Sammlung
«Skulptur des Monats» Januar 2003
Die sogenannte «Venus von Milo»
Original
Datierung: Um 130 v. Chr.
Standort: Paris, Louvre (Inv. 3997400)
Fundort: Insel Melos
Material: Parischer Marmor
Höhe: 204 cm
Abguss
Inv.-Nr.: SH 261
Herkunft: Atelier du Louvre
Material: Gips
Werkbetrachtung
Die auf der Kykladeninsel Melos (neugriechisch ausgesprochen ‹Milo›) stammende, allgemein «Venus von Milo» genannte Aphroditestatue ist neben der Laokoongruppe die wohl berühmteste antike Plastik. Wie der Abguss besteht das Original aus zwei Marmorblöcken; die Fuge verläuft dicht über dem Gewand.
Abbildung 1: «Venus von Milo» in der Skulpturhalle.
Ans Tageslicht kam die Statue am 8. April 1820. Ein Bauer namens Yorgos stiess bei der Suche nach geeignetem Baumaterial auf seinem Grundstück in der Nähe von Resten eines griechischen Theaters oder Gymnasions des antiken Melos auf den oberen Teil der Statue. Da sich dieser «Stein» nicht als Baumaterial eignete, wollte der Bauer den Statuenteil wieder zuschütten! Zufällig beobachtete ein Matrose der französischen Flotte und spätere Oberst Olivier Vautier die Szene. Er überredete den Bauern zum Weitergraben und fertigte Zeichnungen der nachfolgend geborgenen Marmorteile an: Nach dem Oberkörper kam noch der untere Teil der Statue sowie zwei Hermen zum Vorschein, nicht aber die Arme der Göttin, die offensichtlich von Anfang an fehlten. Vautier meldet den Fund dem Marquis de Riviere, dem französischen Botschafter in Istanbul – Griechenland befand sich damals noch unter der Herrschaft der Ottomanen. Der Marquis erwirbt die Statue umgehend. über Konstantinopel erreicht die Statue nach einer risikoreichen Odyssee durchs halbe Mittelmeer im November 1820 Frankreich, wo sie als Geschenk dem König Louis XVIII übergeben wird; dieser vermacht sie dem Louvre, wo sie schnell grosse Bewunderung und Berühmtheit erlangt.
Abbildung 2: «Venus von Capua» in Neapel (links) und eine eher phantastische Gipsrekonstruktion in Kombination mit dem «Ares Borghese», einem Werk um 420 v. Chr.
Im Typ und Standmotiv mit angehobenem linken und belastetem rechten Bein folgt die Venus älteren Aphroditestatuen, vor allem der im Museum von Neapel aufbewahrten Aphrodite von Capua, einer Schöpfung aus dem späten 4. Jh.v.Chr. Im Gegensatz zu diesem spätklassischen Werk ist der Aufbau von gegenläufigen Bewegungen geprägt. Die Aphrodite von Melos «schraubt» sich in leichter Schräglage nach oben. über dem vorgesetzten linken Bein weicht die Hüfte zurück, während sie sich rechts weit nach vorn und seitlich über die Standbein-Kontur hinausschiebt. Der mehrfach gebrochene Aufbau weist die Venus von Milo als Werk des Späthellenismus aus. Der Kontrast zwischen der harten Stofflichkeit des Gewands und dem nackten Oberkörper betont die Sinnlichkeit der Göttin, die durch die fehlenden Arme noch verstärkt wird.
Abbildung 3: Die Venus von Milo von Dali (1936) und eine Karikatur von Geluck (1997).
Trotz Nachgrabungen sind ihre Arme nie gefunden worden. Doch dieses Fehlen hat den Siegeszug der Statue in der europäischen Rezeptionsgeschichte in keiner Weise beeinträchtigt, sondern im Gegenteil begünstigt, weil die fehlenden Teile die Phantasie der Zuschauer anregen und den Ausdruck des übrigen Körpers verstärken. Ob die Arme der Statue nach dem Vorbild der Aphrodite von Capua mit dem Schild ihres Gatten Ares ergänzt werden können oder ob die Statue irgendein anderes Attribut hielt – etwa den Apfel, das Siegessymbol im göttlichen Schönheitswettbewerb – interessiert allenfalls den Archäologen, nicht aber die Masse der Bewunderer, die in täglichen Strömen die berühmteste antike Statue in ihrem Saal im Louvre bestaunen. Keine andere antike Statue hat derart viele Lobeshymnen von Dichtern und Schriftstellern über sich ergehen lassen und derart viele «Hommages» von Malern und Bildhauern erdulden müssen, wie die armlose Göttin aus Melos.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- G. Schwarz, Die Venus von Milo (1955).
- L. Laurenzi, Le Venere di Milo e di Capua, Arte Antica e Moderna 19, 1962.
- Alain Pasquier, La Venus de Milo et les Aphrodites du Louvre (1985).
- Dimitri Salmon, La Venus de Milo. Un mythe (2000).
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
