Sammlung

„Skulptur des Monats“ Okotber 2010
Sokrates-Bildnisse

Originale

SH 169: Basaltbüste, Römische Kopie nach einer Bildnisstatue des Butes(?) um 380/70 v. Chr.; München, Glyptothek; Höhe: 40 cm

SH 170: Herme, Römische Marmorkopie nach einer Bildnisstatue des Lysipp um 340 v. Chr.; Paris, Louvre (Inv.); Höhe: 52 cm

SH 171: Herme, Römische Marmorkopie(?) nach einem Original aus dem 2. Jh. v. Chr.(?); Aus Tusculum; Rom, Villa Albani (Inv. 1040); Höhe: 51 cm

SH 1409: Büste, Römische Marmorkopie nach demselben Vorbild wie bei SH 169; Aus Rom (einst Slg. Farnese). Neapel, Nationalmuseum (Inv. 6129); Höhe: 37 cm

Abgüsse

Hersteller: Malpieri, Rom (SH 171); Königliches Museum für Abgüsse, München (SH 169); Atelier de Moulages, Paris (SH 170); Bertolin, München (SH 1409)
Inv.-Nr.: 14-9/SH 169; SH 170; 1889-4/SH 171; 85-25/SH 1409
Material: Gips

Werkbetrachtung

Sokrates kam als Sohn des Steinmetzen Sophroniskos und der Hebamme Phainarete im Jahre 469 v. Chr. in Alopeke auf die Welt. Er lebte und wirkte in Athen, wo er im Jahre 399 gewaltsam verstarb, nachdem er wegen angeblicher Gottlosigkeit und zersetzender Einflüsse auf die Jugend zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde. Durch sein Äusseres sowie vor allem durch seine Art des Denkens und seine provozierenden Fragen hatte er zu seinen Lebzeiten die Athener bisweilen stark irritiert. Bewunderung und nachhaltige Wirkung erfuhr sein geistiges Erbe erst nach seinem Tode dank den Schriften seiner Schüler, der Sokratiker.

Abb. 1: Büste, Römische Marmorkopie nach demselben Vorbild wie bei SH 169; aus Rom (einst Slg. Farnese), Neapel, Nationalmuseum (Inv. 6129)
Abb. 1: Büste, Römische Marmorkopie nach demselben Vorbild wie bei SH 169; aus Rom (einst Slg. Farnese), Neapel, Nationalmuseum (Inv. 6129)

Was sein Äusseres angeht, so wurde Sokrates übereinstimmend als hässlich und dickbäuchig bezeichnet. Er habe einem Silen geglichen, dem mythologischen Mischwesen zwischen Mensch und Pferd aus dem Gefolge des Dionysos. Sein Äusseres entsprach also keineswegs dem klassisch griechischen, freilich stark stilisiertem Ideal des kaloskagathos (des ‹Schönen und Guten›), gemäss welchem innere und äussere Schönheit im Gleichklang zu stehen hatten. Die für Sokrates überlieferte Hässlichkeit wird noch durch die in der damaligen Zeit üblich gewordene Verspottung und Karikierung von Sophisten verstärkt: Sophisten waren im 5. Jh. v. Chr. Intellektuelle, die sich als „Weisheitslehrer“ verdingten und mit denen übrigens auch Sokrates hart ins Gericht ging, weil er ihr Scheinwissen entlarvte. Auf attischen Vasenbildern werden solche Lehrer gerne mit übergrossen Kopf und deformierten ja geradezu „normwidrigen“ Gesichtszügen überzeichnet. Diese spöttischen Vergleiche mit dämonischen Wilden, wie eben Silenen oder Satyrn, haben die Schöpfer der Sokratesbildnisse offensichtlich ganz bewusst aufgenommen, und damit wohl abermals für Irritation gesorgt. In der Tat fallen auf den Sokratesbildnissen genau diejenigen Züge auf, die auch für Silene bezeichnend sind: das eigenartig aufgedunsene breite Gesicht, die Stumpfnase und die grossen „Nüstern“, die Stirnglatze, die langen Nacken- und Schläfenhaare.

Abb. 2: Basaltbüste, Römische Kopie nach einer Bildnisstatue des Butes(?) um 380/70 v. Chr.; München, Glyptothek
Abb. 2: Basaltbüste, Römische Kopie nach einer Bildnisstatue des Butes(?) um 380/70 v. Chr.; München, Glyptothek

Der Tatbestand der Silensähnlichkeit lässt keinen Zweifel an der Identifizierung der zahlreichen römischen Sokratesporträts zu. Zwei von solchen Porträts sind darüber hinaus sogar inschriftlich beglaubigt: Eine Doppelherme mit Seneca in Berlin und eine Herme in Neapel. Alle überlieferten Bildnisse – insgesamt rund drei Dutzend Köpfe bzw. Büsten oder Hermen sowie eine kleine Ganzkörperstatuette – stammen aus der römischen Zeit, und zwar vor allem aus der fortgeschrittenen Kaiserzeit, was wohl im Zusammenhang des damaligen Wiederauflebens des Platonismus in Italien, wo die meisten Köpfe zum Vorschein kamen, zu sehen ist. Alle diese römischen Kopien gehen auf zwei unterschiedliche griechische Vorbilder aus dem 4. Jh. v. Chr. zurück. Das ältere dürfte wohl nur 20–30 Jahre nach Sokrates’ Tod vermutlich von seinen Schülern im Musenheiligtum der Akademie des Platon aufgestellt worden sein. Neuere Forschungsresultate deuten darauf hin, dass der Urheber der Bronzestatue ein Künstler namens Butes war. Das Bildwerk zeigte den Philosophen wahrscheinlich stehend im Himation mit leicht nach rechts gewandtem Kopf. Die römischen Kopisten haben von dieser Statue in der Regel nur den Kopf- bzw. Büstenausschnitt kopiert, insgesamt sind sieben Kopfrepliken dieser ersten Fassung (die die Archäologen als Typus A bezeichnen). – Die andere Fassung geht ziemlich sicher auf den Bildhauer Lysipp zurück: Um 330 v. Chr. beauftragten die Athener diesen führenden Bildhauer mit der Herstellung einer bronzenen Ehrenstatue. Nachdem der Philosoph von den Athenern rund 70 Jahre zuvor hingerichtet wurde, erfuhr er somit seine späte Rehabilitierung. Die Schöpfung des Lysipp zeigte den Philosophen mit im Vergleich zum früheren Porträt gemilderten Komponenten, die das Satyrhafte im Gesicht leicht zurücknahmen. Von diesem jüngeren (Typus B), der beliebter war, zeugen annähernd 30 Köpfe bzw. Büsten, darunter auch die beiden mit inschriftlicher Bezeichnung, sowie die verkleinerte Statuettenreplik, die auch den (dickbäuchigen) Körper überliefert (Abb. ).

Abb. 3: Herme, Römische Marmorkopie nach einer Bildnisstatue des Lysipp um 340 v. Chr., Paris, Louvre (Inv.)
Abb. 3: Herme, Römische Marmorkopie nach einer Bildnisstatue des Lysipp um 340 v. Chr., Paris, Louvre (Inv.)

Manche Archäologen gesellen den zwei griechischen Bildnistypen noch einen dritten zu (sog. Typus C), der vielleicht auf eine hellenistische Schöpfung zurückgeht. Hier ist – im Gegensatz zum lysippischen Bild – das Silenhafte wieder verstärkt worden. Allerdings sind von diesem „Typus“ nur gerade zwei römische Repliken überliefert (darunter der Kopf in der Villa Albani, unsere SH 171); es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese jüngere Bildnisvariante erst in der römischen Kaiserzeit geprägt worden ist.

Abb. 4: Herme, Römische Marmorkopie(?) nach einem Original aus dem 2. Jh. v. Chr.(?); aus Tusculum; Rom, Villa Albani (Inv. 1040)
Abb. 4: Herme, Römische Marmorkopie(?) nach einem Original aus dem 2. Jh. v. Chr.(?); Aus Tusculum; Rom, Villa Albani (Inv. 1040)

Der berühmteste Satz, der auf Sokrates zurückgeht und der typisch für seine Denkweise ist, lautet verkürzt: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“. Sokrates verstand sich nämlich nicht als Weisen sondern als jemand, der unentwegt Fragen stellt und – frei von materiellen Zwängen oder politischen Ambitionen – nach der Weisheit sucht. Er sprach denn auch von einer Liebe (philia) zur Weisheit (sophia) womit er nebenher den Begriff ‹Philosophie› prägte. Neu war bei Sokrates, dass er bei seinem Denken nicht von der Beobachtung der Natur oder von kosmologischen Fragen ausging, sondern sich auf den Menschen als Wesen konzentrierte. Damit stellt Sokrates’ Lehre einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte dar. Während vorsokratische Philosophen in erster Linie „Naturphilosophen“ waren, beschäftigte sich Sokrates als erster mit rein geistigen und ethischen Themen.

Die Form seines Wirkens war das Gespräch, Bücher hat er keine verfasst. So sind seine Lehren durch Niederschriften seiner Schüler aus zweiter Hand überliefert, allen voran von Xenophon und Platon. Letzterer hat in seinem Gastmahl gerade auch den Gegensatz von Innen und Aussen, zwischen Sein und Schein erörtert, was mit dem Zwiespalt zwischen dem noblen Inneren und dem hässlichen Äusseren des Sokrates in Verbindung gebracht werden kann. Im scheinbar hässlichen Körper lebt der vollkommene Geist. Das Sokratesbild konterkarierte also das Wertesystem einer Gesellschaft, die allein auf Schein und Trugbild gebaut war, und dies auf eine, wenn auch nicht ganz frei von Ironie, sehr eindrückliche Art und Weise.

Tomas Lochman

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