Sammlung
«Skulptur des Monats» Oktober 2003
Der sogenannte «Barberinische Faun»
Original
Datierung: Um 220 v. Chr.
Herkunft: Rom, zwischen 1624 und 1641 bei Befestigungsarbeiten im Castel San Angelo gefunden
Standort: München, Glyptothek
Material: Marmor
Höhe: 178 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1890-2 SH 247 / 247a
Herkunft/Jahr: Alter ergänzter Abguss: Gisformerei Zöller, München (1890); neuer Abguss ohne Ergänzungen: Fa. Bertolin, Haimhausen bei München
Material: Gips
Werkbetrachtung
Der sogenannte «Barberinische Faun» stellt einen schlafenden Satyr dar. Dieses Wesen der griechischen Mythologie gehört zum Gefolge des Dionysos, welcher als Gott des Weines und des Rausches verehrt wurde. Dass es sich beim Schlafenden um einen Naturdämon handelt, verdeutlicht der tierische Schwanz. Das Weinlaub in seinem Haar und das Pantherfell, auf dem der Schlafende liegt, sind Elemente, die auf den dionysischen Umkreis hinweisen; die Panflöte hinter dem Felsen hinwiederum ist ein konkreter Hinweis auf einen Satyrn.
Abbildung 1: Der «Barberinische Faun» in der Skulpturhalle.
Die Skulptur fällt durch ihre kühne, ja unflätige Pose auf; der Satyr liegt mit weit geöffneten Armen und Beinen nackt auf einem Felsen. Der linke Arm hängt entspannt vom Felsen herab, während der rechte angewinkelt ist, um den Kopf zu stützen. Auch das rechte Bein ist angewinkelt und scheint den Körper auf seinem Platz zu halten. Der Kopf ist im Schlaf nach hinten gesunken, der Mund leicht geöffnet. Das Gesicht des Schläfers trägt durch Stirnfalten, dominante Nase und buschigen Brauen über den geschlossenen Augen derbe Züge. Gesicht und Körpersprache geben dem Satyr einen ungestümen und schamlosen Charakter, was im Einklang mit seinem Bezug zum Kult des Dionysos steht.
Die überlebensgrosse Marmorskulptur entstand in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. und diente wahrscheinlich als Weihstatue in einem dionysischen Heiligtum. Ihr Schöpfer, ein unbekannter hellenistischer Bildhauer, wich mit seiner realistischen Wiedergabe radikal von allen früheren grossplastischen Satyrdarstellungen ab. Dieser Bildhauer muss in der kleinasiatischen Stadt Pergamon tätig gewesen sein, denn die enge stilistische Verwandtschaft mit den Gallier-Weihgeschenken und den Figuren des grossen Frieses des Zeusaltars in Pergamon weist den Barberinischen Faun als der pergamenischen Kunst zugehörig aus.
Abbildung 2: Der «Barberinische Faun» in der Glyptothek München.
In römischer Zeit wurde der schlafende Satyr nach Rom verschleppt und zu einem Wasserspender umgearbeitet, worauf die Durchbohrung der schmalen Felswand rechts vom Rücken hinweist (am ergänzten, älteren Abguss nicht sichtbar). Er muss im Bereich der Engelsburg gestanden haben, wo er 17. Jahrhundert anlässlich von Bauarbeiten wiederentdeckt wurde. Der aus der Fürstenfamilie Barberini stammende Papst Urban VIII. (1632–1644) brachte die Statue in die Haussammlung seines Familienpalastes. Nach diesem Geschlecht erhielt die Skulptur die bis heute noch übliche Bezeichnung «Barberinischer Faun». (Faun ist eine neuzeitliches Synonym für Satyr).
Bei seiner Auffindung fehlten der Skulptur das gesamte rechte Bein und Teile des Linken, der linke Arm sowie der rechte Ellenbogen und Finger der Hand. Vom Felsen fehlte der gesamte hintere Teil.
Diese Unvollständigkeit regte verschiedene Bildhauer und Zeichner zu Rekonstruktionsversuchen an. Als erster fügte kein geringerer als Lorenzo Bernini Mitte des 17. Jahrhunderts Stuckergänzungen an. Als die Familie Barberini 1799 aus Geldmangel die Skulptur an den Bildhauer Pacetti verkaufte, ergänzte dieser die fehlenden Teile nach seinen eigenen Vorstellungen. Besonders das rechte, von ihm sehr muskulös und extrem abgewinkelt erstellte Bein gibt bis heute zu Diskussionen Anlass, da dessen Ergänzung als zu aufdringlich und bar der Natürlichkeit einer griechischen Plastik empfunden wurde. (Am späteren Abguss von Silvano Bertolin sind diese Pacetti-Ergänzungen alle entfernt worden.)
Im Jahre 1820 traf der Satyr in München ein, wo er in der neu erbauten Glyptothek des späteren Königs Ludwig II. von Bayern bis heute eine neue Heimat finden sollte. Dem Kauf gingen einige Besitzstreitigkeiten voran, in die der Vatikan, der sein Besitzrecht trotz der Veräusserung der Familie Barberini nicht aufgeben wollte, verwickelt war.
In der Glyptothek zählt der Satyr heute zu den beliebtesten Skulpturen. Es ist gerade die unflätige Pose dieser nackten Figur, die seinen Erfolg und Publikumsgunst ausmacht.
Mirjam Höfler Ronsdorf
Auswahl an Literatur zum Typus
- Heinrich Bulle, Jahrbuch des lnstituts 16, 1901, 1ff.
- Martin Guggisberg, Statuette eines schlafenden Hirten, in: Ernst Berger (Hg.): Antike Kunstwerke aus der Sammlung Ludwig III. Skulpturen (1990), 309–324.
- Hans Walter, Der schlafende Satyr in der Glyptothek in München, in: K. Braun und A. Furtwängler (Hg.), Studien zur klassischen Archäologie. Festschrift zum 60. Geburtstag von Friedrich Hiller (1986), 91–122.
- ders., Satyrs Traum. Ein Gang durch die griechische Satyrlandschaft (1993).
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
