Sammlung

«Skulptur des Monats» Februar 2004
Die sogenannte «Peploskore»

Original

Datierung: um 530 v. Chr.
Herkunft: Akropolis von Athen
Standort: Athen, Akropolis Museum Nr. 679
Material: Marmor, ursprünglich bemalt
Höhe: 117 cm

Abguss

Inv.-Nr.: sh 26
Anschaffung: aus Athen, Nationalmuseum
Jahr: 1924
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die Bezeichnung der Statue als «Peplos-Kore» geht auf das Gewand der Kore (griechisch für Mädchen) zurück, einen schlichten dorischen Peplos, der zur Zeit der Entstehung der Statue eigentlich schon gar nicht mehr modern war. Unter diesem Peplos trägt das Mädchen einen dünnen Chiton, der an den ärmeln und am Ende des Rockes noch erkennbar ist. Die Bohrlöcher am Kopf und an den Schultern weisen darauf hin, daß die Schulterfibeln aber auch der Kopfschmuck – vermutlich ein Kranz – aus Bronze gefertigt und separat angebracht waren. Ebenfalls gesondert gearbeitet war der linke Unterarm, der im Bereich des Ellenbogens verloren gegangen ist.

Die «Peploskore» in der Skulpturhalle
Abbildung 1: Die «Peploskore» in der Skulpturhalle.

Die Peplos-Kore wird als Werk des sogenannten «Rampin-Meisters» angesehen. Dieser hat seinen Namen nach dem stilistisch eng verwandten Kopf, der sich einst in der Sammlung Rampin befand und heute im Louvre ausgestellt ist (wo er dem Abguss eines im Athener Nationalmuseum aufbewahrten Torsos einer Reiterfigur aufgesetzt ist).

In der Art der Gewandbehandlung kommt die Entwicklung der Koren des 6. Jhs. v. Chr. stärker zum Ausdruck als in der eigentlichen Anatomie. Eine besondere Bedeutung kam dabei der farblichen Verzierung des Gewandes zu. Die ehemals reiche Bemalung der Statue ist noch heute mit zahlreichen Farbresten auf dem Marmor zu belegen; dass griechische Marmorwerke ursprünglich von einer reichen polychromen Farbfassung bedeckt waren, ist seit den 80er Jahren des 19. Jhs. bekannt. Vielfach sind noch die Ritzzeichnungen, die das Muster angeben, gut erkennbar. Farbig hervorgehoben waren die Haare, die Kleidung und der Schmuck, während das Inkarnat mit einer Mischung aus punischem Wachs und öl poliert war, welches am Stein einen gelblich elfenbeinfarbenen Ton zurückliess. Die Muster der Gewänder sind auch in der gleichzeitigen Vasenmalerei belegt; die mehrheitlich benutzten Farben waren Rot und Blau. Die Koren trugen vielfach Attribute in ihren Händen, die gegebenenfalls auch in Grün gehalten sein konnten. Für die Polychromie-Studien war gerade die Peploskore dank ihrer Farbreste von zentraler Bedeutung: Zahlreiche Farbrekonstruktionen wurden an ihren Abgüssen ausprobiert. Eine bemalte Figur (nach dem Abguss der Skulpturhalle) ist in der Agorà-Abteilung des Basler Antikenmuseums ausgestellt, eine andere Rekonstruktion befindet sich im Archäologischen Museum von Cambridge (siehe Foto). Letztere beinhaltet auch einen Meniskos, eine schirmartige Bedeckung des Kopfes, deren Nutzen nicht eindeutig geklärt ist.

Bemalter Abguss der« Peploskore» in Cambridge
Abbildung 2: Bemalter Abguss der« Peploskore» in Cambridge.

Der Typus der aufrecht stehenden Kore stellt in der archaischen Zeit die beinahe exklusive Darstellungsform weiblicher Figuren dar. Die Korenstatuen konnten dabei in zwei unterschiedlichen Bereichen stehen: Entweder sie nahmen in Nekropolen als Grabdenkmäler Platz über den Gräbern verstorbener Mädchen, was zum Teil mit Inschriften belegt ist, oder – und dies betrifft den weitaus grösseren Teil der Koren-Statuen – sie standen als Weihstatuen in heiligen Bezirken. Formal sind im Prinzip keine Unterschiede zwischen Grab- und Votivstatue feststellbar; da beide Statuentypen dieselben Attribute, welche die Koren entweder vor der Brust oder nach vorne gestreckt halten, aufweisen können. Die Deutung ist bei den Votivstatuen schwieriger, da die Koren sowohl männlichen als auch weiblichen Gottheiten geweiht werden konnten. Dieser Tatbestand widerlegt somit die These, dass es sich bei den Statuen um Darstellungen der Gottheit selbst handeln könnte. Zunächst ging man davon aus, dass die Votivbilder für den Betrachter schon früher anonym waren und keine Individualität ausgebildet war. Man sah hinter der Kore ein allgemeines Idealbild des «Schönen Mädchens» schlechthin, mit dessen Weihung eine besondere Gunst bei der entsprechenden Gottheit erwirkt werden sollte. Bei den Grabkoren ist dieser Sachverhalt etwas anders, da die Inschriften eigentlich die Annahme einer individuellen Person vermitteln bzw. zulassen. Die neuen Untersuchungen der archaischen Koren durch die griechische Archäologin Katerina Karakasis werfen aber ein ganz neues Licht auf die Koren als Darstellungen individueller Persönlichkeiten. Karakasi sieht in den Koren, die am Nordhang der Athener Akropolis aufgestellt waren, Stiftungen von Vätern, die ihre heiratsfähigen Töchter als Statue auf der Akropolis aufstellten, um einerseits der Gottheit ein Votiv zu weihen, um aber andererseits auch den sozialen Stand der eigenen Familie zu repräsentieren.

Ute W. Gottschall

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