 587). Höhe: 54 cm.

SH 1472: Römischer Büstenkopf, Marmorkopie des frühen 2. Jhs. n. Chr. nach demselben griechischen Original wie bei SH 1471. Rom, Museo Capitolino (Inv. 586). Höhe: 37 cm.

Abgüsse

Hersteller: Firma Bertolin, München
Inv.-Nr.: 88-30 / SH 1471; 88-31 / SH 1472
Material: Gips

Werkbetrachtung

Der böotische Dichter Pindar lebte an der Wende der Archaik zur Klassik. Seine Lebensdaten lassen sich indessen nicht auf ein Jahr genau fixieren: Geboren ist er entweder im Jahre 522 oder 518 v. Chr., gestorben wohl kurz nach 446 v. Chr. Damit ist zumindest unbestritten, dass er ein hohes Alter erreichte. Seine Geburtsstadt ist Theben, doch da er als berühmter und weit geschätzter Dichter früh überregionale Beachtung erfuhr, ist er viel in der damaligen Welt herumgekommen. Er wirkte an zahlreichen Fürstenhöfen und hielt sich selbst in Athen auf, zu der er wegen seiner aristokratischen Herkunft und Perserfreundlichkeit in eher zwiespältiger Beziehung stand. Da sich Pindar aber auch als Hellene verstand, würdigte er die Rolle Athens in den Perserkriegen und beehrte die Stadt mit einem Festlied. Am Ende seines Lebens kehrte er in seine Heimatstadt, die von den Persern verschont wurde, zurück, wo er verstarb und begraben wurde.

Sein dorisch-archaischer Sprachstil ist feierlich, manchmal etwas dunkel, und seine Gedichte sind bisweilen schwierig zu verstehen. Von seinem Oeuvre haben sich über 20’000 Verse erhalten, was mengenmässig fast an die 28’000 überlieferten Verse des Homer heranreicht. Der grösste Teil seiner Dichtungen waren vor allen Dingen Siegeslieder für erfolgreiche Wettkämpfer bei den Olympischen und Delphischen Spielen, in denen er die Lobpreisungen der Sieger stets auch mit kultischen und metaphysischen Dimensionen verband.

Abb. 1: Gipsabguss der Pindar-Büste in der Skulpturhalle (SH 1472)
Abb. 1: Gipsabguss der Pindar-Büste in der Skulpturhalle (SH 1472)

Kommen wir auf die beiden Büsten zu sprechen. Der Kopf des Dichters ist bei beiden übereinstimmend „energisch“ nach links gewendet. Der Schädel wirkt wegen der rechteckigen Grundform und den hervortretenden Wangenknochen markig. Das kurz geschnittene aber volle Haar fällt vorne auf die Stirn und gabelt sich über der Nasenwurzel. Das Barthaar hat eine ähnliche dünne Struktur wie das Kopfhaar, ist unter dem Kinn aber genug lang, um zu einem kleinen Knoten zusammengenommen zu werden. Im Gesicht selbst fallen die trotz zusammengezogenen Brauen weit geöffneten Augen sowie die markante Nase auf. Auch die Ohren sind auffällig gross. Realitätsnahe, ungeschönte Züge sind auch die Tränensäcke und die Einkerbung im Bereich des Kinns (Eigentümlichkeit der Bartfrisur oder eine Narbe?). Für ein griechisches Bildnis ist das vorliegende auffällig individualisiert gestaltet; dies, sowie die Kompaktheit der Schädelform und die eng anliegenden Haare sind charakteristische Züge für die Periode der ‹Strengen Stils›, während der die Künstler experimentierfreudiger geworden waren als zuvor und als man im Bereich der Bildniskunst stark physiognomische, realitätsnähere Bildnisse schuf, wie dann später nicht wieder. Die in die Zeit um 460 v. Chr. zu datierende originale Bildnisstatue ist nicht mehr erhalten, doch über das Aussehen des Kopfes geben uns die beiden Kopien, zusammen mit sieben weiteren Repliken desselben Typus, dennoch eindrücklich bescheid.

Abb. 2: Gipsabguss der Pindar-Herme in der Skulpturhalle (SH 1471)
Abb. 1: Gipsabguss der Pindar-Herme in der Skulpturhalle (SH 1471)

Unsere beiden Repliken unterscheiden sich voneinander nur hinsichtlich der Büstenform. Der Kopf SH 1472 weist einen niedrigen halbrunden Büstenansatz auf, mit dem er ursprünglich in einen separat gearbeiteten Oberkörper eingefasst war. Die Büste SH 1471 war hingegen von vornherein als selbständige Herme gearbeitet worden – quasi als Abbreviatur einer grösseren Statue.

Die Inschrift auf der unteren Leiste der Herme führte in der Frühzeit der Archäologie zu einer irrigen Deutung, weil die erhaltenen fehlerhaften Buchstaben …IANUS I{M}PE(R)ATOR auf den spätrömischen Kaiser Iulianus Apostata bezogen wurden. Diesen stellt das frühgriechische Bildnis aber auf keinen Fall dar: Die ominöse Beischrift stammt nämlich erst aus dem Mittelalter und wurde offensichtlich willkürlich angebracht. Länger hielt sich in der Fachwelt hingegen eine andere Deutung. Aufgrund des Zeitstils und dem Bartknoten dachte man lange Zeit an den spartanischen Feldherrn Pausanias. Dieser, ein Zeitgenosse Pindars, erlangte als Befehlshaber über das vereinigte Griechenheer beim Sieg gegen die Perser in der Schlacht von Platää im Jahre 479 v. Chr. grosse Berühmtheit. Doch später wurden Pausanias seine Beziehungen zum Feind zum Verhängnis sowie sein angeblicher persischer Lebensstil, den einzelne Porträtforscher genau im Bartknoten belegt sehen wollten, weil sie diese Bartmode als persisch ansahen.

Abb. 3: Pindartondo aus Aphrodisias
Abb. 3: Pindartondo aus Aphrodisias

Klarheit bezüglich der richtigen Deutung unseres Bildnistypus konnte erst 1981 ein Neufund in der römischen Stadt und Bildhauerzentrum Aphrodisias bringen. Im sog. polygonalen Gebäude dieser kleinasiatischen Stadt wurde ein spätrömischer Tondo ausgegraben, der nicht nur die Büste genau dieses Mannes mit Bartknoten zeigt, sondern darüber hinaus dank der Inschrift den Dargestellten als Pindar bezeichnet (Abb. 3). Damit ist kein Zweifel an der Deutung unserer Bildnisse erlaubt, denn die Zeitstufe der zugrunde liegenden originalen Bildschöpfung passt bestens in die Lebenszeit Pindars ebenso wie die von der idealen Schönheitsnorm abweichenden individualisierenden Gesichtszüge zur überlieferten frommen Selbstbescheidung dieses Dichters. Die groben Züge, die Narbe auf dem Kinn sowie auch der eigentümliche Bartknoten, der wohl auf eine alte böotische Mode zurückgeht, legen nahe, dass dieses Porträt wohl noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Dargestellten entsprungen ist; es dürfte noch zu Lebzeiten des Dichters, vielleicht als dessen Auftrag entstanden sein. Herausgekommen ist ein Bildnis, das den Dichter als konzentriert blickenden, energischen Mann in reifem Alter von ca. 50 bis 60 Jahren festhält. Dieses Bildnis war ursprünglich sicherlich eine Ganzkörperstatue, die entweder sass oder stand, und die, wie die Herme mit dem Gewandrest anzeigt, ein über die linke Schulter geworfenes Himation trug. Denkbar ist, dass der Dichter in der Linken eine Lyra hielt. Mehr kann hierzu nicht gesagt werden, da sich unser Bildnistypus nicht mit einer in den antiken Schriftquellen beschriebenen Pindarstatue verbinden lässt. Eine dergestalt überlieferte Sitzstatue des Pindar, die auf der Athener Agora zu sehen war, muss auf eine andere, spätere Schöpfung zurückgehen, da für diese eine andere Kopfhaltung und eine Binde überliefert sind, die unser Typus nicht aufweist. Wahrscheinlich haben Pindarbewunderer auch in späteren Zeiten immer wieder neue Denkmäler zu seinen Ehren errichtet – wichtig ist aber die aufgrund unserer Repliken gemachte Folgerung, dass das erste Bildnis bereits während den Lebzeiten dieses grossartigen Dichters entstanden ist.

Tomas Lochman

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