Sammlung
„Skulptur des Monats“ März 2003
Der sogenannte „Ludovisische Thron“
Original
Datierung: Um 460 v. Chr.
Standort: Rom, Museo Nazionale Romano, Palazzo Altemps (Inv. 8570)
Fundort: Rom, im Bereich der Gärten des Sallust
Material: Griechischer Inselmarmor
Höhe: 104 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1905-1 / SH 85
Herkunft: Abgussformerei Malpieri, Rom
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Der sogenannte Ludovisische Thron ist ein zu einer U-Form gestalteter und an seinen drei Seiten reliefgeschmückter Marmorblock. Die Vorderseite war ursprünglich giebelförmig zugespitzt, die beiden Seiten verjüngen sich gegen hinten. An unserem Abguss sind die drei Seiten als Einzelplatten abgeformt und wieder zusammengefügt worden; das Original besteht aber aus einem einzigen Steinblock. Er kam 1887 bei Ausgrabungen in der Nähe der Villa Ludovisi in Rom, die im Bereich der sog. Horti Sallustiani liegt, zum Vorschein. Nach dem Namen der römischen Adelsfamilie der Ludovisi, die dieses Fundstück in ihre Privatsammlung aufnahm, wird das Original bis heute benannt. 1901 wurde der „Thron“ zusammen mit den übrigen Stücken der Villa Ludovisi dem Römischen Nationalmuseum übergeben.
Abbildung 1: Der „Ludovisische Thron“ in der Skulpturhalle.
An der Frontseite sind drei weibliche Figuren dargestellt: Zwei von der Seite her gezeigte, leicht gebückte Frauen greifen einer von vorne erfassten zentralen Gestalt unter die Achseln; diese steigt aus dem Wasser empor, auf das die Kieselsteinchen unter den Füssen der beiden rahmenden Frauen sowie das nass erscheinende, am Körper klebende Gewand der Hauptfigur hinweisen. Die beiden Dienerinnen halten ein Tuch vor der auftauchenden Figur, die ihrerseits ihre beiden Arme zu ihnen erhebt. Alle Figuren tragen fein gefältelte, durchscheinend wirkende Gewänder (Peplos bzw. Chiton), unter denen sich die Körperformen deutlich abzeichnen.
Die beiden Nebenseiten zeigen je eine auf einem Kissen sitzende Frauengestalt, den Rücken jeweils zur Vorderseite gewendet. Links erkennen wir eine nackte flötenspielende Frau, die Haare in eine Haube gefasst, das eine Bein über das andere geschlagen, und rechts eine in einem Mantel verhüllte Frau, die aus einer runden Büchse mit aufgeklapptem Deckel offensichtlich Weihrauchkörner in einen Räucherständer streut.
Abbildung 2: „Ludovisischer Thron“: Linke Wangenseite.
Die genaue Erklärung der Darstellungen und damit auch der Funktion des sog. Thrones ist nicht restlos klar zu interpretieren: Zentral ist – nicht nur in der Komposition, sondern auch für die Deutung – die aus dem Wasser emporsteigende Göttin. Aufgrund des Motivs scheint nur Aphrodite in Frage zu kommen, da diese Göttin aus dem Meer geboren wurde. Die beiden Helferinnen könnten dann die Horen (die Dienerinnen der Göttin) sein. Auch die gelagerten Frauen auf den Nebenseiten können mit dem Umkreis der Liebesgöttin gut in Einklang gebracht werden. Auf der linken Seite wäre in der nackten Flötenspielerin eine Hetäre, eine Art „Kurtisane“, bzw. eine Tempeldienerin der Göttin zu sehen, die andere Frau könnte als Braut gedeutet werden, die vor ihrer Hochzeit ihrer „Schutzpatronin“ Weihrauch opfert; denn die Göttin Aphrodite erfreute sich im antiken Hochzeitskult grosser Bedeutung.
Abbildung 3: „Ludovisischer Thron“: Rechte Wangenseite.
Das Stück wurde stets zu Recht als original griechische Arbeit angesehen und mit einem Bildhauer des strengen Stils (der frühen Phase der klassischen griechischen Kunst) aus der Zeit um 470–50 v. Chr. in Verbindung gebracht. Das Werk muss in Grossgriechenland, d. h. im Süden Italiens, entstanden sein. Die Stadt Lokroi (Locri), welche ein bedeutendes Aphroditeheiligtum besass, wurde immer wieder als möglicher Entstehungsort genannt. Von dort könnte das Relief nach der römischen Eroberung Siziliens im Jahre 241 v. Chr. nach Rom abtransportiert worden sein.
In der älteren Forschung wurde das Ludovisische Relief als Altarverkleidung bzw. als Thronsessel angesehen. Letzterer Erklärungsversuch hat sich in der bis heute üblichen Bezeichnung „Thron“ niedergeschlagen – auch wenn mittlerweile als wahrscheinlich gilt, dass der einst giebelförmige Block ursprünglich als Balustrade im ionischen Aphroditetempel in Lokroi diente und in Rom später einen monumentalen Pfeiler bekrönte: Auf letzteren, hohen Standort weisen die runden Abarbeitungen an den Ecken hin, die wohl für Akroterbekrönungen des darunter stehenden Pfeilers bestimmt waren.
Abbildung 4: „Bostoner Thron“, Museum of Fine Arts, Boston.Für den neuen Aufstellungsort in Rom muss ferner das Pendant des „Ludovisischen Thrones“ gearbeitet worden sein: das in Form, Massen und Verzierungsart dem ludovisischen Stück so eng verwandte Relief im Museum of Fine Arts in Boston (der nebenan ebenfalls in einem Abguss ausgestellt ist). Letzteres soll angeblich nur wenige Jahre nach der Ausgrabung des ludovisischen Exemplars im gleichen Gebiet der einstigen Gärten des Sallustus gefunden worden sein. Die stilistischen Unterschiede, die das jüngere Bostoner Stück gegenüber dem qualitätsvolleren griechischen Original aufweist, haben zu einer weit verbreiteten Unsicherheit im Bezug auf die nicht eindeutig zu beweisende Echtheit des „Bostoner Throns“ geführt und bisweilen gar auch Zweifel über die Authentizität des ludovisischen nach sich gezogen. Einzelne Besonderheiten der stilistischen Arbeit erscheinen vor diesem zweifelhaften Hintergrund als „Fehler“; etwa dass die Zehen des linken (hinteren) Fusses der linken Helferin vor (und nicht hinter) den Gewandfalten über dem rechten Bein erscheint; dass der rechte Oberschenkel der Flötenspielerin aus dem Bauch „herauszuwachsen“ scheint oder dass die Brüste der Aphrodite „unschön“ zu den Seiten „geklappt“ sind. Doch diese Gründe reichen nicht, die Echtheit des „Ludovisischen Throns“ ernsthaft zu bezweifeln. Es ist allerdings auch nicht zu leugnen, dass der „Thron“ heute nicht mehr so überschwenglich gepriesen wird, wie das die Archäologen noch im frühen und mittleren 20. Jh. getan haben, die darin ein Werk der „feinsten Arbeit“ und „von erlesener Schönheit“ sahen.
Auswahl an Literatur
- Erika Simon, Die Geburt der Aphrodite (1959).
- L. Alscher, Götter vor Gericht, (1963).
- Wolfgang Helbig, Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom (4., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg.v. Hermine Speier), 3. Bd. (1969) Nr. 2340.
- John Boardman, Griechische Plastik. Die Klassische Zeit (1985) S. 91f., 95 Abb. 46.
- I greci in occidente (Ausstellungskatalog Venedig 1991) S. 392 (mit Farbabbildungen), 795 Kat.-Nr. 189.
- M. Mertens-Horn, Bilder heiliger Spiele. Zur Deutung der sog. „Throne“ aus Marmor in Rom und Boston, Antike Welt 1997, S. 217–231.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)
