Sammlung
«Skulptur des Monats» Mai 2004
Der sogenannte «Apoll von Belvedere»
Original
Datierung: Römische Kopie hadrianischer Zeit nach einem griechischen Bronzeoriginal aus der Zeit um 320 v. Chr.
Fundort: Porto d’Anzio
Standort: Vatikanische Museen, Belvedere-Hof
Höhe: 224 cm
Abguss
Inv.-Nr.: o. Nr. / SH 205
Herkunft: vermutlich aus dem römischen Nachlass der Gipsabguss- Sammlung des klassizistischen Malers Anton Raphael Mengs (1728–1779)
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Eine der berühmtesten Statuen der Antike stellt der marmorne Apollon dar, der im Belvedere-Hof des Vatikans ausgestellt ist, und der nach diesem Standort allgemein als »Apoll von Belvedere« bezeichnet wird.
Der junge Gott präsentiert sich – bis auf die Sandalen an den Füssen und das um die Schultern geworfene und um den ausgestreckten rechten Arm geschlagene Mäntelchen (Chlamys) – fast gänzlich nackt. Er erscheint im leichten Ausfallschritt nach vorn; entgegen dem klassischen Kontrapost ist das Gewicht des Körpers nicht eindeutig auf ein Standbein verlagert, sondern beinah schwerelos auf beide Beine gleichmässig verteilt. Während der rechte Arm nach unten abgeht, ist der linke Arm weit zur Seite gehalten; in die gleiche Richtung ist auch der Blick des jungen Gottes gerichtet. Man muss in den gestreckten Arm den Bogen ergänzen, aus dem der Gott eben einen Pfeil abgeschossen hat. Sein weich gewelltes Haar ist über der Stirn zu einer doppelten Schleife verschlungen, einer Haarbehandlung wie sie sonst von attischen Frauenköpfen bekannt ist.
Abbildung 1: Der «Apoll von Belvedere» in der Skulpturhalle.
Die Statue wurde gegen Ende des 15. Jhs. vermutlich in Porto d’Anzio gefunden. Der Kardinal Giuliano della Rovere hatte sie 1471 in seinem Palast bei San Pietro in Vincoli aufstellen und nach seiner Nominierung zum Papst Julius II. im Jahre 1511 in den Belvedere des Vatikan überführen lassen. Dort verblieb die Statue bis 1797, als sie mit anderen Skulpturen (u.a. auch der Laokoongruppe) im Rahmen des napoleanischen Kunstraubs nach Paris gebracht wurde. Im Oktober 1815 kehrte der Apoll wieder in den Vatikan zurück und bezog wieder seine Nische im Belvedere.
Der Apoll von Belvedere ist kein Original griechischer Zeit, wie noch bis zum 19. Jh. allgemein angenommen wurde, sondern eine römische Kopie nach einem verlorenen Bronzeoriginal aus dem späten 4. Jh. v. Chr. Die Stütze am rechten Bein ist eine Zutat des Kopisten; sie ist für die Stabilität der Marmorkopie notwendig. Als möglicher Meister des Originals wird oft der griechische Erzgiesser und Steinbildhauer Leochares genannt. Dieser hat sich einen Namen als einer der an der skulpturalen Ausgestaltung des berühmten Weltwunder-Mausoleums in Halikarnassos beteiligten Künstler gemacht. Gleichwohl zählte die ihm zugewiesene Apollstatue in der Antike nicht zu den ganz berühmten klassischen Bildwerken, steht doch die Vatikaner Replik beinahe allein da; ausser ihr hat sich ansonsten nur ein Kopf einer zweiten Replik erhalten: der sog. Steinhäusersche Kopf im Basler Antikenmuseum. Dieser Kopf, den der Basler Bildhauer Robert Steinhäuser 1866 in einer Werkstatt in Rom entdeckte, scheint trotz seines lädierten Zustands die griechische Vorlage getreuer wiederzugeben als die relativ harte Belvedere-Kopie.
An letzterer sind der Hauptteil des rechten Armes und ein Teil der linken Hand durch den Bildhauer Montorsoli im Jahre 1532 ergänzt worden. Unser Gipsabguss, der allem Anschein nach vom klassizistischen Maler Anton Raphael Mengs im 18. Jh. in Rom geformt wurde, zeigt noch den ergänzten Zustand; allerdings wurde in der Skulpturhalle vor rund 25 Jahren die linke Hand durch eine Kopie nach einem römischen Abguss vom griechischen Bronzeoriginal, welche zusammen mit anderen antiken Gipsfragmenten 1954 in Baiae bei Neapel ausgegraben worden war, ersetzt.
Abbildung 2: Der «Steinhäusersche Kopf» im Antikenmuseum (Basel).
Aus der Optik des 18. Jhs. ist der Apoll von Belvedere eindeutig die wichtigste aller antiken Statuen. Diese unangefochtene Vorzugsstellung verdankt die Statue dem Begründer der archäologischen Wissenschaft Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der seine Bewunderung mit folgenden Worten ausdrückte: «Die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums, ...» und das Musterbeispiel von «... stiller Grösse und edler Einfalt ...»
Auch für J. W. von Goethe, der dem Werk zum ersten Mal in einem Abguss der Mannheimer Akademie begegnete, war der Apoll schlicht die alles überragende antike Statue. In einem Brief an Johann Gottfried Herder im Herbst 1771 fasste er seine Ergriffenheit in folgende Worte: «Mein ganzes Ich ist erschüttert, das können sie dencken, Mann! Und es vibrirt noch viel zu sehr als das meine Feder stets zeichnen könnte. Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich uns in deiner Nacktheit, dass wir uns der unsrigen schämen müssen ...» Auch wenn heute die Statue nicht mehr als das wichtigste Werk der Antike beurteilt wird, so gehört sie trotzdem immer noch zu den am meisten bekannte Kunstwerken wie zahllose neuere und auch neueste Zitate Wiederholungen, aber auch Karikaturen bezeugen.
Ute W. Gottschall und Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Johann Joachim Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums (vollständige Ausgabe Weimar 1964, Erstauflage 1764) S. 309–310.
- Wolfgang Helbig, Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom (4., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. v. Hermine Speier), 1. Bd. (1963) S. 170–172 Nr. 226.
- Adolf Borbein, Die griechische Statue des 4. Jahrhunderts v.Chr., Jahrbuch des Instituts 88 (1973) 150ff. Abb. 77–78.
- Francis Haskell – Nicholas Penny, Taste and the Antique. The Lure of Classical Sculpture 1500-1900 (1981) S. 148–151 Nr. 8 Abb. 77.
- Christa Landwehr, Die antiken Gipsabgüsse aus Baiae (1985) S. 104–111, Taf. 61–64.
- Nikolaus Himmelmann, Apoll vom Belvedere, in: Il Cortile delle Statue: der Statuenhof des Belvedere im Vatikan. Akten des internationalen Kongresses zu Ehren von Richard Krautheimer, Rom, 21.–23. Oktober 1992, hg. v. Matthias Winner, Bernard Andreae, Carlo Pietrangeli. XI, (1998) S. 211–226.
- Andreas W. Wetter, Zeichen göttlichen Wesens, überlegungen zum Apollon vom Belvedere, Archäologischer Anzeiger 1995, S. 451–456.
- Tomas Lochman – Ute Gottschall Henkel, Sehnsucht Antike. Johann Rudolf Burckhardt und die Anfänge der Basler Absssammlung (Ergänzungsschrift zu Sonderausstellung in der Skulpturhalle Basel 17. 11. 1995 – 28. 04. 1996) S. 28–30.
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