Sammlung

„Skulptur des Monats“ November 2010
Platon-Bildnisse

Originale

SH 173: Kopie der frühen Kaiserzeit nach der Bildnisstatue des Silanion um 350 v. Chr.; ehemals Privatbesitz R. Boehringer, Genf; jetzt München, Glyptothek (Inv. 548); Höhe: 36 cm

SH 662: Herme mit falscher Namensbeischrift Zenon. Kopie des 1. Jhs. n. Chr. nach der Bildnisstatue des Silanion um 350 v. Chr.; aus Neapel; Rom, Vatikanische Museen (Inv. 305); Höhe 48 cm

SH 661: Kopie des 2. Jhs.n.Chr. nach der Bildnisstatue des Silanion; aus der Gegend von Rom; Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek (Inv. 2553); Höhe: 37 cm

SH 660: Kopie des frühen 2. Jhs.n.Chr. nach einer hellenistischen(?) Variation des Platonbildnisses des Silanion um 350 v. Chr.; Basel, Antikenmuseum (Inv. Kä 229); Höhe: 35,5 cm

SH 1544: Sitzstatuette des Platon mit nicht zugehörigem Kopf, aber mit Beschrift [P]laton; Original verschollen (Zweitabguss nach einem Abguss in Göttingen); Höhe: 51 cm

Abgüsse

Hersteller: Abgusswerkstätten der Skulpturhalle (SH 660), der Ny Carlsberg Glyptothek (SH 661), der Staatlichen Skulpturensammlung Dresden (SH 662) und des Archäologischen Seminars Göttingen (SH 1544), sowie Geschenk von R. Boehringer, Genf (SH 173)
Inv.-Nr.: 46-1/SH 173; 63-43/SH 660; 64-12/SH 661; 66-19/SH 662; 91-21/SH 1544
Material: Gips, teilweise patiniert

Werkbetrachtung

Platon wurde 428/27 v. Chr. als Sohn einer adligen Familie in Athen geboren. Sein Vater liess sich auf den mythischen König Kodros zurückführen, seine Mutter wies gemeinsame Vorfahren mit Solon auf. Trotz seiner gesellschaftlichen Vorzugsstellung und Verwandten, die während der Tyrannis in Athen herrschten, betätigte sich Platon aber zeitlebens nie in der Politik.

Mit 20 Jahren wurde er Schüler des Sokrates. Nach der Hinrichtung seines Lehrers im Jahre 399 v. Chr. begann wohl Platons schriftstellerische Tätigkeit. Eine Reise nach Megara, sowie Bildungsreisen nach Ägypten, Kyrene und Tarent führten Platon schliesslich nach Syrakus. Auf der Rückreise wurde er gefangen genommen und als Sklave verkauft. Nach seiner Freilassung kehrte er nach Athen zurück. Bald darauf gründete er im Hain des Ortsheiligen Akademos nordwestlich von Athen seine Schule, die fortan nach jenem lokalen Heros ›Akademie‹ genannt wurde. Ganz in der Nähe kaufte er ein Haus mit Garten, wo er den Musen einen Bezirk mit Altar weihte. Der Unterricht fand in seinem Haus und im Gymnasion der Akademie statt. Das hohe Ansehen seiner Akademie zog zahlreiche begabte Studenten und selbstständige Lehrer auch von auswärts an. Der kostenlose Unterricht umfasste alle damals bekannten mathematischen Disziplinen sowie Zoologie, Botanik, Logik und Rhetorik. Einzig in Mathematik und Astronomie schien Platon Vorgaben zu Problemen und Lehrzielen gegeben zu haben; ansonsten konnten von den verschiedenen Lehrern auch sehr kontroverse Ansichten vermittelt werden. Erkenntnisse zogen die Philosophen hauptsächlich aus gemeinsamen Gesprächen, bei denen das Thema durch präzises Nachfragen immer klarer dargelegt und beantwortet wurde. Nach seinem Tod 347 v. Chr. wurde Platon in der Akademie als göttlicher, von Apollon gezeugter Gründer verehrt und sein Geburtstag als Schulfest gefeiert. Die Akademie blieb bis ins 1. Jh. v. Chr. eine Bildungsstätte. Nach einem Unterbruch von mehreren Jahrhunderten erlebten im Zuge des Neuplatonismus im 5. und 6. Jh. n. Chr. Platons Werk und seine Schule in Athen eine Wiederbelebung: Das ehemalige Grundstück der Akademie gelangte vermutlich wieder in Besitz der Platoniker, der Unterricht fand jedoch in einem Privathaus am Südhang der Akropolis statt.

Abb. 1: Büste, München, Glyptothek (Abguss SH 173)
Abb. 1: Büste, München, Glyptothek (Abguss SH 173)

Von Platon sind uns 36 in sog. Tetralogien angeordnete Schriften bekannt. Sie bestehen aus 34 Dialogen, der Apologie des Sokrates und einer Sammlung von 13 Briefen. Das schriftliche Werk Platons gilt als komplett überliefert. Hinzu kommt eine reiche indirekte Überlieferung. Eine vor der Öffentlichkeit gehaltene Vorlesung, die in verschiedenen Nachschriften von Platons Schülern erhalten ist, umfasst einen grossen Teil der mündlichen Philosophie Platons. Dadurch, dass er nicht alle seine Theorien schriftlich niedergelegt hat, betont Platon, dass das Mündliche für ihn wichtiger war als das Schriftliche. Denn die Schrift hat drei grosse Mängel: Sie kann keine Fragen beantworten, nicht nach Bedarf reden oder schweigen und sich nicht selbst gegen Angriffe verteidigen.

Platons Schriften vermitteln keine eigentliche Lehre, sondern bieten vielmehr Fragen, (unausgeführte) Denkansätze, Widersprüche und Lücken. Sie umfassen Ethik und Anthropologie, Überlegungen zum idealen Staat, Kosmologie und Prinzipienlehre.

Abb. 2: Büste, Rom, Vatikanische Museen (Abguss SH 662)
Abb. 2: Platon-Bildnis, Rom, Vatikanische Museen (Abguss SH 662)

Zentral in Platons Philosophie ist seine Ideenlehre. Die sichtbaren Dinge der Welt sind blosse Abbildungen von zugrunde liegenden Ideen, sog. Urbildern, zu denen man auf der Suche nach Wahrheit stets vordringen sollte, da der Schein gegenüber dem Urbild unvollkommen und vergänglich ist. So ist für Platon auch die Kunst nur ein täuschendes Abbild von Dingen.

Dieser Unterscheidung zwischen ›Schein‹ und ›Sein‹ müssen wir beim Betrachten seiner Bildnisse bewusst machen, da die Schöpfer der klassischen Bildnisse durch die Kombinierung von Charaktermerkmalen des Dargestellten mit starker zeitgemässer Idealisierung genau diese Kluft zu überwinden suchten.

Abb. 3: Platon-Bildnis, Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek (Abguss SH 661)
Abb. 3: Platon-Bildnis, Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek (Abguss SH 661)

Schauen wir nun konkret seine Bildnisse an: Dargestellt ist jeweils ein Mann mit einem relativ breiten Kopf, der von einem langen Bart aus breiten Locken gerahmt ist. Mit den Stirnfalten und den eingefallenen, etwas schlaffen Wangen ist der Philosoph als älterer Mann dargestellt, jedoch nicht als Greis, da seine Haare kurz geschnitten sind und nicht in Strähnen herunterhängen. Der ernste Ausdruck kommt von den Stirn- und Nasenfalten und den zusammengezogenen Augenbrauen. Typisch ist auch die Sichellocke über der rechten Schläfe.

Die antiken Quellen beschreiben Platon als gut aussehend und kräftig, sie überliefern aber auch eine breite Brust und Stirn: Danach soll Platon, der ursprünglich Aristokles hiess, seinen Namen erhalten haben (nach platys = ‹breit›, ‹platt›). Auch sein strenges und würdevolles Auftreten wird mehrfach erwähnt.

Abb. 4: Platon-Bildnis, Basel, Antikenmuseum (Abguss SH 660)
Abb. 4: Platon-Bildnis, Basel, Antikenmuseum (Abguss SH 660)

Einer dieser Autoren, der im 3. Jh. n. Chr. tätige Philosophiehistoriker Diogenes Laertios (3.25), berichtet darüberhinaus, dass ein Perser Namens Mithridates in der Akademie den Musen eine Statue des Platon geweiht hat, die vom Bildhauer Silanion geschaffen wurde. Auf dieses Urbild werden alle überlieferten Platonköpfe zurückgeführt. Selbst die Repliken im Typus

Der sogenannte Typus Holkham Hall, die sich von allen anderen Platonporträts in wenigen Details von den anderen Stücken unterscheidn (die Stirnfalten sind etwas stärker geschwungen, die Brauen und der Schnauzbart sind stärker abgesetzt und die Falten auf den Wangen tiefer) gehen über eine vermutliche hellenistische Variante indirekt auf das Silanon-Urbild zurück.

Abb. 5: Platon-Bildnis, Göttingen (Abguss SH 1544)
Abb. 5: Platon-Bildnis, Göttingen (Abguss SH 1544)

Die präzise Datierung dieses Urbildes ist umstritten. Für viele ist die Statue von Silanion nach Platons Tod im Jahre 363 v. Chr. entstanden, für andere noch zu seinen Lebzeiten.

Lange Zeit war die Identifizierung der Platonbildnisse unklar. Erst mit der sog. Herme Castellani mit der Inschrift Πλάτων (Platon), die 1884 in die Staatlichen Museen in Berlin gelangte, wurde eine Zuordnung möglich. Damit wurde auch klar, das die Beischrift Zenon, die auf der Herme in Vatikan zu lesen, auf eine Verwechslung zurückgeht. Nicht alle Forscher waren jedoch mit dieser Deutung glücklich; der Kopf schien nicht so richtig zum Ideal des Philosophen Platons zu passen. Der Philologe U. v. Willamowitz soll die Archäologen sogar aufgefordert haben, sie sollen doch gefälligst nach einem anderen Platon-Bildnis Ausschau halten! Heute ist die Zuweisung und die bildnerische Qualität des Bildnisses unbestritten.

Josy Luginbühl

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