Sammlung
«Skulptur des Monats» Dezember 2002
Die sogenannte «Laokoon-Gruppe»
Original
Datierung: Um 50 n. Chr.
Standort: Vatikan, Belvedere (Inv. 105)
Material: Carrara-Marmor
Höhe: 184 cm
Abguss
Inv.-Nr.: SH 280 / 76-7
Herkunft: Atelier du Louvre (vor 1849)
Material: Gips
Werkbetrachtung
Als die Gruppe am 14. Januar 1506 am Hang des Esquilin in Rom gefunden wurde, war dem herbeigezogenen Architekten Giuliano da Sangallo und dem Maler und Bildhauer Michelangelo Buonarroti sofort klar, dass es sich um die schon in antiken Schriftquellen hoch gerühmte Laokoon-Gruppe handelte und dass folglich eine der bedeutendsten Skulpturen der Antike überhaupt entdeckt worden war.
Abbildung 1: Laokoon-Gruppe in der Skulpturhalle.
Vergil, ein lateinischer Dichter aus dem 1. Jh. v. Chr., erzählt uns, dass Laokoon, ein Poseidon-Priester aus der Stadt Troja, den Zorn der Göttin Athena beschworen hatte, weil er versucht hatte, seine Mitbürger vor der List des hölzernen Pferdes zu warnen, dank der die griechischen Belagerer Troja letztendlich er-obern und zerstören sollten. Athena sandte darum zwei Schlangen aus dem Meer empor, die Laokoon und seine beiden Söhne überfielen. Die Gruppe zeigt diese göttliche Bestrafung am Höhepunkt der Spannung: Vor einem Altar wird der kräftige Priester – durch seinen Bart als älterer Mann gekennzeichnet – tödlich von einer der beiden Schlangen gebissen. Der geöffnete Mund und das ausdrucksvolle Gesicht, die krampfhafte Bewegung des sich ein letztes mal wehrenden Körpers, drücken wirkungsvoll das Leid dieses Menschen aus. Der jüngere Sohn links von ihm teilt sein Schicksal: die zweite Schlange hat ihn gefesselt und beisst ihn in die Leber.
Der ältere Sohn steht noch auf seinem rechten Bein und scheint in der Lage zu sein, sich selbst befreien zu können. Die Ansicht des grausamen Todes seines Vaters und Bruders bleibt ihm indes nicht erspart.
Die pyramidal komponierte Gruppe ist stark in die Fläche gezogen und ausschliesslich für eine Ansicht von Vorne bestimmt. Wahrscheinlich war sie, wie heute im Belvedere des Vatikans, in einer Nische aufgestellt.
Die Skulptur ist ausgezeichnet erhalten. Man muss sich aber bewusst sein, dass sie ursprünglich bemalt war und dass die Bohrlöcher im Haar der Hauptfigur von einem ursprünglich aufgesetzten Kranz aus Bronze stammen dürften.
Vom Marmororiginal fehlen lediglich die rechte Hand des Laokoons und des älteren Sohnes, der rechte Arm des jüngeren Knaben und Stücke der Schlangen. Im Gipsabguss wurden einige dieser fehlenden Partien frei ergänzt. Einige kleine Partien mussten geflickt werden, unter anderem weil die Gruppe 1797 zusammen mit vielen anderen Antiken von Napoleon nach Paris abtransportiert und dabei beschädigt wurde. Von dort kehrte sie erst 1815 nach Rom zurück.
Der rechte Arm des Priesters hat eine interessante Geschichte. Bei der Entdeckung hat er noch gefehlt; ein Schüler Michelangelos, Giovanni Angelo Montorsoli, hat darum im Auftrag von Papst Julius II., der die Gruppe angekauft hatte, dem Laokoon einen emphatisch emporgestreckten Arm angefügt. Erst 1904 kam der verloren geglaubte originale Arm in einer römischen Bildhauerwerkstatt zum Vorschein. 1957 konnte dieser stark angewinkelte Arm der Marmorgruppe wieder zugeführt werden; er ist auch an unserem Abguss zu sehen.
Abbildung 2: Basler Fasnacht 1967: «Olympia-Clique».
Der lateinische Schriftsteller Plinius d.ä. (1. Jh. n. Chr.) preist in seiner Naturalis Historia die Laokoongruppe als eine Skulptur an «... die allen Werken sowohl der Malerei als auch der Bildhauerkunst vorgezogen werden muss». Er berichtet weiter, dass die Gruppe das Haus des Kaisers Titus schmückte, und ein aus einem einzigen Steinblock geschaffenes Werk der rhodischen Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros war.
Wir können nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, dass die am Esquilin entdeckte Marmorgruppe gerade mit jener von Plinius beschriebenen Statue identisch ist, da die vorliegende Gruppe nicht aus einem einzigen Marmorblock, sondern aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist. Ausserdem ist bis heute nicht entschieden, zu welcher Zeit dieses Marmorwerk entstanden ist. Einige Gelehrte sehen es als römische Kopie einer Bronzegruppe aus dem 2. Jh. v. Chr. an, andere als eine späte Eigenschöpfung aus dem mittleren 1. Jh. n. Chr.
Abblidung 3: Tschechische Karrikatur.
Seit ihrer Entdeckung im 16. Jh. ist die Laokoongruppe von Malern und Bildhauern immer wieder kopiert und nachgeahmt worden. Sie übte einen grossen Einfluss auch auf berühmte Schriftsteller (Goethe, Lessing) und bedeutende Forscher (Winckelmann, Burckhardt) aus, wobei sie sehr verschieden beurteilt und rezipiert wurde. Nicht nur Bewunderung und Lob, sondern auch gelegentlicher Spott trugen dazu bei, dass die Statue bis heute als eines der bekanntesten antiken Werke überhaupt gilt.
Kein Wunder also, wenn wir Anklänge der Gruppe auch in unzähligen Karikaturen (wie z.B. als Fastachtssujet der Olympia-Clique (1967) oder als «Laokoon csoport») wiederfinden.
Auswahl an Literatur
- Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie, in: J. Perfahl (Hg.), Lessings Werke (1969).
- Bernhard Andreae, Laokoon und die Gründung Roms (1988).
- Tomas Lochman – Ute Gottschall Henkel, Sehnsucht Antike. Johan Rudolf Burckhardt und die Anfänge der Basler Abgusssammlung (1995) S. 26–27 Nr. 4.
- Bernhard Andreae, Skulptur des Hellenismus (2001), S. 188–194 Nr. 182–183.
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
