Sammlung
„Skulptur des Monats“ Februar 2003
Die Nike des Paionios
Original
Datierung: Um 420 v. Chr.
Standort: Olympia, Museum (Inv. 46-8)
Fundort: Olympia
Material: Parischer Marmor
Höhe: 195 cm; mit Kopf 221 cm
Abguss
Inv.-Nr.: SH 166 (Körper) / SH 167 (Kopffragment)
Anschaffungsjahr: 1878
Material: Gips
Werkbetrachtung
Bei den deutschen Ausgrabungen in Olympia wurden im Jahre 1875 ca. 30 m südwestlich des Zeustempels die Reste einer Nike-Statue zusammen mit verschiedenen Blöcken eines dreiseitigen Marmorpfeilers gefunden. Das Fundament, das diesen Pfeiler trug, lag in unmittelbarer Nähe, so dass es gelang, das Monument zumindest zeichnerisch vollständig zu rekonstruieren.
Die Siegesgöttin ist in einer ganz besonderen Art in dem Moment dargestellt, in welchem sie aus der Luft auf den 8.5 m hohen Pfeiler niederschwebt. Das Motiv des Schwebens wird einerseits durch die heute leider verlorenen Flügel und den ebenfalls nur noch in Fragmenten erhaltenen Mantel charakterisiert, der sich wie ein Fallschirm hinter dem Körper der Nike aufgebläht hatte. Andererseits griff der Bildhauer zu einem gelungenen Mittel, um die Füsse der Göttin tatsächlich in der Luft schwebend darzustellen, indem er zwischen ihr und der Statuenplinthe einen fliegenden Adler einschob. Das eng anliegende Gewand, das den Körper der Nike mehr betont als verhüllt, das nackte, nach vorne gestreckte linke Bein und die leichte Schräglage der Figur untermalen dieses Motiv aufs Schönste. Zweifellos haben wir hier ein grossartiges Werk des soge-nannten Reichen Stiles, d. h. des ausgehenden 5. Jhs. v. Chr. vor uns.
Abbildung 1: Nike des Paionios in der Skulpturhalle.
Von besonderem Interesse ist aber, dass wir nicht nur die Statue an ihrem ursprünglichen Standort rekonstruieren können, sondern dass wir dazu noch durch die in den Pfeiler eingemeisselten Inschriften die Stifter, den Anlass der Stiftung sowie den Namen des Künstlers erfahren. Demzufolge haben die Messenier und die Naupaktier das Werk zusammen dem Zeus aus dem zehnten Teil einer Kriegsbeute geweiht. Folgen wir den Angaben des Pausanias (5,26,1), so muss es sich dabei um die Auseinandersetzung bei der Insel Sphakteria bei Pylos gehandelt haben, bei der die Athener unter Beihilfe der Messenier und Naupaktier den Sparta-nern eine schmachvolle Niederlage bereitet hatten. Die Nike-Statue muss demnach kurz nach dieser Schlacht, also kurz nach 425 v. Chr. entstanden sein. Als Künstler zeichnet Paionios von Mende, welcher der Inschrift zufolge auch den Künstlerwettbewerb um die Herstellung des Mittelakroters auf dem Zeustempel gewonnen hatte.
So klar und eindeutig wie sich dieses Kunstwerk präsentieren mag, so sind damit doch einige Probleme verbunden, die der Forschung bis heute Kopfzerbrechen bereiten. Zum einen wäre da die Rekonstruktion des leider verlorenen Gesichtes, das man in dem sogenannten Hertzschen Kopf-typus wiedererkennen wollte, von welchem Repliken in Rom, im Vatikan und in Athen bekannt sind. Leider weichen jedoch einige Details dieser Köpfe von dem erhaltenen Hinterkopf der Paionios-Nike ab, so dass diese Zuweisung um-stritten ist.
Abbildung 2: Rekonstruktionszeichnung der Säule mit Nike.
Zum andern wurden im Apollonheiligtum von Delphi Reste eines ähnlichen, dreiseitigen Pfeilers gefunden, dessen nur bruchstückhaft erhaltene Weihinschrift ebenfalls die Messenier als Stifter nennt. Nach Meinung einiger Forscher stand darauf eine vergleichbare Nike-Statue, ja man ging sogar soweit, auf diesem Pfeiler das Bronzeoriginal der Paionios-Nike anzunehmen, welches dann in Olympia von demselben Bildhauer in Marmor kopiert worden wäre. Diese These führte in der Fachwelt zu einer Diskussion um die generelle Frage, ob im 5. Jh. v. Chr. bereits Kopien von bedeutenden, zeitgenössischen Kunstwerken hergestellt worden waren.
Mit seiner schwebenden Nike hat Paionios zwar keinen neuen Statuen-Typus kreiert – bereits die rund fünfzig Jahre ältere Nike aus Paros ist in schwebendem Zustand dargestellt – dafür kommt ihm aber das Verdienst zu, das Motiv des Schwebens einer rundplastischen Statue in seiner Vollkommenheit ausgebildet zu haben.
Karl Reber
Auswahl an Literatur
- B. Schmaltz, Typus und Stil im Historischen Umfeld, JdI 112, 1997, 77–107.
- A. Gulaki, Klassische und Klassizistische Nikedarstellungen (Diss. Bonn 1981) bes. 41–49.
- T. Hölscher, Die Nike der Messenier und Naupaktier in Olympia, JdI 89, 1974, 70–111.
- K. Herrmann, Der Pfeiler der Paionios-Nike in Olympia, JdI 87, 1972, 232–257.
- R. Harder, Paionios und Grophon: Zwei Bildhauerinschriften, in: R. Lullies (Hg.), Neue Beiträge zur klassischen altertumswissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Bernhard Schweitzer (1954) 192–201.
- R. Harder, Rottenschrift, JdI 58, 1943, 93–132 bes. 124 Abb. 34.
- H. Pomtow, Die Paionios-Nike in Delphi, JdI 37, 1922, 55–112.
- H. Pomtow, Die dreiseitige Basis der Messenier und Naupaktier zu Delphi. Neue Jahrbücher für Philologie und Paedagogik 153, 1896, 505–536. 577–639.
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