Sammlung
«Skulptur des Monats» Januar 2004
Die sogenannten «Tyrannentöter» – das früheste politische Denkmal Athens
Original
Datierung: Römische Kopie der 477/76 v. Chr.
von Kritios und Nesiotes für die Athener Agora aufgestellten Gruppe
Standort: Neapel, Museo Nazionale Inv. 6009/10; Rom Konservatorenpalast Inv. 906, ehemals Vatikanische Museen (Kopf des Bärtigen)
Fundort: unbekannt, wohl Rom oder dessen Umgebung
Material: Marmor
Höhe: 185 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1891-1/2
Herkunft: Gipsformerei Berlin
Material: Gips
Werkbetrachtung
Die Gruppe der Tyrannenmörder ist ein Hauptwerk der frühen klassischen Plastik Griechenlands. Sie stellt die befreundeten Männer Harmodios und Aristogeiton dar, die während des Panathenäenfestes von 514 v. Chr. die Tyrannen-Brüder Hipparch und Hippias zu ermorden versucht haben.
Mit kräftigem Ausfallschritt stürmen die beiden, durch ihre Nacktheit heroisierten Tyrannenmörder nach vorne. Aristogeiton ist der bärtige und ältere der beiden Freunde. Das eng anliegende kurzgelockte Haar und der dichte Bart verstärken den kubischen Eindruck seines Kopfes. Die Muskelpartien seines Oberkörpers sind durch deutliche Zäsuren voneinander getrennt. über den linken, nach vorne ausgestreckten Arm hat er seinen Mantel geworfen. In der Hand hielt er ursprünglich eine Schwertscheide, das Schwert selbst umfasste er mit der Hand des rechten zum Stoss ausholenden Armes.
Abbildung 1: Die «Tyrannentöter» in der Skulpturhalle.
Der jüngere Harmodios ist in ähnlicher aber spiegelbildlich umgekehrten Vorwärtsbewegung erfasst. Sein Kopf ist rundlicher und erinnert mit seinen stilisierten Buckellöckchen an archaische Kourosstatuen. Seine jugendliche Kraft wird durch den kräftigen Oberköper betont, dessen Muskelpartien geschmeidiger und elastischer wirken als beim älteren Aristogeiton. Der Kontrast zwischen den beiden Körpern unterstreicht den Unterschied zwischen Jugend und Reife, zwischen Tatendrang und Erfahrung. Der rechte Arm des Harmodios fehlt. Anhand von vergleichbaren Darstellungen der Gruppe auf Vasen-, Münz- und Reliefbildern lassen sich die Bewegungen und Attribute der originalen Statue in den Grundzügen rekonstruieren. Harmodios benutzt danach das Schwert im Gegensatz zu Aristogeiton als Hieb- und nicht als Stosswaffe; mit seinem rechten, hoch erhobenen und angewinkelten Arm holt er zum Todesschlag aus.
Abbildung 2: «Tyrannentöter»-Relief.
Dieser Anschlag war persönlich motiviert. Hipparch hatte sich in den jungen Harmodios verliebt. Da letzterer die Anträge des Tyrannen abwies, entehrte Hipparch die Schwester des Harmodios; indem er ihr die Teilnahme am Panathenäenzug als Korbträgerin versagte. Diese Beleidigung der Familienehre sollte mit dem Mord an den Tyrannen gerächt werden. Der Anschlag verlief jedoch nicht nach den Vorstellungen der beiden Komplizen. Hipparch wurde zwar getötet, nicht aber Hippias und zudem fand Harmodios während des Angriffs den Tod. Aristogeiton wurde gefangen genommen und später nach grausamen Verhör auf der Athener Akropolis umgebracht.
Fünf Jahre nach dem Anschlag fand die Tyrannei dennoch ihr Ende; Demokratie wurde fortan zur athenischen Staatsform erhoben. Der Demos (Volk) von Athen liess daraufhin 510/09 v. Chr. zu Ehren von Harmodios und Aristogeiton vom Bildhauer Antenor auf der Athener Agora eine Statuengruppe errichten. Offensichtlich spielte das persönliche Motiv der Beiden keine Rolle mehr, stattdessen wurden beide zu Symbolen des Protests gegen die Tyrannis im Namen der Freiheit erkoren, und die Gruppe somit das erst öffentlich-politische Denkmal der europäischen Kunstgeschichte.
Abbildung 3: Die «Tyrannentöter» im Museo Nazionale in Neapel.
Die 509 v. Chr. entstandene Statuengruppe wurde 480 v. Chr. aber von den Persern, nach der Eroberung Athens, als Trophäe nach Susa verschleppt. Doch bereits drei Jahre später (477/76 v. Chr.) schufen zwei andere Künstler, Kritios und Nesiotes, eine neue Gruppe. Nach Pausanias, dem Verfasser der «Beschreibung Griechenlands» aus dem 2. Jh. n. Chr., stand die zweite Gruppe unweit des Arestempels. Im Gegensatz zur älteren Antenorgruppe, die zwar Alexander der Grosse nach der Eroberung Persiens nach Griechenland zurückgeführt worden war, aber von den Römer nie kopiert wurde, ist uns die zweite Version, dank mindestens sieben römischen Kopien bekannt. Die vorliegende Kopie ist die vollständigste und ist seit dem 16. Jh. bekannt; zwischen 1586 und 1790 befand sie sich im Palazzo Farnese in Rom, 1790 wurde sie mit der übrigen Haussammlung der Adelsfamilie Farnese nach Neapel überführt. Allerdings hat sich bei dieser Statuengruppe der Kopf des Aristogeiton nicht erhalten. Der Statue wurde aber in neuer Zeit ein Gipsabguss eines Kopfes einer anderen römischen Replik aus Rom (heute im Konservatorenpalast) aufgesetzt.
Die genaue Anordnung der beiden Figuren zur Gruppe war lange Zeit umstritten und Gegenstand intensiver Diskussionen, weil sich alle Wiederholungen als Einzelkopien mit jeweils eigener Plinthe und ohne gemeinsamen Sockel erhalten haben. Mittlerweile hat sich aber die Auffassung durchgesetzt, dass die beiden Figuren einander den Rücken zuwandten, sich also auf derselben Höhe in keilförmiger Anordnung und nicht hintereinander befanden; beide Männer stürmen so nach dem gleichen Ziel, dem unsichtbaren Tyrannen, wobei Aristogeiton die ausholende Bewegung des zuschlagenden Harmodios vor den Blicken der Gegner mit seinem Mantel verdeckt.
Claude Léderrey
Auswahl an Literatur
- John Boardman, Griechische Plastik - Die klassische Zeit (1987) S. 37–46 Abb. 3–9.
- Ernst Buschor, die Tyrannen-Mörder (Sitzungsberichte der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, 1940, Heft 5).
- Burkhard Fehr, Die Tyrannentöter (1984).
- Christa von Hees-Landwehr, Griechische Meisterwerke in römischen Abgüssen. Der Fund von Baia (Ausstellungskatalog Freiburg i. Br. 1982) S. 24–26.
- Mario Rausch, Isonomia in Athen, Veränderungen des öffentlichen Lebens vom Sturz der Tyrannis bis zur zweiten Perserabwehr (1999).
- Peter Suter, Das Harmodiosmotiv (Dissertation Basel 1975).
- Michael W. Taylor, The Tyrant Slayers (1981).
- Die Griechische Klassik. Idee oder Wirklichkeit (Ausstellungskatalog Berlin und Bonn 2002) S 237–240 Kat. Nr. 132.
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
