Sammlung
„Skulptur des Monats“ Dezember 2010
Demosthenes-Bildnisse
Originale
Römische Marmorkopien nach der Bronzestatue des Polyeuktos um 280 v. Chr.:
SH 238: Kopf, einst mit einer Sitzstatue des Pindar (?) verbunden, von dieser (Paris, Louvre, Ma 79) stammt noch der Abguss der Büste; ehemals Villa Montalto, Florenz; von Napoleon nach Frankreich gebracht; heute Paris, Louvre (Inv. Ma 79b); Höhe: ca. 28 cm (ohne Büste)
SH 1150: Kopf, in den 70er Jahren im Kunsthandel; aktueller Aufbewahrungsort unbekannt; Höhe: 33 cm
SH 1258: Kopf mit Einlasszapfen; Aufbewahrungsort unbekannt; Höhe: 38 cm
SH 1290: Statue. Aus Kampanien (?); Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek (Inv. 2782); Höhe: 202 cm (ohne Plinthe 192 cm)
SH 1296: Statue, ohne Kopf; Brüssel, Musées Royaux d’Art et d’Histoire; Höhe: 183 cm
SH 1732: Kopf; Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig (Leihgabe); Höhe: 37,5 cm
Abgüsse
Hersteller: Gipsformerei Mercatali, Rom (SH 1258); Kopenhagen, Atelier der Ny Carlsberg Glyptothek (SH 1290), Restaurierungsatelier des Antikenmuseums Basel (SH 1150 und SH 1732); Abgussformerei Bertolin München (SH 1296)
Inv.-Nr.: 1885-2/SH 238; 76-11/SH 1150; 79-93/SH 1258; 80-19/SH 1290; 2005-7/SH 1732
Material: Gips, teilweise patiniert
Werkbetrachtung
Demosthenes war einer der berühmtesten Redner Griechenlands und leidenschaftlicher Verfechter der athenischen Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber der makedonischen Vorherrschaft. Das erhaltene Corpus Demosthenicum enthält 60 Reden, einen Brief Philipps, eine Sammlung von 56 zu Reden) und eine von sechs weiteren Briefen.
Die Hauptquelle zum Leben des Demosthenes ist die von Plutarch verfasste Vita des Redners. Geboren wurde er 384/83 v. Chr. in Athen als Sohn eines Waffenproduzenten. Der Vater starb, als Demosthenes sieben Jahre alt war. Für das stattliche Vermögen, das ihm Sein Vater hinterliess, waren fortan Vormünder zuständig, die sie jedoch schamlos veruntreuten.
Demosthenes soll schon als Junge eine schwächliche körperliche Konstitution gehabt haben, war mager und kränklich und hatte einen Sprachfehler. Trotz dieser Makel widmete er sich dem Studium der Jurisprudenz und der Rhetorik und wurde durch Selbstdisziplin, stetiges Üben und die Schulung durch grosse Lehrer – neben Isaios soll er auch Platon gehört und die Schriften des Isokrates studiert haben – ein meisterhafter Redner. Die Betrügereien seiner Vormünder, denen er zunächst nur machtlos zusehen konnte, waren ein entscheidender Faktor für die Wahl seines Berufes. Wohl im Alter von 20 Jahren prozessierte er denn auch gegen die Veruntreuer seiner Erbschaft, bekam aber nur einen kleinen Teil des väterlichen Vermögens als Rückerstattung zugesprochen.

Abb. 1: Demosthenes-Statue mit der alten Ergänzung der Buchrolle, Kopenhagen (Abguss SH 1290)
Daraufhin arbeitete Demosthenes einige Jahre lang als Logograph, d.h. als Verfasser von Gerichtsreden für eine zahlende Klientel, und sammelte wertvolle Erfahrungen im Umgang mit der Sprache.
Erstmals auf die politische Bühne trat Demosthenes um das Jahr 355 v. Chr. mit seiner Rede „Über die Symmorien“, mit der er für die Wahrung der Unabhängigkeit Athens einstand, nachdem es den Bundesgenossenkrieg verloren hatte und Philipp II. von Makedonien die Vormachtstellung in Griechenland zu erlangen suchte. Der patriotische Demosthenes wurde zu dem wortgewandten Verfechter von Freiheit und attischer Macht, als der er schon von Zeitgenossen gerühmt und von der Nachwelt bewundert wurde. Berühmt sind seine „philippischen Reden“ (zwischen 351 und 341 v. Chr. gehalten), in denen er die Griechen immer wieder zum vereinten Widerstand gegen die makedonische Vorherrschaft aufrief.

Abb. 2: Demosthenes-Bildnis, aktueller Aufbewahrungsort unbekannt (Abguss SH 1150)
Für seine Verdienste um den Staat beantragte Ktesiphon nach dem Tod Philipps II. 336 v. Chr. die öffentliche Ehrung des Demosthenes mit einem goldenen Kranz. Sein grösster politischer Gegner, der makedonierfreundliche Aischines, ging jedoch gegen diese Ehrung gerichtlich vor. Zum Gerichtsverfahren kam es aber erst sechs Jahre später. In seiner berühmtesten Rede „Für Ktesiphon“ (sog. Kranzrede) rechtfertigte Demosthenes sein politisches Wirken dermassen brillant, dass Aischines nach seiner schmachvollen Niederlage Athen verliess.
324 v. Chr. floh Demosthenes wegen eines Bestechungsskandals nach Ägina, wurde aber nach dem Tod Alexanders 323 v. Chr. begnadigt und kehrte in allen Ehren nach Athen zurück. Nachdem der Makedonier Antipatros 322 v. Chr. Athen besetzte, fiel Demosthenes erneut in Ungnade und wurde zum Tode verurteilt; er entzog sich seiner Hinrichtung jedoch zunächst durch Flucht auf die kleine Insel Kalauria und schliesslich durch Freitod durch Gift.

Abb. 3: Demosthenes-Bildnis, Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig (Abguss SH 1732)
42 Jahre nach seinem Tod stellten ihm die Athener 280 v. Chr. auf Antrag seines Neffen Demochares eine von Polyeuktos geschaffene Bronzestatue auf der Agora von Athen auf. Auf der Basis der Statue stand geschrieben: "Hättest du gleich deinem Willen, Demosthenes, Kräfte besessen, nie hätte der makedonische Kriegsgott die Griechen beherrscht" (Plutarch, Demosthenes 30). Die Errichtung der Ehrenstatue ist als Rehabilitation Demosthenes zu verstehen, der als emblematische Figur des Widerstandes gegen die Makedonier nach dem Tod Seleukos, dem letzten direkten Nachfolger Alexanders, gefeiert wurde.
Die Statue des sonst unbekannten Künstlers Polyeuktos wurde Vorbild für die rund 50 erhaltenen marmornen Kopfrepliken und die drei lebensgrossen Statuenkopien aus römischer Zeit. Mit Demosthenes in Verbindung gebracht werden konnte der Porträttypus anhand einer Namensinschrift auf einer kleinen Bronzebüste aus der Villa dei Papiri in Herkulaneum (Neapel, Museo Archeologico Nazionale, Inv. 5467).

Abb. 4: Demosthenes-Bildnis, Aufbewahrungsort unbekannt (Abguss SH 1258)
Vom Aussehen der hellenistischen Ehrenstatue zeugt am besten die Replik in Kopenhagen, die bis auf die Hände vollständig erhalten ist. Paul Hartwig brachte ein in den Gärten des Palazzo Barberini in Rom gefundenes Fragment zweier ineinander verschränkter Hände mit der Demosthenesstatue in Verbindung zumal bereits Plutarch (Demosthenes 31) eine solche Handhaltung beschrieben hatte; mit den sich fassenden Händen sollte wohl die Leidenschaft Demosthenes’ zum Ausdruck gebracht werden, die er im Zaum zu halten versucht. Er trägt einen einfachen Mantel und einen Bart in der Art der klassischen Porträtstatuen. Körperhaltung und Gesichtsausdruck widerspiegeln hingegen erstmals die geistigen Fähigkeiten und Anstrengungen als Voraussetzung für politische Leistungen. Denn die Statue wirkt nur auf den ersten Blick ruhig: Die Haltung der Arme und Beine wirkt verkrampft und auch die zusammengezogenen Brauen und der ernste, konzentrierte Gesichtsausdruck verdeutlichen die äusserste geistige Anstrengung, in der sich Demosthenes mit zur Seite gewandtem Kopf und gesenktem Blick befindet.
Nicht mehr die gelöste Souveränität klassischer Ehrenstatuen, sondern eine verkrampfte Konzentration ist als Botschaft einer enormen mentalen Willenskraft und Energie zu verstehen, die im Kontrast zur hageren Gestalt des Demosthenes steht. Seine Statur zeugt, ebenso wie die tief liegenden, eng stehenden Augen und der gerade, schmale Mund mit verbissen zurückgezogener Unterlippe, nicht nur vom Alter, sondern auch von der Unbeugsamkeit und Selbstdisziplin des Dargestellten. Gerade das Bestreben, das Ungreifbare fassbar zu machen, ist bezeichnend für die Kunst des Hellenismus und zeigt sich in der charismatischen Wiedergabe des Demosthenes in besonders eindrücklicher Weise
Anna Laschinger
Auswahl an Literatur
- Paul Hartwig, Zur Statue des Demosthenes, in: Klaus Fittschen (Hg.), Griechische Porträts (1988) 141–146
- Adolf Michaelis, Die Bildnisse des Demosthenes, in: ebd., 78–100
- Gisela M. A. Richter, The Portraits of the Greeks II (1665) 215–223
- Karl Schefold, Die Bildnisse der antiken Dichter, Redner und Denker (1997) 200f.
- Horst Seilheimer, Form- und kopienkritische Untersuchungen zum hellenistischen Porträt (2003) 39–64
- Standorte. Kontext und Funktion antiker Skulptur (Ausstellungskatalog Abguss-Sammlung antiker Plastik Berlin 1994) 313f. Nr. C 12
- Paul Zanker, Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst (1995) 85–90
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
